Als die deutsche Wehrmacht im Herbst 1943 in Albanien einmarschiert, kommt es in der kleinen Stadt Gjirokastra, an der Grenze zu Griechenland gelegen, zu einer Kette folgenschwerer Ereignisse. Die Deutschen hatten ihren Einmarsch durch Flugblätter angekündigt und behauptet, sie kämen als Freunde. Doch so recht trauten die Albaner den Versprechungen der Deutschen nicht und so wurde die Wehrmacht vor Gjirokastra von Partisanen beschossen. Die Wehrmacht beschoss daraufhin die Stadt und nahm anschließend Geiseln, die erschossen werden sollten, wenn die Bevölkerung die Täter nicht auslieferte.
Doch im Falle von Gjirokastra nahm die Geschichte einen anderen Verlauf. Der deutsche Divisionskommandeur erkannte in einem Bewohner der Stadt, dem Mediziner Dr. Gurameto, einen alten Studienfreund. Gurameto nutzte seine Chance und lud den Kommandeur samt Gefolge zu einem festlichen Abendessen ein. Was genau an diesem Abend im Haus Gurametos geschehen ist, bleibt unklar; Gerüchte besagen, es sei zu einem heftigen Wortgefecht gekommen. Wie auch immer, die Deutschen ließen die Geiseln frei.
Ein Jahrzehnt später greifen die albanischen Kommunisten die Geschichte auf und werfen Guramento Kollaboration vor. Um zu erfahren, was sich an jenem Abend des deutschen Einmarsches tatsächlich im Haus des Arztes abgespielt hat, wird er gefoltert. Doch zu greifbaren Ergebnissen kommen sie nicht.
Gjirokastra ist die Heimat von Ismail Kadare, der diese Geschichte in seinem Roman „Ein folgenschwerer Abend“ (2010) erzählt. Kadare bezieht sich auf eine Zeit, die er als Kind erlebt hat. Er knüpft damit an seinen Roman „Chronik in Stein“ (1971, leider vergriffen) an, in dem er von seiner Kindheit und der Zeit der italienischen Faschisten in Albanien erzählt. Die Provinzstadt Gjirokastra wird dabei zu einem Knotenpunkt der Weltgeschichte. Erscheint Geschichte in diesem Roman noch als etwas Greifbares, Gewisses, so verflüchtigt sich diese Gewissheit in „Ein folgenschwerer Abend“ von Kapitel zu Kapitel. Hat es den Partisanenangriff auf die Deutschen überhaupt gegeben? Oder war er nur ein Vorwand, um in Gjirokastra ein Exempel zu statuieren? Ist Gurameto ein Held oder ein Kollaborateur? – Am Ende weiß man gar nichts mehr; mit jedem Versuch, dem Geschehen auf den Grund zu gehen, wird es komplexer, ohne klare Konturen zu gewinnen.
„In Kadares Reich begegnen Legenden und Mythen dem Leben“, schreibt Kadares Übersetzer Joachim Röhm, „vereinigen sich mit ihm, und aus dieser Verbindung gehen neue Legenden hervor und neues Leben, und die Grenzen dazwischen sind nicht scharf, so wenig wie die Grenzen zwischen dem Himmel und der Welt, der unterirdischen und der oberirdischen.“
Kadare studierte in Tirana und Moskau Literaturwissenschaften und begann schon früh zu schreiben. Sein Durchbruch gelang ihm 1964 mit dem Roman „Der General der toten Armee“, der mit Marcello Mastroiani und Michel Piccoli verfilmt wurde.
Neben großer Anerkennung für seine Romane wurde er auch – gerade in Deutschland – für seine Rolle im stalinistischen Albanien scharf kritisiert. In jungen Jahren schrieb er Lobgedichte auf Albaniens Diktator Enver Hoxha und auf Stalin, er war Mitglied der Kommunistischen Partei, Parlamentsabgeordneter und Vorstandsmitglied im Schriftstellerverband. Kadare sagte dazu in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung (siehe Link), sein Erfolg sei ein zweischneidiges Schwert gewesen, weil es ihm einerseits Schutz verschafft hätte, andererseits aber auch zu ständiger Observation führte. „Was Verdacht erregte, war: Wieso schätzt die westliche ‚Bourgeoisie’ einen Schriftsteller aus einem stalinistischen Land?“ Er betont, dass er erst der Partei beitreten musste, als sich der Erfolg im Westen bereits eingestellt hatte. „Der Grund war wohl, dass nicht nur der Welt, sondern auch den Albanern gezeigt werden sollte, dass Ismail Kadare kein ‚Bourgeois’, sondern ein Kommunist war. Was sollte ich tun? Nein sagen? Das wäre einer Vernichtung gleichgekommen, ein sinnloses Opfer.“