Die Bücherei als Ort gelebter Integration
Büchereien können ein Türöffner auf dem Weg in unsere Gesellschaft sein. (Katholische) Öffentliche Büchereien sind für alle offen und erlauben damit einen niederschwelligen Zugang zu Medien und kultureller Bildung und unterstützen das lebenslange Lernen. Wenn diese einen gleichberechtigten Zugang für alle Personen bieten, ungeachtet der Herkunft oder Muttersprache, ermöglichen Büchereien eine aktive Teilnahme an sozialem Leben und Bildung. Auch das ist Barrierefreiheit.
Teilhabe fängt bei der Anerkennung von Ressourcen und Kompetenzen und bei der Eröffnung von Bildungs- und Beschäftigungschancen an und unterstützt Menschen bei der aktiven und selbstbestimmten Gestaltung ihres Lebens. Fremdsprachige Einwanderer sind, um selbstbestimmt handeln zu können, nicht nur auf die Unterstützung beim Erlernen der deutschen Sprache angewiesen, vielmehr benötigen sie ein gegenüber sprachlicher Vielfalt positiv und wertschätzend eingestelltes Umfeld.
Gründe für interkulturelle Bibliotheksarbeit
Die Zugangsgerechtigkeit ist ein besonderes Anliegen Katholischer öffentlicher Büchereien: der gleiche und gerechte Zugang für alle Menschen zur Welt der Medien, der Information und der Literatur. So äußerte sich Bischof Gebhard Fürst 2009 auf dem Diözesantag Rottenburg-Stuttgart (BiT 1/2010, S. 8). Rund jeder fünfte Bewohner Deutschlands ist eine „Person mit Migrationshintergrund“, hat also selbst Migrationserfahrung oder stammt von Zuwanderern ab. Eine Bücherei, die der kulturellen Vielfalt in ihrem Ort mit einem entsprechenden Angebot Rechnung trägt, orientiert sich nicht nur an den Bedürfnissen der Bevölkerung, sondern zeigt, dass man die Kulturen aller Mitglieder der Gesellschaft wahrnimmt und achtet. Damit fördert sie die Identifikation mit ihr und damit letztendlich die Integration. Weil die Büchereien direkt am Menschen und am Leben sind, können sie ganz konkret etwas bewirken und Einfluss nehmen.
Mit speziellen Medienbeständen kann die Bücherei Brücken schlagen zwischen dem In- und Ausland und den unterschiedlichen Bewohnern eines Ortes, z.B. mit Informationen und Literatur aus verschiedenen Ländern und Kulturen, vor allem aber auch durch die direkte Begegnung. Keine oder nur geringe Ausleihgebühren machen sie auch für untere Einkommensgruppen zugänglich. Als Treffpunkt für alle Menschen – jung, alt, männlich, weiblich, mit den unterschiedlichsten Hintergründen, Bildungs- und sozialen Milieus – kann die Bücherei zu einem besseren Verständnis füreinander und zum sozialen Zusammenhalt beitragen.
Mehr als ein Schlagwort
Das Beispiel der Stadtbücherei Dietzenbach zeigt, wie interkulturelle Bibliotheksarbeit aussieht. Sie ist diesen Herbst für ihre „herausragenden Verdienste um den Gedanken der Völkerverständigung“ vom Ausländerbeirat geehrt worden. Die Stadtbücherei werde tatsächlich von allen Dietzenbachern gleichermaßen genutzt und sei somit „ein Ort gelebter Integration“.
In der hessischen Kreisstadt Dietzenbach haben etwa 60% der Bewohner einen Migrationshintergrund. Die Stadt weist die schlechtesten finanziellen Kennzahlen im Kreis Offenbach aus, die sozialen Problemlagen sind kritisch und die Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen gering. Viele „etablierte“ Familien ziehen weg.
