Karneval ist ein Brauch, der sich vor allem in katholischen Gebieten der Welt verbreitet hat und sich über Jahrhunderte und gegen Widerstände hat behaupten können. Trotz verschiedenartigster Formen – denken Sie an die Helau-Rufe in Mainz, die anmutigen Maskierten in Venedig, federgeschmückte Samba-Tänzerinnen in Rio de Janeiro oder den bunten Mardi Gras in New Orleans/USA – gehören die Feiern im Kern zusammen.
Fleisch, leb wohl!
Geht es um die Herleitung des Begriffs „Karneval“, so wird oft erwähnt, er stamme direkt aus dem Lateinischen: „carne vale“ (Fleisch, leb wohl!). Vom Sinn her korrekt, taugt dieser scherzhafte Ausdruck sprachgeschichtlich bestenfalls als Eselsbrücke. Der Wortstamm liegt in Begriffen wie carnislevamen, carnetollendas, carnelevare (Fleisch wegnehmen, enthalten, aufheben), die alle auf das Fleischverbot der Fastenzeit hinweisen. Im Spätmittelalter wurde daraus „carnelevar“ und seit 1699 kennt man in Deutschland die Bezeichnung „Carneval“.
Das Wort "Fastnacht" (Fasenacht, Fasnet, Fastelovend) ist im Deutschen seit dem 12. Jahrhundert bekannt und hier liegt die Ableitung „Vorabend zur Fastenzeit“ nahe. Auch das kölsche „Fastelovend“ wird mit dem Vastelabend (Fastabend) in Verbindung gebracht, da wichtige Kirchentage/Zeiten seit langem bereits am Vorabend begangen wurden. Sprachwissenschaftler bezweifeln jedoch diese volkstümlichen Herleitungen und vermuten eine für die Dialektform *fasanaht eine Verbindung zur indogermanischen Verbalwurzel *pwos- mit der Bedeutung „reinigen, läutern, fasten“.
Fasching wiederum leite sich von „vast-schanc“, einem mittelhochdeutschen Ausdruck für „letzter Ausschank vor der Fastenzeit“, her. Daraus sei Faschang entstanden und in jüngerer Zeit in Angleichung der Endsilbe an andere Wörter wie Frühling, dann Fasching.
Eines zeigt sich jedoch deutlich: Der Bezug zur Fastenzeit ist sprachlich sehr eng. Nicht nur im Deutschen, auch in anderen Sprachen finden sich die Bezüge. In katholischen Missionsgebieten Japans werden die Tage „shanikusai“, Fest der Absage ans Fleisch, genannt. Das französische „carême“ ist abgeleitet von der Zahl 40, also der Dauer der Fastenzeit. Und im englischen „Shrove Tuesday“ (Fastnachtsdienstag) steckt das Verb „beichthören, absolvieren“ und meint das Beichten bevor die Fastenzeit beginnt.
Von Göttern und Dämonen
Feste und Feiern erfüllen tiefe menschliche Bedürfnisse, die seit jeher in den Gesellschaften gelebt werden. Schon im alten Babylon haben sich die Leute verkleidet, die Dinge auf den Kopf gestellt und ausgelassen gefeiert. Auch die Römer hatten mit den Saturnalien, Lupercalien und Bacchernalien feucht-fröhliche Feste zu Ehren Ihrer Götter gefeiert. In den Alpenländern gibt es viele alte Bräuche zur Winteraustreibung in den ersten Monaten des Jahres.
