14.06.2012

Preisverdächtig!

Das Seminar vermittelt Praxiskonzepte zu den nominierten Titeln des Deutschen Jugendliteraturpreises. Im Rahmen dreier unterschiedlicher Workshops werden kreative Vermittlungsmethoden zu den Nominierungen in den Sparten Bilder-, Kinder- und Jugendbuch erarbeitet. [mehr]

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„Wenn wir nicht ab und zu was Verrücktes tun, können wir uns gleich begraben lassen." Mit diesen Worten kommentiert eine Kellnerin Harolds Vorhaben, zu Fuß 1000 Kilometer quer durch England zu laufen. Dadurch will er eine ehemalige Arbeitskollegin vor dem Krebstod retten, bei der er tief in der Schuld steht. Mich hat der Satz angesprochen, weil er von der Sehnsucht nach Lebendigkeit spricht, die in jedem Menschen wohnt. weiter

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Beinahe ein Roman

Schwerpunktbeitrag Graphic Novels

Graphic Novels sind in aller Munde. Sie bevölkern in regelmäßigen Abständen die Feuilletonseiten großer Tageszeitungen, und aus dem Comicmarkt für Erwachsene sind sie seit mehreren Jahren nicht mehr wegzudenken. Bereits 2007 erhielt eine Graphic Novel den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie „Sachbuch“. In „Mutter hat Krebs“ kommentiert Brian Fies den Kampf seiner Mutter gegen den Lungenkrebs und den Einfluss, den diese Erkrankung auf die übrigen Familienmitglieder hat. 2008 gelang mit „5 Songs“ einer Graphic Novel der Sprung in die Nominierungsliste, interessanterweise in der Rubrik „Bilderbuch“. In dem Jugendbuch erzählt Gipi von vier Jugendlichen, denen Musik als Ventil, als Sprachrohr ihres Lebensgefühls dient. Dieses Jahr ist es der All-Age-Titel „Ein neues Land“ von Shaun Tan, der es unter die nominierten „Bilderbücher“ schaffte. Tan erzählt in dieser reinen Bildergeschichte ein universelles Flüchtlingsschicksal mit all den Nöten des Protagonisten im neuen, fremden Land.

Doch was bedeutet eigentlich Graphic Novel? Ist es ein grafischer Roman, ein Roman in Bildern oder vielleicht ein Comicroman? Der Begriff „Graphic Novel“ bezeichnet keine klar abgrenzbare Literaturgattung, auch sucht man vergebens nach einer exakten Definition für dieses Genre. Der von sechs Comicverlagen gemeinsam herausgegebene Flyer „Was sind Graphic Novels?“ stellt heraus, dass in diesem Genre weder inhaltliche noch stilistische oder formale Grenzen gesetzt sind und ein Großteil der Titel nur einen Autor hat, wohingegen an Comicreihen meist mehrere Personen beteiligt sind. Darüber hinaus bietet der Flyer allerdings nur eine sehr allgemeine Einführung ins Comicgenre und einen Einstieg in die Technik des Comiclesens.

In der Nische zwischen Roman und Comic

Die Übergänge zwischen klassischen Comics und Graphic Novels sind fließend, es liegt im Ermessen von Autor und Verleger, ob ein Werk als Graphic Novel oder als Comic veröffentlicht wird. Etabliert hat sich der Begriff hierzulande für Comics, die sich durch einen grafisch hochwertigen Zeichenstil mit sehr detailreichen, ausgearbeiteten Bildern auszeichnen. Thematisch behandeln Graphic Novels verstärkt ernste und anspruchsvolle Themen. Anders als bspw. bei den bewegungsorientierten Mangas steht dabei jedes Bild für sich, d. h., es werden in der Regel keine Bewegungen verbildlicht. Hierdurch animieren Graphic Novels den Leser zu einem langsameren Lesetempo und damit einer längeren Betrachtungsdauer, was zu intensiverem Betrachten des einzelnen Bildes führt. Beispielhaft hierfür stehen die Werke Jiro Taniguchis. Der Japaner gilt als führender Autor von Graphic Novels auf dem asiatischen Markt. In dem aktuellen Titel „Bis in den Himmel“ erzählt er die Geschichte zweier grundverschiedener Männer, die bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt werden. Nach dem Tod des einen werden beide für kurze Zeit schicksalhaft miteinander verbunden.

Viele Graphic Novels kommen außerdem ohne Sprechblasen aus, stattdessen erläutert und unterstreicht ein begleitender Text die einzelnen Bilder. Auch qualitativ unterscheiden sich die Bände von Comics: Druck und Papier sind hochwertig, der größte Teil der Graphic Novels erscheint in hochpreisigen Hardcoverbänden.