Die Leiterin der Stadtbücherei Dietzenbach, Bettina Kuse, hat die Gestaltungsmöglichkeiten der Bibliothek erkannt und sich gefragt: „Wo klemmt’s? Wo kann man als Bibliothek beitragen?“ 2004 begann sie mit „pragmatischem Improvisieren“, wie sie ihr damaliges Vorgehen selbst bezeichnet. Wo sind Anpassungen in der Bibliotheksarbeit nötig, damit alle Leser/innen angesprochen werden? Ohne besonderes Referat oder Hochglanzbroschüren haben sie und ihr Team mit interkultureller Bibliotheksarbeit begonnen. Theoretische Kenntnisse zum Thema seien sicher nicht verkehrt, jedoch nicht zwingend, um etwas zu tun. Wichtiger sind Motivation, Inspiration und eine wertschätzende Grundhaltung. Seit 2008 geht Kuse systematischer vor: zielorientiert, gesteuert, überprüfbar. Das saubere methodische Vorgehen empfindet sie als große Hilfe bei der Arbeit selbst und in der Argumentation mit der Verwaltung.
Fremdsprachige Medien - nur symbolisch?
Ein Medienangebot in der jeweiligen Muttersprache erleichtert den Zugang zu und fördert die Identifikation mit der hiesigen Gesellschaft. Fremdsprachige Medien haben Symbolwirkung: Wir haben Respekt vor eurer Kultur. Aber ist eine Handvoll Bücher auf einem Regal tatsächlich symbolisch wertvoll oder nicht doch eher lächerlich und enttäuscht geschürte Erwartungen? Gerade bei der Belletristik müssten regelmäßig wichtige und aktuelle Titel angeboten werden. Dafür fehlt in Dietzenbach jedoch das Geld. Eine mögliche Lösung ist ein Zeitungs- oder Zeitschriftenabonnement. So wird z.B. die türkische Tageszeitung Hürriyet gut angenommen, sie bietet aktuelle Infos und ist besser als ein schmales Buchangebot, das nicht erneuert wird. Sachbücher und Belletristik werden eher symbolisch eingesetzt.
Das Wichtigste ist hier: seine Leser/innen kennen(lernen) und Prioritäten setzen. Wer wohnt bei uns, welche Sprachen werden gesprochen? Welche Bücher werden tatsächlich gelesen? Welche Themen gibt es nicht auf Deutsch? Sachbücher über persönliche Themen wie Ernährung, Krankheit, Sexualität sind in der Muttersprache gefragt. So war ein Buch über koschere Haushaltsführung auf Russisch Ende der 90er Jahre der Ausleihrenner in der Stadtbibliothek Nürnberg. Internationale Bestseller werden in der ganzen Welt gelesen und umgekehrt gehört z.B. auch ein Orhan Pamuk auf Deutsch auf einen türkischen Thementisch. Machen Sie die (Welt-)Literatur in beiden Richtungen zugänglich. Fragen Sie Ihre Leser/innen nach ihren Vorlieben, beteiligen Sie diese an der Auswahl, z.B. mit einer Wunschliste für Neuanschaffungen, die andere Besucher/innen zustimmend ankreuzen können.
Kunden von morgen
Für Kinder bieten sich zwei- oder mehrsprachige Bücher an oder Bücher, die Sprachanlässe schaffen (Wimmelbücher etc.). Von vielen gängigen Bilderbüchern sind Übersetzungen in andern Sprachen vorhanden (z.B. Grüffelo oder Raupe Nimmersatt). Legen Sie Übersetzungen in anderen Sprachen zum Bilderbuch(kino) dazu, so dass Eltern oder muttersprachliche Ehrenamtliche diese vorlesen können. Weil „alles nicht richtig verstanden zu haben“ für viele Kinder und auch Erwachsene ein gewohnter Zustand ist, fragen sie oft nicht nach. Darum ist es wichtig, von sich aus wichtige Dinge zu wiederholen und neu zu formulieren. Klären Sie weniger alltägliche Gegenstände und Begriffe wie z.B. „Mast“, „Flagge“ oder „Schatzkiste“, bevor Sie mit einer Piratengeschichte beginnen. Lassen Sie die Kinder zeigen, was sie schon alles kennen.
