Lilli zaubert wieder! Das nunmehr etwa zwölfjährige Mädchen hat nach seinen ersten Herausforderungen und Prüfungen (in „Hexe Lilli, der Drache und das magische Buch“, fd 39 139) vollends die Pflichten der „Großhexe“ Surundula übernommen, die ihren Ruhestand in einem Wellness-Seniorenheim genießt und nur noch mit einem Problem kämpft: Weil keine Haustiere erlaubt sind, führt ihr kleiner Drache Hektor das stressige Dasein eines „Outlaws“, ständig versteckt lebend und doch verführt durch die vielen Leckereien, denen der pummelige grüne Genießer kaum widerstehen kann. Nur gut, dass ihn da seine Freundin Lilli zu sich ins heimische Kinderzimmer beordert, gilt es doch, gemeinsam einen Auftrag zu übernehmen: Lilli hat einen Brief aus dem fernen Königreich Mandolan bekommen, worin sie der Großwesir Guliman bittet, ihm bei der Besteigung des verwaisten Throns behilflich zu sein; dieser ist nämlich verzaubert und wehrt sich handfest gegen jeden Versuch, auf ihm Platz zu nehmen. Dass der eitle und selbstverliebte, gerne auch mal zu drastischen Grausamkeiten gegenüber seinen Palastdienern neigende Guliman vielleicht gar nicht legitimiert sein könnte, über das Land zu herrschen, dämmert Lilli schnell. Um Zeit zu gewinnen und um mehr zu erfahren, ordert sie bei Gulimans intrigantem Magier Abrasch die unmöglichsten Zutaten für einen Zaubertrank und erforscht derweil unter ständig wachsenden Gefahren die Zusammenhänge: Der rechtmäßige König Nandi ist gar nicht tot, sondern wurde in die Verbotene Stadt verbannt, derweil Guliman, aber auch Abrasch die Macht an sich reißen wollen. Mit Hilfe von Hektor, einem pfiffigen Straßenjungen und Rikschafahrer namens Musa sowie diversen fantasiereichen Zaubersprüchen nimmt die beherzte Lilli den Kampf auf, bei dem sie am Ende ganz auf sich gestellt ist.
Ganz in der „Tradition“ des ersten Hexe-Lilli-Films (fd 39 139) unterhält auch die Fortsetzung als sich gut gelaunt gebendes, überbordend bunt ausgestattetes Kinderabenteuer (diesmal mit einem gewissen Bollywood-Flair) und vielen Trickeffekten, wobei der computertrickanimierte Drache Hektor noch eleganter in die Realszenen eingearbeitet wurde und in seiner „natürlichen“, unbekümmerten Extrovertiertheit amüsiert. Die Handlung selbst erscheint dagegen arg konstruiert, ächzt unter den vielen Schauplätzen und Wendungen und tut sich sichtlich schwer, einen Minimalanspruch an pädagogischer „Korrektheit“ (Lillis heimische Pflichten, ihre Sorge um ihren kleineren Bruder, ihre Verantwortung gegenüber der Gabe der Zauberei) in Einklang zu bringen mit der globalen Vermarktungsstrategie, die nach äußeren Schauwerten und einer gewissen „Glätte“ verlangt, sich bei allem Aktionismus aber sichtlich bemüht, bloß nicht allzu aufmüpfig-lustvoll über die Stränge zu schlagen. Auffällig ist der, vorsichtig gesagt, recht unbekümmerte Umgang mit (Ab-)Bildern einer „exotischen Fremde“, die einem Komödianten wie Jürgen Tarrach zwar hier und da eine witzige Comedy-Steilvorlage bietet, insgesamt aber doch allzu ungebrochen ein überholt geglaubtes Klischeebild fremder Kulturen ausmalt. Das erinnert mitunter an die plakativ „magisch“ und „fremd“ gezeichnete (Hollywood-)Welt im Klassiker „Der Dieb von Bagdad“ (fd 364), der freilich nun ja bereits 70 Jahre alt ist, sodass man ihm seine Patina naiver Vorurteile gerne nachsieht; dass aber auch Lillis zweites Kinoabenteuer kaum etwas dazu beiträgt, interkulturelle Kompetenz zu vermitteln und den jungen Zuschauern viel zu wenig hilft, spielerisch und vorurteilsfrei den Umgang mit Menschen anderer Kulturen einzuüben, das kann man nicht so ganz nachvollziehen.
Horst Peter Koll /film-dienst