Tatsächlich scheinen Graphic Novels mit ihrer Kombination aus ausdrucksstarken, künstlerischen Bildern und literarisch durchaus hochwertigen Texten eine Nische zwischen Romanen und Comics zu füllen.

Sie richten sich hauptsächlich an ein erwachsenes Publikum, im Kinder- und Jugendbereich ist dieses Genre bisher eher selten. Neben dem bereits erwähnten „5 Songs“ hat vor allem „Blankets“ von Craig Thompson, in Deutschland ausgezeichnet als „Comic des Jahres 2005“, einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht und gilt als wegweisende Graphic Novel. Thompson erzählt darin eine autobiografische Adoleszenzgeschichte zwischen Schule, erster Liebe und fundamental christlichem Elternhaus.

Ebenfalls für Jugendliche wurden in den letzten Jahren zwei Comicadaptionen von Bestsellerromanen herausgegeben, „Die Welle“ von Morton Rhue, Adaption von Stefani Kampmann, und „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang und Anike Hage. Eine der wenigen Graphic Novels für Kinder heißt „Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen“. Der kleine Jean durchlebt darin das erste Schuljahr in der Ungewissheit um das Schicksal seiner verschwundenen Mutter.

Die wohl bekannteste Graphic Novel ist Art Spiegelmans „Maus“, der in Form einer Tierfabel erzählten Geschichte seiner jüdisch-polnischen Eltern im Dritten Reich. Spiegelman wurde für dieses Werk 1992 als erster Comiczeichner mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.

Auch Marjane Satrapis’ „Persepolis“ hat, nicht zuletzt nach der Verfilmung dieser Comic-Biografie, einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht. Sie berichtet im ersten Band aus kindlicher Sicht von ihrem Aufwachsen im Iran, der zweite Band umfasst ihre Jugendzeit in Wien und die spätere Rückkehr in den Iran.

Vom Ursprung des Begriffs „Graphic Novel“

Erstmals verwandte Will Eisner die Bezeichnung „Graphic Novel“ 1978 auf dem Cover seines bei Baronet Books erschienenen Werkes „Ein Vertrag mit Gott”. Bereits im Vorfeld benutzte er den Verlegern gegenüber für seine Sammlung von vier Geschichten über die jüdischen Bewohner eines Mietshauses den Begriff Graphic Novel, den er auch im Vorwort erwähnt. Eisner bezweckte mit dieser Bezeichnung eine Aufwertung seines Werkes, um es von den zahlreichen regelmäßig erscheinenden „Wegwerf-Comicheften“ abzusetzen.

In den Vereinigten Staaten wurde der Begriff bald für sämtliche Comics in Buchform verwandt, was auch Sammelbände von zuvor in Heftform erschienenen Comic-Reihen nicht ausschloss. In der Akzeptanz bei US-amerikanischen Buchhändlern, Bibliothekaren und auch Lehrern nahmen Graphic Novels schon früh einen vergleichsweise hohen Stellenwert ein. So verwundert es nicht, dass sie die einzige Comicgattung darstellen, die in Nordamerika in den Belletristikabteilungen der Buchhandlungen zu finden ist, während die übrigen „Comic Books“ fast ausschließlich in Comicläden oder an Zeitungsständen vertrieben werden.

Graphic Novel als Qualitätssiegel

Auch wenn es den Anschein hat, sind Graphic Novels in Deutschland kein Trend der letzten Jahre. Die verstärkte Wahrnehmung ergibt sich vielmehr aus der intensiven Förderung und den zahlreichen Marketingaktionen der Verlage. Darüber hinaus sind einige Verlage dazu übergegangen, Graphic Novels in einer gleichlautenden Reihe zu veröffentlichen. Im Sommer 2009 einigten sich die deutschen Comic-Verlage avant-verlag, Cross Cult, Edition Moderne, Edition 52, Reprodukt sowie Schreiber & Leser darauf, ihre Graphic Novels mit einem verlagsübergreifenden Sticker zu versehen. Dieser soll in Zukunft auf dem Buchdeckel angebracht werden, um Graphic Novels auf den ersten Blick als solche erkennbar zu machen.

Diese Taktik ist durchaus erfolgversprechend. Schon der Aufdruck „Graphic Novel“ erhöht die Chance eines Comics auf großes Medieninteresse und vor allem die Verkaufszahlen. Dies macht deutlich, dass der Begriff inzwischen nicht nur als Genrebezeichnung, sondern auch verstärkt als Qualitätssiegel angesehen wird.

Dem leistet auch hierzulande der Trend Vorschub, Sammelausgaben von Reihen, die zuvor in der üblichen regelmäßig erscheinenden Heftform veröffentlicht wurden, als Graphic Novels (GN) zu bezeichnen. Sebastian Oehler, bei Reprodukt zuständig fürs Marketing, rechtfertigt diese Vorgehensweise damit, dass „die auf Heftchen basierenden Werke auch vor der Veröffentlichung als GN noch einmal überarbeitet oder ergänzt“ werden.

