"Darwins Rottweiler"
Sorgt für scharfe Kritik: Richard Dawkins Bestseller „Der Gotteswahn“. Ein Überblick über die Pressestimmen der vergangenen Woche von Christoph Holzapfel, Borromäusverein Bonn e.V.
„Der Gotteswahn“ – die neu erschienene deutsche Übersetzung von Richard Dawkins Bestseller „The God Delusion“ sorgte vergangene Woche für ausreichend Gesprächsstoff. „Richard Dawkins schwingt das Schwert des Naturalismus“, titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). In einem Spiegel-Gespräch kommt sein Spitzname „Darwins Rottweiler“ zu Tage. Und die Süddeutsche Zeitung (SZ) nennt ihn einen „biologistischen Hassprediger“.
FAZ: Mildernde Umstände
„Sagen wir es zurückhaltend: Es hat schon einmal interessantere Formen von Religionskritik gegeben“, schreibt Helmut Mayer in der FAZ („Ein Hypothesengott ist schnell erledigt“, 10.09.2007, S. 45). Der Versuch, die naturwissenschaftliche Sicht auf die Welt zur einzig gültigen Erklärung der Welt zu erheben, gebe eben nur wenig her. Dennoch macht er für Dawkins „mildernde Umstände“ geltend. „Man muss den Blick nur über einige seiner erklärten Gegner schweifen lassen, etwa über jene Evangelikalen, die sich darauf versteifen, mit der Bibel gegen Darwin und die Folgen vorzugehen.“
SZ: Langweilig und unqualifiziert
Der Münchener Theologe Friedrich Wilhelm Graf ist in der SZ weniger zurückhaltend. Der „langweilige Text“ weckt sein Interesse nur, weil Dawkins behauptet, mit der darwinschen Evolutionstheorie „über einen alles erklärenden Deutungsschlüssel zu verfügen“. Doch Dawkins Versuch, „die Geheimnisse aller Kultur“ mit diesem Schlüssel aufzudecken, überzeugt Graf keineswegs. Er wirft Dawkins vor, mit seiner „philosophische Unbildung“ zu prahlen und alle Gläubigen pauschal für krankhaft zu erklären. Ernüchtert stellt er fest, dass dieser „keinen einzigen Klassiker der Kultur- und Religionswissenschaften“ kenne und von den neueren Expertendiskussionen keine Ahnung habe, aber natürlich ganz genau wisse, wie Kultur inklusive Religion funktioniere. Obwohl Dawkins Thesen also völlig substanzlos sind, lässt sich der Erfolg seines Buches ohne großen Aufwand erklären, meint Graf: „Vulgärer Hardcore-Glaube feiert auf globalisierten Religionsmärkten derzeit deutlich größere Erfolge als Glaubensweisen, die auf den Grundton von Demut, Besonnenheit und Respekt vor anderen gestimmt sind. Streng bindende Kampfgötter beherrschen die Szene, vielerorts wird missionarisch aufgerüstet. Religionskritik kann davon leicht profitieren. Sie muss nur die Gewaltgötter in ihrer grausamen Härte vorstellen und in einem zweiten Gedankenschritt den Nachweis führen, dass Gewaltfixierung, Unterdrückung und aggressive Intoleranz das wahre Wesen Gottes konstituieren.“
Der Spiegel: „Ein Gott der Angst“
Das Spiegel-Gespräch („Ein Gott der Angst“, Der Spiegel 37 (2007), S. 160-164) belegt, wie undifferenziert Dawkins sich über Religionen äußert – und wie wenig Spiegel-Redakteure dem entgegen zu setzen haben. Auf die Frage, welche Folgen die Anschläge vom 11. September für ihn hatten, antwortet Dawkins: „Der 11. September hat mich sicherlich radikalisiert und auch die Antwort der Christenheit (!), deren Kreuzzug gegen die neuen Feinde, die Aufteilung der Welt in Gute und Böse.“ Dass der „war on terror“, den die USA ausgerufen haben, keine Sache „der Christenheit“ (Wer ist das überhaupt?) ist, dass Johannes Paul II. und Benedikt XVI. gegen Gewaltanwendungen protestiert haben, scheint für ihn keine Rolle zu spielen. Im weiteren Verlauf des Interviews wirft er den Christen „mentalen Kindesmissbrauch“ vor, weil sie die Kinder schon früh indoktrinierten und ihnen die Etiketten „protestantisch“ oder „katholisch“ verpassten. Als Begründung verweist er auf sog. Höllen-Häuser, in denen evangelikale Christen in den USA Kindern auf drastische Weise Angst vor der Hölle machen.
Deutlich wird in dem Interview auch, dass für Dawkins außerhalb der naturwissenschaftlichen Weltsicht keine anderen ernstzunehmenden Erklärungen für die Welt existieren. Und die Spiegel-Redakteure haben seinen Argumenten auch wenig entgegen zu setzen. Wenn etwa Dawkins andeutet, dass die Naturwissenschaften für die Erklärung, warum unser Universum existiert, immer noch eine beweisbare Erklärung schuldig bleiben, kommen sie ihm mit dem Uhrmacher-Gott, der die Schöpfung angestoßen habe, wie man eine Uhr aufzieht, und sich dann zurückgezogen habe. Kein Wunder, dass Dawkins mit so einem Einwand leichtes Spiel hat, ganz abgesehen davon, dass gerade das eben nichts mit der christlichen Schöpfungslehre zu tun hat. Die geht nämlich nicht nur davon aus, dass Gott – auf welche Weise auch immer – Urheber der Schöpfung ist, sondern sie sieht in ihm auch die Kraft, die dieser Schöpfung Bestand verleiht. Kurz: Ohne Gottes Beitrag hätte diese Welt und das ganze Universum keinen Bestand. An anderer Stelle kommen sie Dawkins mit dem „Lückenbüßergott“, also einem Gott, der als Erklärung herhalten muss, wenn rationale, naturwissenschaftliche Erklärungen nicht greifen. Am Ende des Interviews zeigt Dawkins sich von seinem Spitznamen „Darwins Rottweiler“ geschmeichelt. „Rottweiler sind sehr charmante, süße Hunde.“ – Mag sein. Aber sie sind stur und wissen mit ihrer Kraft nicht umzugehen, wenn sie in den falschen Händen sind. Sagt meine Kollegin.