Bücher, die Kinder aus anderen Ländern und ihren Alltag zeigen, bringen deutschsprachigen Kindern andere Kulturen und Sprachen näher. Wer fremdsprachige Kinderbücher erwirbt, wird evtl. mit einer völlig anderen Ästhetik konfrontiert. Wenn die Illustrationen den eigenen Geschmack so gar nicht treffen, sollte bedacht werden, dass diese den kleinen Leser/innen aus dem Herkunftsland vertraut sind. Bei Antolin sind übrigens auch türkische, polnische, spanische, englische und französische Bücher vertreten.
Die Wurzeln pflegen
Bedenken, dass die intensive Beschäftigung mit der Muttersprache ein rasches Deutschlernen verhindere („Die sollen erst einmal richtig Deutsch lernen!“), wischt Bettina Kuse mit einem Verweis auf wissenschaftliche Erkenntnisse beiseite. Schon lange ist belegt: Nur wer die Muttersprache sicher beherrscht und einen guten Wortschatz hat, kann weitere Sprachen erfolgreich lernen.
„Die Muttersprache ist „Verbündete“ und nicht „Feindin“ der Fremdsprache. Sie bahnt den Weg für alle weiteren Sprachen: „Die Muttersprache hat uns Augen und Ohren aufgetan für grundlegende grammatische Mechanismen.“ (Butzkamm 1999, S.309) Wo nur die deutsche Sprache erlaubt ist, wird ein Kind von seinen Wurzeln abgeschnitten. Damit verliert es den Zugang zu den Wurzeln der eigenen Sprachentwicklung, zu seinem Betriebssystem.
Förderung der interkulturellen Kompetenz
Eine wesentliche Aufgabe ist es, die Bücherei mit positiven Erlebnissen zu verknüpfen, z.B. mit Bilderbuchkino. Gerade bei Erst- und Zweitklässlern ist es wichtig, spaß- und lustbetont zu arbeiten, ihnen die Angst zu nehmen und Lust aufs Lesen zu machen. Sie sollen die Bücherei als „geschützten Raum“ wahrnehmen, der klar von der Schule abgegrenzt, wohlwollend und ohne Beurteilung ist.
Auch die Eltern bzw. die Mütter sollen wissen, dass ihre Kinder in der Bücherei gut aufgehoben sind. Es gilt, mögliche Hemmungen zu nehmen und eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen. Für Personen aus Ländern ohne Bibliothekskultur kann die Bücherei mit ihrer Theke auf den ersten Blick an ein Amt erinnern. Ist die Bücherei im Pfarrhaus wirklich für alle da, auch wenn „katholisch“ dransteht? Gegen Schwellenängste hilft die persönliche Ansprache und Einladung. Besonders effektiv ist es, wenn Sie sich direkt an Gruppen wenden, z.B. Deutschkursteilnehmer/innen oder an Schul-Info-Abenden für Eltern zukünftiger Erstklässler auf das Angebot der Bücherei hinweisen.
Für die Erwachsenen liegt der Schwerpunkt auf Veranstaltungen: Einführungen für Eltern in die Bücherei und Anlässe zur Förderung der interkulturellen Kompetenz. So findet viermal im Jahr der Interkulturelle Salon statt mit Musikbeiträgen als Herzöffner und kurzen, maximal 5 Minuten langen Texten wie Gedichten, Aphorismen oder Märchenanfängen. Regelmäßigkeit ist der Schlüssel zum Erfolg: Kamen anfangs nur eine Handvoll Zuhörer, sind es nun 60 bis 70 Personen und die Migranten gestalten den interkulturellen Salon als Akteure selber mit.
Bei allem, was es in der Bücherei in Dietzenbach für Erwachsene gibt, bullert ein Tee-Samowar, ein Anwärmer im wahrsten Sinn des Wortes. „Wie zuhause“ sagen die Frauen. 50 ct. kann man pro getrunkenem Glas in eine Dose werfen. Auch wenn das wenige tun: Im Vergleich mit dem positiven Effekt sind die Kosten vernachlässigbar. Der Samowar ist eine Dauerleihgabe (oder kostet etwa 35 Euro), der Förderverein sorgt für losen Tee.