Doch woran liegt es, dass allein der Begriff „Graphic Novel“ einen Comic, der ohne diese beiden Worte bei einem Großteil der Literaturinteressierten nicht auf Interesse stieße, plötzlich ein Werk mit künstlerischem und literarischem Potenzial darstellt? Eine gewisse Rolle mag der englische Begriff „novel“, also Roman, spielen. Doch die Nähe zu Romanen kann die Wirkung der Bezeichnung „Graphic Novel“ nicht erklären, gibt es doch bei Romanen ebenfalls keine Qualitätsgarantie.

Ein anderer Punkt erscheint da entscheidender. Viele betrachten Comics nach wie vor als komische bzw. alberne Bildergeschichten für Kinder und Jugendliche. Dass nur die wenigsten Comics tatsächlich für Kinder verfasst werden oder für diese empfehlenswert sind, wird kaum wahrgenommen. So liegt die Vermutung nahe, dass der Erfolg des Begriffes „Graphic Novel“ im Wesentlichen daher rührt, dass er dieses Genre von der Gattung „Comic“ distanziert.

Doch es gibt auch Gegner dieser Vorgehensweise. So spricht der Franzose Cyril Pedrosa, Autor von „Drei Schatten“, sich in einem Blog vehement gegen diese Vermarktungsstrategie aus. Laut Cyril ist es in Frankreich inzwischen Sitte, jeden Comic, der nicht im Standard-Comicformat erscheint, als „roman graphic“, der französischen Übersetzung von „Graphic Novel“, zu bezeichnen. Hierin sieht er eine clevere Marketingstrategie, den Werken durch die namentliche Verbindung zu Romanen den Stempel gesellschaftlicher Akzeptanz zu verleihen, sie in den Stand seriöser Literatur zu erheben.

Ob nun Marketingstrategie oder anspruchsvolle Comic-Literatur - es lohnt sich, Graphic Novels zu entdecken. Wer neugierig geworden ist, findet über unsere Medienliste sicher einen Einstieg. Und dem Kenner müssen wir ohnehin nichts mehr erzählen ...

Illustrationen aus “Beinahe Reich”, mit freundlicher Genehmigung des Verlags Reprodukt.
aus “Beinahe reich” (Verlag Reprodukt)

Verlagsübergreifender Flyer

Interview mit Sebastian Oehler zum Flyer „Was sind Graphic Novels?”

 

 

 

Will Eisner - der Erfinder der Graphic Novel

Der im Jahr 1917 in den USA geborene William Erwin Eisner gilt als „Erfinder“ der Graphic Novel. Er begann schon als Schüler, Comics zu zeichnen. Berühmt wurde er mit seiner eigenen Comicreihe „The Spirit“, die er über 12 Jahre in der Beilage einer Zeitung veröffentlichte. Weltweit erhielt er zahlreiche Preise und auch in Deutschland wurde er mit dem „Max-und-Moritz-Preis“ für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Im Jahr 2005 starb der berühmte Zeichner, nach dem der wichtigste amerikanische Comicpreis, der „Eisner Award“, benannt wurde.

Comics und Literatur

Hören Sie die Themensendung “Comics und Literatur” im Comickabinett, die im Freien Sender Kombinat (FSK), dem freien Radiosender in Hamburg, am 5.7.2009 ausgestrahlt wurde. Der Beitrag enthält unter anderem eine Diskussion über die erste Ausgabe der Zeitschrift “Reddition”, eine kurze Lesung und ein Interview.

Die Sendung in drei Teilen können Sie im Archiv des Comickabinett anhören.

 

Graphic Novels als Büchereimedium

Sicherlich stehen Comics für Erwachsene nicht auf der Hitliste der von Büchereien eingekauften Medien. Daraus sollte man jedoch nicht schließen, dass sich ihre Anschaffung erst für große Büchereien lohnt. Mehr als von der Bestandsgröße hängt es vom Benutzerklientel der jeweiligen Bücherei ab. Ebenso bedarf es unter Umständen der aktiven Vermittlung, um auf dieses noch nicht jedem Benutzer bekannte Genre aufmerksam zu machen.

Wie bei jeder Medienart ist auch hier eine gute Auswahl das A und O, denn nicht jede Graphic Novel, die auf dem deutschen Markt erscheint, ist bezüglich literarischer, inhaltlicher und graphischer Qualität empfehlenswert. Der Borromäusverein unterstützt Sie bei der Auswahl mit seiner Besprechungsarbeit.

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Graphic Novels

Graphic Novels boomen und haben in der letzten Zeit Beachtung und Lob von Kritikern wie keine andere Comic-Gattung erfahren. Hier finden Sie eine Auswahl empfehlenswerter Titel. [mehr]

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