Beim Stichwort Island fällt Büchereimitarbeitern gleich ein, dass die Isländer keine Nachnamen in unserem Sinne verwenden. Statt dessen verwenden sie den Namen des Vaters und erweitern ihn um die Endungen „dottir" für Tochter oder „son" für den Sohn. Arnaldur Indriðason ist dann - genau: der Sohn von Indriði. Die merkwürdigen Buchstaben finden Sie bei Wikipedia erklärt, den link dazu haben wir rechts in der Randspalte notiert.
Natürlich kennen die Isländer die Klischees über ihr Land. Und sie wissen sie auf humorvolle Weise zu nutzen. Als im vergangenen Jahr der Eyjafjallajökull ausbrach und seine Aschewolke den Flugverkehr in weiten Teilen Europas lahmlegte, nutzte das isländische Fremdenverkehrsamt die mediale Aufmerksamkeit, um mit einem Video Werbung für Island zu machen.
Das Video bedient die Erwartungen der Zuschauer, indem es für Island typische Szenen zeigt: Raue Landschaften, Gletscher, Menschen in Trekking-Kleidung. Und doch geht es locker-ironisch damit um. In der ersten Szene richtet eine junge Frau in Isländer-Pulli (bei uns auch als Norweger bekannt) und ziemlich knappen Hosen die Videokamera auf sich aus und ruft völlig begeistert dem Betrachter zu: „Schau mal, wo wir hier sind! Es ist unglaublich schön hier!" Dann dreht sie die Kamera von sich weg und ins Bild kommt das Panorama der wilden isländischen Landschaft. Doch das Klischee wird dadurch aufgebrochen, dass die junge Frau und ihre Freundin im Vordergrund einen wilden Tanz beginnen. Dazu erklingt Musik der isländisch-italienischen Popmusikerin Emiliana Torrini.
Auch auf allen folgenden Ansichten der atemberaubenden isländischen Landschaft, auf Lavafeldern, an Küstenstreifen, Geysiren und zu Szenen in Reykjavik tanzen Menschen und geben den wuchtigen Bildern so eine große Leichtigkeit. Das Video finden Sie rechts in der Randspalte.
Das isländische Fremdenverkehrsamt rief die Isländer dazu auf, den Link zu diesem Video am 3. Juni 2010 in der Mittagspause an alle Freunde und Bekannten zu verschicken, erzählt der isländisch-deutsche Schriftsteller Kristof Magnusson in der „Gebrauchsanweisung für Island" (MedienNr. 345474).
Die Aktion war ein voller Erfolg, wie das Fremdenverkehrsamt mitteilt. Bis heute ist das Video mehr als 2 Millionen mal angeklickt worden.
Die Distanz zur Natur, die in dem Video sichtbar wird, hat allerdings auch einen ernsten Hintergrund. Anders als die Deutschen haben die Isländer nie ein romantisches Verhältnis zur Natur gehabt. Über Jahrhunderte bestand das Leben auf der Insel aus dem Kampf gegen die Natur, gegen Schnee und Eis, Stürme, Vulkanausbrüche und andere Gefahren, die die raue Landschaft birgt. Bis heute kommt es immer wieder zu Unfällen, weil Touristen und Einheimische die Natur unterschätzen.
Der humorvolle Umgang mit dem eigenen Land kommt auch im Volkssport Nr. 1 zum Ausdruck: dem Pro-Kopf-Vergleich. Island hat beispielsweise die höchste Nobelpreisträgerdichte der Welt - nämlich genau einen: den Schriftsteller Halldor Laxness, der 1955 den Literaturnobelpreis erhielt. Bei einer Bevölkerung von gut 318.000 Einwohnern ist das schon eine ganze Menge. Wollte Deutschland mit Island mithalten, müsste es bei knapp 82 Millionen Einwohnern 257 Nobelpreisträger geben. Tatsächlich sind es aber nur 84 (also gut, ein paar mehr, wenn man die mitrechnet, die sich mehreren Ländern zuordnen lassen, wie z.B. Hermann Hesse, der vom Nobelpreiskomitee als Schweizer geführt wird, aber in Deutschland geboren wurde).
