14.06.2012

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Skandalfilme

Sie sind (fast) so alt wie das Kino. Einige Tage, ein paar Wochen lang sorgen Skandalfilme für Schlagzeilen, selten sogar über Monate hinweg. Dann aber geraten sie in Vergessenheit. Vielleicht weil das Kino so lange brauchte, um sich selbst von der Rummelplatzaura des Sensationellen zu befreien, fand eine grundlegende Aufarbeitung des Phänomens „Skandalfilm“ bislang kaum statt. Stefan Volk stellt dazu sechs Thesen und Gegenthesen vor.

Sie sind (fast) so alt wie das Kino. Einige Tage, ein paar Wochen lang sorgen Skandalfilme für Schlagzeilen, selten sogar über Monate hinweg. Dann aber geraten sie in Vergessenheit, werden allenfalls an ihren Jahrestagen wieder hervorgekramt. Vielleicht weil das Kino so lange brauchte, um sich selbst von der Rummelplatzaura des Skandalösen, Sensationellen zu befreien, fand eine grundlegende filmhistorische Aufarbeitung des Phänomens „Skandalfilm“ bislang kaum statt.
Eine bemerkenswerte Ausnahme bildeten Skandalfilme mit religiösem Hintergrund, die von einer christlich motivierten Filmkritik über den tagesaktuellen Bezug hinaus thematisiert wurden. Offenbar begriffen Teile der christlichen Filmwissenschaft die Provokationen, die von Jesusfilmen wie Herbert Achternbuschs „Das Gespenst“ (1982), Jean-Luc Godards „Maria und Joseph“ (1985), Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ (1988) oder zuletzt – wenn auch unter veränderten Vorzeichen – Mel Gibsons „Die Passion Christi“ (2004) ausgingen, als durchaus willkommene Herausforderung zur inhaltlichen Auseinandersetzung. Jenseits religiöser Glaubensfragen aber beschränkte sich das filmhistorische Interesse zumeist auf die Wirkungsgeschichte einzelner Werke.
Möglicherweise liegt es daran, dass Skandalfilme als soziales Phänomen oft nicht ernst genommen und lieber mit spitzen Fingern dem Boulevard überlassen wurden, dass bis heute allerhand Mythen, Fehleinschätzungen und fragwürdige Thesen zu diesem Thema in der Öffentlichkeit – auch der filminteressierten Öffentlichkeit – kursieren.

1. These: Der Skandal ist eine Frage des persönlichen Geschmacks

In unregelmäßigen Abständen finden auf Kinoseiten im Internet, aber auch in Zeitschriften Abstimmungen über die „größten Skandalfilme“ eines Jahrzehnts oder gleich „aller Zeiten“ statt. Ganz so, als sei das Ansichtssache. Ein Irrtum, der sich leicht erklären lässt. Schlägt man den Fremdwörter-Duden unter dem Eintrag „Skandal“ auf, steht dort als erstes: „Ärgernis“. Ob ich mich nun über einen Film ärgere oder nicht, ist eine Frage meiner persönlichen Moralvorstellungen und Empfindlichkeiten. Insofern ist es subjektiv, was als skandalös wahrgenommen wird. Kulturgeschichtlich aber meint „Skandal“ eher das, was im Duden noch steht: „aufsehenerregendes, schockierendes Vorkommnis“, „Lärm“ - ein öffentliches Ärgernis also. Es sind demnach nicht die Inhalte an sich, die einen Film zum Skandalfilm machen, sondern erst die empörten öffentlichen Reaktionen, die er auslöst. Ob gegen einen Film demonstriert wurde, ob es Boykottaufrufe gab, ob Kinos gestürmt wurden, all das ist aber keine Ansichtssache, sondern historisch überprüfbar. Deshalb kann auch kein „Publikums-Voting“ heute darüber entscheiden, ob im Nachhinein betrachtet „Sissi“ im Vergleich zu „Die Sünderin“ nicht vielleicht der größere Skandalfilm war.