Oft wurde darauf verwiesen, dass sich der Karneval aus vorchristlichen Kulten herleite, was beispielsweise in der Karnevalshochburg Köln mit seinen germanischen und römischen Phasen nahe läge. Gerade im Nationalsozialismus wurden historisch unzutreffende Begriffserklärungen instrumentalisiert und statt des Bezugs zum kirchlich-christlichen Fastabend die Verbindung zu germanischen, dämonischen Riten hergestellt. Es ist richtig, dass es in den Alpenländern beim Karneval Verschmelzungen mit Fruchtbarkeitsriten und Winteraustreibungen stattgefunden haben. Dies ist deutlich an der schwäbisch-alemannischen Fasnacht zu sehen. Die direkte Verbindung zu alten, heidnischen Bräuchen ist jedoch zu kurz gegriffen. Karnevalsähnliche Strukturen mit Verkleiden, Maskentragen und ritualisierter Ausgelassenheit finden sich in allen Kulturen wieder. Die Tatsache, dass der Karneval in fast der ganzen katholischen Welt gefeiert wird, legt auch hier einen engen Bezug zur christlichen Fastenzeit nahe. Die lokalen Varianten sind jedoch geprägt von der jeweiligen Geschichte und Kultur.
Die Stellung im christlichen Kalender
Karneval gehört zum Osterfestkreis und ist damit ein beweglicher Termin. Die 40-tägige Fastenzeit begann bis zum Konzil von Benevent (1091) am Dienstag nach dem 6. Sonntag vor Ostern (Invocavit). Unter Papst Gregor dem Großen wurden jedoch die Sonntage als Gedächtnistage der Auferstehung Jesu vom Fastengebot und damit der Zählung ausgenommen. Seither beginnt die Fastenzeit sechs Tage früher: am Aschermittwoch. In manchen Regionen wurde der alte Termin („alte Fastnacht“) beibehalten. Gerade im reformierten Basel, wird die Fastnachtsfeier mitten in der geltenden Fastenzeit gerne als Seitenhieb gegen die Katholiken interpretiert. Dies hat jedoch einen andern Hintergrund: Die „neue“ Fastenzeit setzte sich in reformierten Gebieten weniger durch als in den stark katholisch geprägten Regionen.
Viele Karnevalsbräuche gerieten in der Zeit der Reformation und der damit einhergehenden Abschaffung der Fastenzeit vor Ostern in Vergessenheit. Der Karneval steht deutlich im liturgischen und theologischen Kontext der katholischen Kirche. So ist die närrische Zeit mit ihrem alle Sinne betreffenden gesteigerten Lebensgenuss zur Bußpraxis und Fastenzeit zwar gegensätzlich, aber zusammengehörend. Karneval verliert gar seinen eigentlichen Sinn, wenn er von der Fastenzeit getrennt würde. Überträgt man das Zweistaatenmodell des heiligen Augustinus (Gottesstaat: Heil; Weltstaat: Unheil) auf den christlichen Kalender, erhält man die Voraussetzung für diese unterschiedlichen, verbundenen Zeiten. Pieter Bruegel der Ältere hat dies in seinem Gemälde „Der Kampf zwischen Karneval und Fasten“ bildhaft dargestellt. Auch Papst Benedikt XVI., damals noch als Kardinal Ratzinger, sagte 1978 in der Süddeutschen Zeitung, dass der Karneval „nicht ohne den Festkalender der Kirche zu denken“ sei, auch wenn er kein kirchliches Fest im engeren Sinne sei. Der Mensch bedürfe des „Wissens um den Rhythmus der Zeit“, in dem alles seinen Platz habe, das Sinnliche wie das Geistige.
Mehr als ein Ventil
Diese Dualität, die zwei Seiten einer Medaille darstellt, ist auch in der „verkehrten Welt“ während des Karnevals zu sehen. Die Regeln des Alltags sind außer Kraft gesetzt, über Gesellschaftsschichten hinweg finden Begegnungen zwischen der „Upperclass“ und der „Klappergass“ statt, mit Spott und Satire wird die eigene und mehr noch die Stellung der andern aufs Korn genommen. Gerade in einem Umfeld, in dem soziale Mobilität sonst wenig möglich ist, findet dieser Austausch überhaupt statt. Die Übergabe der Rathausschlüssel oder der Elferrat als Gegenregierung sind die formalisierte Praxis dessen, was während des Karnevals auch im Kleinen geschieht. Der Karneval ist jedoch mehr als nur ein Ventil der öffentlichen Meinung, um mit den Unwegsamkeiten des Alltags auf Dauer zurechtzukommen und Dampf abzulassen. Das geschieht beispielsweise auch an Großveranstaltungen wie der Fussball-WM. Dem Karneval kommt jedoch eine weitere verbindende Funktion zu: Er schafft einen Kräfteausgleich zwischen unterschiedlichen menschlichen Bedürfnissen: Grenzüberschreitung und Bewahren, Kopf-Bauch, Kultur-Narrentum. Unter der Narrenkappe sind alle gleich.