Dass diese Vergleiche so beliebt sind, führt der Schriftsteller Thórarinn Eldjárn darauf zurück, dass Island ein sehr kleines Land ist. Es hat nicht ganz so viele Einwohner wie Bonn, dafür viel mehr Platz: Island ist so groß wie Baden-Württemberg und Bayern zusammen. Thórarinn zufolge erfanden die Isländer die Zauberformel „Gemessen an der Bevölkerungszahl", „um erhobenen Hauptes innerhalb der Völkergemeinschaft dastehen zu können, ja sogar um ganz einfach die größten, die hervorragendsten und die besten auf allen nur erdenklichen Gebieten zu sein." (Die Zauberformel, aus: Die glücklichste Nation unter der Sonne, MedienNr. 569455)
Zu diesen Gebieten zählt ohne Frage - zumindest aus Sicht der Isländer - auch die Literatur, nicht umsonst ist Island in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse zu Gast. Die „Isländer sind bis heute ein Volk von Geschichtenerzählern geblieben", schreibt Kristof Magnusson in der schon genannten Gebrauchsanweisung. „Wenn eine Gruppe von Isländern beim Kaffee oder Essen zusammensitzt, stellt man sich weniger höfliche Fragen nach dem letzten Urlaub oder dem Befinden des Partners - stattdessen erzählen die Leute, was sie erlebt haben."
Pro Kopf und Jahr kaufen die Isländer durchschnittlich acht Bücher, und wenn sich vor Weihnachten die Bücherberge auftürmen, findet man sogar an Tankstellen gebundene Neuerscheinungen isländischer Autoren. Magnusson führt die Literaturbegeisterung der Isländer darauf zurück, dass sie ihr kulturelles Erbe nur in Form der mittelalterlichen Handschriften bewahren konnten. Island hat keine Kirchen und Burgen, die von alten Zeiten künden - die bescheidenen Behausungen der ersten Isländer und vieler späterer Generationen sind längst vermodert, weil sie aus Holz und Torf bestanden.
Diese Handschriften sind ein lebendiges Erbe. Weil sich die isländische Sprache in den letzten 700 Jahren nur wenig verändert hat, kann jedes Schulkind sie lesen und sich mit den Helden der Sagas identifizieren.
Wie es sich gehört, haben die deutschen Verlage dafür gesorgt, dass zur Buchmesse eine wahre Flut isländischer Literatur erscheint, bis hin zu einer vollständigen Neuübersetzung der Sagas, die im S. Fischer Verlag erscheinen. Eine Liste mit empfehlenswerten Titeln finden Sie am Ende der Seite, drei Titel daraus seien hier kurz vorgestellt.
Zu den weniger schönen Geschichten über Island gehört, dass die Finanzkrise das Land in den Ruin getrieben hat. Die Pleite der Kaupthing-Bank, bei der auch viele Deutsche wegen der hohen Zinsen Geld angelegt hatten, hat deshalb europaweit für Schlagzeilen gesorgt. Island ist nahezu Bankrott. Gegen die Zahlungsforderungen von Frankreich und England über 4 Milliarden Euro kam es zu Massenprotesten, die die Regierung in Reykjavik aus dem Amt fegten. Diese Ereignisse sind der Hintergrund für Einar Már Guðmundssons wütendes Buch „Wie man ein Land in den Abgrund führt". Darin geht er scharf mit der Ideologie von den sich selbst regulierenden freien Märkten ins Gericht, mit dem IWF, der eigenen Regierung und - wen wundert's - mit den isländischen Bankern, die für das Desaster verantwortlich seien. Seine Kritik verdient weit über Island hinaus Beachtung, weil sie ins Grundsätzliche geht: um eine gerechte Wirtschaftsordnung und um eine gerechte Verteilung der Lasten, die aus der Finanzkrise entstanden sind.
Der Island-Krimi „Abgründe" von Arnaldur Indriðason (Lübbe, MedienNr. 349 543, erscheint am 16.09.) beschäftigt sich mit dem gleichen Thema und beide Bücher ergänzen sich wunderbar. Kommissar Sigurður Óli von der Kripo Reykjavik gerät unversehens in einen Mordfall, als er einem Bekannten privat beistehen will, der erpresst wird. Seine Ermittlungen führen schließlich dazu, dass er die Machenschaften einiger isländischer Banker aufdeckt, die mit schmutzigem Geld reich geworden sind. Ein hochaktueller und packend zu lesender Krimi, der auch einen Einblick in die isländische Seele gewährt.
Schließlich noch der Hinweis auf einen Roman, dessen Entstehungsgeschichte sich so wohl auch nur in Island zutragen kann. Einar Már Guðmundsson bekam vor einiger Zeit von einem Namensvetter den Briefwechsel mit dessen Freundin zugeschickt. Beide waren alkohol- und drogenabhängig und es ist wohl nicht übertrieben, zu behaupten, dass es ihnen gelungen ist, sich wie einst Münchhausen am eigenen Schopf aus diesem Sumpf zu befreien. Einar Már fand diese Geschichte so beeindruckend, dass er sie zu dem Roman „Vorübergehend abwesend" verarbeitet hat und sich darin auch mit seiner eigenen Sucht auseinandersetzt.
Drei große Geschichten von einer kleinen Insel, die zu entdecken sich in jeder Hinsicht lohnt.
Christoph Holzapfel