Das Wichtigste ist eine Haltung frei von erzieherischen Absichten, die den Boden für fruchtbare interkulturelle Begegnungen ebnet. Gemeinsames Erleben verbindet: vom Tee trinken über Bilderbuchkino, Vorlesen bis zum Austausch über eigene Erfahrungen und Lebensgeschichten. Auch wenn Unterschiede im Grundverständnis über beispielsweise Erziehung existieren, finden sich immer auch gemeinsame Schlüsselwerte wie Respekt, Fairplay und das Bedürfnis nach Selbstbestimmung.
Erfahrungen und Erfolg
Bettina Kuse lässt sich von „unerwarteten“ Erfahrungen nicht abschrecken oder entmutigen, sondern nimmt diese als Lern- und Verbesserungsmöglichkeit. Als zum ersten Elternabend nur 3-4 Personen kamen, kommunizierte sie beim nächsten Mal klarer: Er findet nur statt, wenn sich mind. 8 Teilnehmer verbindlich anmelden. Vieles ist abgeschaut, Fehler passieren, werden aber verziehen, da überhaupt ein Engagement auf Augenhöhe und ohne Erziehungswillen da ist. Hat man einmal angefangen, kommt vieles von alleine, auch Geld- und Sachspenden, Mithilfe oder Übersetzungen von Lesern. Unabdingbar ist eine respektvolle Grundhaltung gegenüber der anderen Muttersprache und der individuellen Migrationsgeschichte.
Ohne zusätzliches Personal oder spezielle Mittel für interkulturelle Bibliotheksarbeit müssen Prioritäten gesetzt werden. Was passt zur eigenen Situation? Nur Bücher in die Ecke stellen und nichts dazu anbieten, bringt nichts. Das Wichtigste: Die Entscheidung zur interkulturellen Bibliotheksarbeit soll aus Überzeugung getroffen werden und nicht „weil man das jetzt tun muss“. Der erste Schritt ist der schwerste, aber mit Mut und Lust stellen sich die Erfolge rasch ein. Die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns ist Belohnung genug.
Kuse fragt provokativ: Ist es wirklich so schlimm, wenn ein zurückgegebenes Buch mal nach Curry riecht? Ihre Erfahrung: Ein besonders fruchtbares Ziel ist es, die Kinder aller Milieus anzusprechen. Gibt es eine schönere „Belohnung“ als das strahlende Gesicht des Jungen, der begeistert ruft: „Isch liebe Bibliothek!“?
Interkulturelle Bibliotheksarbeit als Querschnittsaufgabe
Neben den ganz direkten Früchten der Arbeit aus unmittelbaren Rückmeldungen der Kinder und Eltern, hat die Bücherei im Oktober 2010 den Völkerverständigungspreis erhalten. Das motiviert zusätzlich. Inzwischen ist die Stadtbücherei sogar im Integrationskonzept der Stadt vorgesehen. Obwohl die Bücherei eine freiwillige Aufgabe der Kommune ist, kommt in dieser Situation in Dietzenbach keiner auf die Idee, diese wegzusparen. Auch die Politik hat verstanden: Büchereiarbeit ist doch etwas anders als nur Bücher über die Theke reichen.
Wie geht es weiter? Nächster Meilenstein ist eine effizient gestaltete und ressourcenschonende interkulturelle Bibliotheksarbeit, die alle Akteure einbindet. Bettina Kuse möchte einen Beirat ernennen, um die Arbeit in Dietzenbach auf mehrere Schultern zu verteilen und die Migranten einzubinden. Das Fernziel: Die interkulturelle Bibliotheksarbeit ist so als Bestandteil der Alltagsarbeit verankert, dass sie nicht mehr gesondert hervorgehoben werden muss. Damit die Bücherei wirklich „für alle“ da ist.
Barbara Sckell