Gleichzeitig festigt der Karneval aber auch die herrschende Ordnung. Man muss die Regeln schon sehr genau kennen und sie respektieren, um sie auf die Schippe nehmen zu können. Gesetz und die soziale Stellung sind auch beim Karneval jederzeit klar definiert und anerkannt, gerade auch in dem Moment, in dem Regeln und Status durchbrochen werden. Die Grenzen setzt der strenge Rahmen des Brauchtums, der Karneval auf eine kurze Zeit einmal im Jahr beschränkt. So kann auch die Lust auf Anarchie und Vulgäres gestillt werden, ohne dass die Gesellschaft auseinander bricht. Was auf den ersten Blick wie Kritik, Widerstand gegen bestehende Wertvorstellungen der herrschenden Schicht aussieht, bewirkt auf den zweiten die Bestätigung und Stärkung eben dieser.
Kölle Alaaf!
Über das Rheinland und gar Deutschland hinaus bekannt ist der rheinische Karneval. In Köln hat sich der Karneval zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt. Seine heutige Form nahm er im frühen 19. Jahrhundert an, als das Kölner Bürgertum den Karneval 1823 reformierte. Wohlhabende Bürger organisierten zu seiner Wiederbelebung einen Straßenumzug in Köln und gründeten den ersten Karnevalsverein. Diese exklusiven Zusammenschlüsse demonstrierten den kulturellen und gesellschaftlichen Führungsanspruch des Besitz- und Bildungsbürgertums, das nun den Karneval nach seinen Maßstäben und Wertvorstellungen gestaltete. Nach einer kurzen Phase der Politisierung verlor der Karneval diese wieder nach der Revolution von 1848/49 und behielt sie nur noch insofern, als dass die Festgestaltung die politischen Ideale der Trägerschicht spiegelte. Die militärischen Elemente (die Roten Funken waren die ehemaligen Stadtsoldaten) stellten weniger eine Satire als eine Huldigung dar.
Die Karnevalssession beginnt jedes Jahr am 11. November pünktlich um 11 Uhr 11. Das „Dreigestirn“, die obersten Repräsentanten des Kölner Karnevals, wird öffentlich bekannt gegeben und die einzelnen Karnevalsgesellschaften halten Feiern zum Auftakt ab. Bis zum Dreikönigstag wird es dann wieder still. Im Januar findet der „Regierungswechsel“ der Dreigestirne statt, der neue Prinz wird ausgerufen. Karnevalistische Veranstaltungen, Sitzungen und Maskenbälle finden statt. Es wird geredet und gesungen, getrunken und auch schon maskiert gefeiert. Der Straßenkarneval wird dann an Weiberfastnacht (Donnerstag) mit dem Sturm auf das Rathaus eröffnet. Am Sonntag finden Umzüge von Gruppen und Schulen statt, der große „Zoch“ am Rosenmontag (der Name ist von Lätare, dem Rosensonntag als Mitte der Fastenzeit abgeleitet) ist jedoch den Karnevalsgesellschaften vorbehalten, das Volk bleibt auf den Zuschauerrängen. Bis zum Schlusspunkt um Mitternacht des Dienstags vor Aschermittwoch werden die „tollen Tage“ ausgelassen und feucht-fröhlich gefeiert.