2. These: Die Skandalfilmgeschichte ist eine Geschichte durchgängiger Liberalisierung

Auf den ersten Blick spricht vieles für diese These. Immerhin erhitzte 1951 in „Die Sünderin“ noch Hildegard Knefs nackter Busen die Gemüter, während sich gut fünfzig Jahre später kaum jemand darum scherte, wenn in Filmen wie „9 Songs“ oder „Shortbus“ Schauspieler vor laufenden Kameras echten Sex miteinander hatten. Schaut man aber ein bisschen genauer hin, zeigt sich, dass das Kino im Verlaufe seiner Geschichte keineswegs von Jahr zu Jahr immer liberaler wurde. Beispielsweise brachten die Filme der Weimarer Republik mitunter mehr nackte Haut auf die Leinwände als diejenigen der Nachkriegsjahre. Vor allem aber lässt sich „freiheitlich“ nicht einfach mit „freizügig“ gleichsetzen.
Als Wilhelm Prager 1925 in der Ufa-Produktion „Wege zu Kraft und Schönheit“ junge, athletisch geformte, nackte Körper präsentierte, protestierte die bayerische Turnerschaft vehement, und die Landesregierungen Bayern, Baden und Hessen versuchten ein Verbot des Körperkult(ur)-Streifens zu erwirken. Der große Skandal aber blieb aus. Die Berliner Oberprüfstelle beschied, die „Darstellung des ‚Nackten’ schlechthin“ sei „nicht entsittlichend“. So verlockend es auch erscheinen mag, die Skandalfilmgeschichte auf eine Galerie von „Nackt-“ und „Sexszenen“ zu reduzieren, mit der Realität hat das wenig zu tun. Auch der Skandal um „Die Sünderin“ drehte sich in erster Linie nicht um einen blanken Busen, sondern um Tabuthemen wie Selbstmord, Tötung auf Verlangen und Prostitution. Egal ob „Ekstase“ (1933), „Die Zeit mit Monika“ (1953), „Die Liebenden“ (1958) oder auch „Basic Instinct“ (1992); es waren weniger die Körper- als die Rollenbilder, die eine soziale Sprengkraft in sich bargen.
Natürlich gestaltet sich der Umgang mit (einst) skandalträchtigen Themen wie „Homosexualität“, „Blasphemie“ oder „Gewalt“ in Deutschland heute toleranter, offener und entspannter als früher. 1919 geriet Richard Oswalds „Anders als die Andern“ zum Skandal, weil er sich für die Abschaffung des Paragraphen 175 aussprach. Mittlerweile existiert der Paragraph, der homosexuelle Handlungen unter Männern verbot, nicht mehr. Und Herbert Achternbuschs „Das Gespenst“ (1982), den Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann einst als „widerwärtig, blasphemisch und säuisch“ bezeichnete, ist „frei ab 12“.
Allerdings vollzog sich diese Liberalisierung nicht als linearer Fortschritt. Als Veit Harlan in den Wirtschaftswunderjahren mit „Anders als du und ich“ an Oswalds Aufklärungsfilm anknüpfen wollte, plante er einen Film, der vor den Gefahren der Homosexualität warnte, dabei aber ein Mindestmaß an Verständnis mit einfließen lassen sollte. Der für die Kinofreigabe zuständigen „Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“ (FSK) aber war selbst dies zu viel der Toleranz. Harlan musste so lange umschneiden, bis er resigniert feststellte, dass sein Film die Homosexuellen „tot schlage“. Zum Skandal aber geriet der Film 1957 wegen Harlans „Jud Süß“-Vergangenheit und weil man ihm vorwarf, moderne Künstler zu diffamieren; und zwar als homosexuell.
Heute freilich sieht das anders aus, und „Anders als du und ich“ wird als schwulenfeindliches Machwerk wahrgenommen. Käme er jetzt in seiner Endfassung in die Kinos, geriete er wohl wieder zum Skandal, diesmal aber aus anderen, den richtigen Gründen. Darin zeigt sich jedoch auch, dass Liberalisierung oftmals mit einer spiegelbildlichen Tabuisierung einhergeht. Je mehr die Rechte einer gesellschaftlichen Gruppe gestärkt werden, desto stärker wird auch ein Verstoß gegen diese Rechte geahndet; selbst wenn er nur auf der Leinwand stattfindet.
So ist die krachlederne Frauenfeindlichkeit mancher Softsexfilmchen aus den 70er Jahren im heutigen Kino kaum noch denkbar. Und als in den 90ern in den USA das Thema „Kinderpornografie“ hochkochte und Adrian Lynes „Lolita“ dort lange keinen Verleih fand, hätte sich ein Erotikstreifen mit einer 14-jährigen Hauptdarstellerin wohl einer kritischeren Debatte stellen müssen als das noch 1980 bei Randal Kleisers „Die blaue Lagune“ mit der minderjährigen Brooke Shields der Fall war.

3. These: Skandalfilme brechen Tabus im Dienste des Fortschritts

Die romantische Vorstellung, dass filmische Tabubrüche grundsätzlich auf eine gerechtere, freiere, bessere Gesellschaft abzielen, ist ebenso verführerisch wie falsch. Ein kurzer Blick in die Kinogeschichte genügt, um zu erkennen, dass Skandalfilme moralisch, politisch und ideologisch alles andere als auf einer Linie liegen. In der Weimarer Republik hetzte die Rechte gegen Lewis Milestones Antikriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ (1930). Kurz darauf machte die Linke gegen Gustav Ucickys nationalistischen Fridericus-Streifen „Das Flötenkonzert von Sanssouci“ (1930) mobil. Keineswegs als fortschrittlich empfanden afro-amerikanische Bürgerrechtler D.W. Griffith’ „Die Geburt einer Nation“ (1915). Zu Tausenden protestierten sie gegen die „bösartigste Herabwürdigung“ aller Farbigen. Und in jüngster Zeit geriet Lars von Triers „Antichrist“ (2009) vor allem deshalb zu einem – kleinen – Skandal, weil etliche ihm ein rückwärtsgewandtes Frauenbild vorwarfen.

