Kirchen-Apps, Handy-Kirchenguides, Multimedia-Downloads für Kirchentouristen ... in den letzten Jahren haben sich telemediale Angebote der Kirchenraum-Erschließung für den interessierten „Otto Normalverbraucher” geradezu explosionsartig vermehrt. Gleichzeitig sorgten 2009 Umberto Eco und Jean-Claude Carrière für Aufsehen, als sie - völlig gegen den Trend - „Die große Zukunft des Buches” prognostizierten. Das herkömmlich gedruckte Buch sei trotz technologischer Veränderungen immer noch der dauerhafteste Wissens- und Erkenntnisspeicher, so Eco und Carrière.
Einen solchen Wissens- und Erkenntnisspeicher legt Aloys Butzkamp mit seinem Opus magnus „Kirchen in den Blick nehmen. Architektur und Ausstattung” vor, das vor kurzem im Bonifatius-Verlag erschienen ist. Nach eigenem Bekunden des Autors ist das Buch „besucher-orientiert”, d. h. populärwissenschaftlich angelegt. Die Publikation eines solchen Werkes zeugt von Selbstbewusstsein. Denn seit 2008 sind international mehr als 180 populärwissenschaftliche Monographien zum Thema Sakralarchitektur erschienen, darunter alleine im deutschsprachigen Raum 24 dicke Bücher wie z. B. S. Liebs „Himmelwärts. Die Geschichte des Kirchenbaus von der Spätantike bis heute”, J. H. Claussens „Gottes Häuser oder die Kunst, Kirchen zu bauen und zu verstehen ...” oder „Der Kirchenatlas” von M. L. Goecke-Seischab/F. Harz. Wer diesem scheinbar übersättigten Markt ein neues Produkt hinzufügt, sieht sich offenbar in einer Mission. Und die hat Aloys Butzkamm zweifellos, wenn er im Vorwort als Alleinstellungsmerkmal seines Buches „die theologischen Ausführungen” und die Vermittlung von „Grundkenntnissen in Liturgiewissenschaft” herausstellt - sind es doch tatsächlich diese beiden Punkte, die in den Büchern anderer Autoren meist zu kurz kommen.
In elf logisch aufeinander aufbauenden Kapiteln nähert sich Butzkamm, ausgehend von der klassischen Stilkunde und von sakralarchitektonischen Basis-Informationen, Schritt für Schritt dem Eigentlichen: Der Liturgie. Die hinführenden Kapitel referieren solide den einschlägigen Wissensstandard in einer auch für den Laien gut verständlichen Sprache, freilich - dem Handbuch-Charakter geschuldet -, bisweilen stark kondensiert. Sehr verdienstvoll ist, dass Butzkamm im liturgischen Teil auch der sog. „beweglichen Kirchenraum-Ausstattung”, also den Vasa sacra, Paramenten und Archivalien einen breiten Raum widmet. Dabei werden diese Gegenstände nicht nur als Realien beschrieben, sondern derart in ihren liturgischen Funktionszusammenhang gestellt, dass sich auch der nicht praktizierende Kirchenbesucher eine Vorstellung machen kann. Dabei weiß Butzkamm präzise die theologischen Entwicklungslinien darzustellen, die je hinter der konkreten liturgischen Gestalt stehen. Besonders gut gelingt ihm das bei der Darstellung von Eucharistie und Taufe und deren liturgischer Orte. Ebenso gekonnt liefert der Autor Kompendien der Heiligenverehrung, der jüdisch-christlichen Zahlensymbolik und der Ikonographie.
Bedauerlich ist hingegen, dass für Butzkamm der Kirchenbau im Grunde mit dem 18. Jahrhundert zu enden scheint. Zwar stellt er gegen Ende des Buches einige sehr knappe „Überlegungen zum Kirchbau der Gegenwart” an, die jedoch im Vergleich mit den fundierten Ausführungen zu den alten Stilepochen drastisch abfallen. Die kirchen- und kulturgeschichtliche Bedeutung der historistischen Sakralarchitektur des 19. Jahrhunderts bleibt ebenso außen vor wie die epochalen Veränderungen, welche die großen Architekten der Liturgischen Erneuerung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihren Gotteshäusern für den Kirchenbau anstießen. Ganz zu schweigen vom dramatischen Kirchenbauboom der nachkonziliaren Jahrzehnte, der uns neben manch Problematischem zweifellos viel gültige, großartige Sakralarchitektur beschert hat. Gerade angesichts der derzeitigen Profanierung oder gar des Abrisses etlicher dieser jüngeren Kirchenräume wäre es geboten gewesen - jenseits aller subjektiven Geschmacksfragen - ihre bleibend bedeutsamen Hintergründe aufzuzeigen.
Überaus positiv hervorzuheben sind die vielen illustrativen Fotos, die der Autor großenteils selbst aufgenommen hat bei seinen zahlreichen internationalen Reisen. Erfreulich, dass man hier nicht nur die Null-acht-Fünfzehn-Ansichten präsentiert bekommt, sondern uns der Autor auch ungewohnte, spannende Einblicke schenkt.
Alles in allem ein verdienstvolles, für den an traditioneller Sakralarchitektur interessierten Bildungsbürger unbedingt empfehlenswertes Buch. Wer Fundiertes über die Sakralarchitektur des 20. und 21. Jahrhunderts erfahren will, sollte hingegen zu einem anderen Buch greifen.
Jakob Johannes Koch