In diesen letzten Tagen muss sich - zugespitzt gesagt - Jesu Botschaft vom Reich Gottes bewähren. Erst durch die bewusste Annahme von Leiden und Tod erhält sie ihre Beglaubigung und wird zur Erlösungstat des Mensch gewordenen Sohnes Gottes für uns Menschen.
Schon beim Einzug in Jerusalem und bei der Tempelreinigung erkennt Benedikt XVI. den königlichen Anspruch, den Jesus im Bezug auf die Schrift für sich erhebt. So hätten es im Übrigen auch die Hohenpriester verstanden, die Jesus als Bedrohung für den Tempelkult sahen - und tatsächlich endete der Tempelkult wenige Jahre nach Jesu Tod für immer, als die Römer den Tempel zerstörten, Jesus habe aber in drei Tagen einen neuen Tempel, den Tempel seines auferstandenen Leibes errichtet.
Die entscheidenden Schritte auf diesem Erlösungsweg sieht Ratzinger in der Fußwaschung als Ausdruck der dienenden Liebe Jesu, in der Stiftung der Eucharistie beim Letzten Abendmahl und dann natürlich in der Passion und im Kreuzestod. Dreh- und Angelpunkt dafür (und darum wohl nicht zufällig die Mitte des Buches) sei die Nacht in Gethsemani, in der Jesus gerade in höchster Anfechtung den Willen des Vaters zu seinem eigenen Willen gemacht habe.
Prozess und Verurteilung Jesu bieten keine Grundlage für Judenfeindschaft
Ein im Ablauf des Geschehens vielleicht nicht ebenso zentraler Moment, aber in der historischen Rezeption von großer, teils furchtbarer Bedeutung ist die Darstellung der Evangelien von Prozess und Verurteilung Jesu, die viele Jahrhunderte hindurch zum Anlass für einen immer wieder auch gewaltsamen Antijudaismus genommen wurden. Hier weist Benedikt XVI. in absoluter Deutlichkeit darauf hin, dass keineswegs die Gesamtheit der Juden, sondern die Tempel-Aristokratie, und noch nicht einmal diese einmütig, Jesus vor Pilatus anklagen und seine Kreuzigung fordern. Und in diesem Zusammenhang ganz entscheidend: „Wenn nach Matthäus das ‚ganze Volk‘ gesagt habe: ‚Sein Blut komme über uns und unsere Kinder‘ (27,25), dann wird der Christ sich daran erinnern, dass Jesu Blut eine andere Sprache spricht als das Blut Abels (Hebr 12,24): Es ruft nicht nach Rache und Strafe, sondern es ist Versöhnung. Es wird nicht gegen jemand vergossen, sondern es ist Blut, vergossen für viele, für alle. ... Wie man den Spruch des Kajaphas über den notwendigen Tod Jesu vom Glauben her ganz neu lesen muss, so auch das Matthäus-Wort vom Blut: Vom Glauben her gelesen heißt es, dass wir alle die reinigende Kraft der Liebe brauchen, die sein Blut ist. Es ist nicht Fluch, sondern Erlösung, Heil." (S. 211)
Gegen Fehlinterpretationen des Kreuzestodes
Und auch was den Kreuzestod Jesu als Sühnopfer betrifft, stellt Benedikt XVI. klar, dass der eigentliche Sinn dieses Gedankens seiner möglichen Fehlinterpretation genau entgegengesetzt ist: Nicht ein grausamer Gott verlange unendliche Sühne, die nur durch das Blut eines Unschuldigen gegeben werden könne, vielmehr nehme Gott in seinem Sohn das Leid auf sich selbst und wandle die vom Menschen verschuldete Realität des Bösen um durch den Schmerz seiner unendlichen Liebe (S. 256).
Auferstehung sprengt die Geschichte
Schließlich hält Ratzinger mit Nachdruck daran fest, dass Jesu Auferstehung nur als reales Ereignis, nicht aber als rein mystische Erfahrung der Jünger der christlichen Botschaft Sinn und Geltung verleiht und auch nur so die apostolische Verkündigung überhaupt ermöglicht. So sei die Auferstehung zwar ein Ereignis, das „die Geschichte sprengt und eine neue Dimension eröffnet", andererseits aber nicht außerhalb der Geschichte stehe, vielmehr „eine Fußspur in der Geschichte hinterlassen" habe (S. 300).
Gerade das Ringen in den Evangelien um eine gewisse Widersprüchlichkeit des Erfahrenen sei Ausdruck dafür, dass Gott in der Auferstehung Jesu eine ganz neue Dimension des Lebens eröffnet habe.
Kein lehramtliches Dokument
Joseph Ratzinger will sein Nachdenken über Jesus von Nazareth wie schon beim ersten Band als persönliches theologisches Werk verstanden wissen und nicht als lehramtliches Dokument.
Wie schon im ersten Band setzt er wieder auf dieselbe Methode der Darstellung: Die Ergebnisse wissenschaftlicher Exegese, einschließlich der historisch-kritischen Methode, werden im Licht des christlichen Glaubens und im Gesamtkontext der Heiligen Schrift aufgenommen und gedeutet mit dem Ziel einer größeren Annäherung an „Gestalt und Botschaft Jesu".
Über Vor- und Nachteile dieser Methode der Exegese ist bereits nach Band 1 vielfach diskutiert worden - legitim ist ein solcher Versuch zu einer „Verbindung zweier Hermeneutiken" allemal - und entspricht dem prinzipiellen Anliegen Benedikts XVI. nach einer Versöhnung von Vernunft und Glauben. Allein schon die Tatsache, dass seit Erscheinen von Band 1 über neue Methoden der Exegese diskutiert wird, ist eine erfreuliche Entwicklung.
Das enge Ineinandergreifen von theologischer Forschung und Glaubensverkündigung macht das Buch wirklich für alle Leser/innen interessant und fruchtbar, sodass es (ebenso wie Band 1) zum Grundbestand jeder Bücherei gehören muss.
Thomas Steinherr