4. These: Skandalfilme stärken den sozialen Wertekanon

Diese Gegenposition zur These von der tabubrechenden Kraft von Skandalfilmen lässt sich bis zu Emile Durkheim (1858–1917), einem der Begründer der empirischen Soziologie, zurückverfolgen. Demnach stärken Tabuverletzungen den gesellschaftlichen Konsens: Wenn ihre Grundwerte attackiert werden, wird sich die Gesellschaft dieser wieder bewusst, verteidigt sie und bekräftigt sie dadurch. Es lässt sich kaum überprüfen, inwieweit diese Annahme auf Skandalfilme zutrifft. Zumindest ein Gegenbeispiel belegt jedoch, dass Filmskandale durchaus auch Veränderungen auslösen können. Rosa von Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ setzte 1971 eine Debatte in Gang, aus der heraus sich die bundesdeutsche Homosexuellenbewegung formierte. Es scheint also, dass Skandalfilme, indem sie Grundwerte in Frage stellen, zwar dafür sorgen, dass diese in (Teilen) der Gesellschaft neu verhandelt werden. Ob die Debatte dann aber dazu führt, dass die alten Werte neu etabliert werden oder in Bewegung geraten, dürfte vom Einzelfall und den jeweiligen zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen abhängen.

5. These: Der Skandal ist stets eine willkommene Werbestrategie

Keine Frage: vielen Filmen hat der Skandal, den sie verursachten, an den Kinokassen richtig gut getan. Ingmar Bergmans „Das Schweigen“ avancierte 1964 in Westdeutschland zum erfolgreichsten Kinofilm des Jahres, nachdem sich zuvor die „Aktion Saubere Leinwand“ gegen ihn in Stellung gebracht hatte. „Das Gespenst“ entwickelte sich zum bis heute erfolgreichsten Kinofilm Achternbuschs. Es ist anzunehmen, dass viele Filmemacher und Produzenten den Skandal nicht scheuten, sondern eher streuten, weil sie ihn für umsatzsteigernd hielten. Doch auch hier gibt es Gegenbeispiele aus der Filmgeschichte. In der Weimarer Republik wurden unliebsame Filme von ihren (politischen) Gegnern gezielt skandalisiert, um sie so über den Hebel einer „Gefährdung der öffentlichen Ordnung“ in ein Verbot zu treiben. Auf ähnliche Weise versuchten 1951 auch der Düsseldorfer „Ruhrkaplan“ Pfarrer Dr. Carl Klinkhammer und CDU-Oberbürgermeister Josef Gockeln, „Die Sünderin“ von der Bildfläche zu verbannen. Und für Karlheinz Böhm bedeutete der radikale Imagewechsel vom Kaiser zum Killer in „Peeping Tom“ (1960) einen Karriereknick. Regisseur Michael Powell erholte sich beruflich nie wieder von dem Skandal.

6. These: Es gibt heute keine Skandalfilme mehr

Bereits 1958 soll André Breton zu Luis Buñuel, dem Schöpfer des surrealistischen Skandalfilms „Das goldene Zeitalter“ (1930, Originaltitel: „L’Age d’or“) gesagt haben, es sei „nicht mehr möglich, bei irgendjemandem einen Skandal hervorzurufen“. In einem 1966 veröffentlichten Interview schloss sich Buñuel dieser Auffassung an: „In London fand eine Retrospektive meiner Filme statt, auf der ‚L’Age d’or’ zwölfmal vorgeführt wurde (…). Kein einziger Protest, kein einziges Zeichen des Unbehagens. Die Leute fanden den Film sehr erheiternd.“ Es greift freilich zu kurz, daraus, dass ein Film, der einmal die Gemüter erhitzte, das viele Jahre später nicht mehr tut, zu schließen, dass die Zeit der Skandalfilme generell zu Ende sei. Skandalfilme gab es auch nach 1966 noch.
In der jüngeren Vergangenheit sorgten Filme wie Mel Gibsons „Die Passion Christi“ (2004) oder Serdar Akars „Tal der Wölfe – Irak“ (2006) für heftige Kontroversen. Und auch heute bestehen nach wie vor genügend moralische Grenzen, die im Kino nicht so ohne Weiteres überschritten werden können. Dass man sich antisemitische oder pädophile Streifen ebenso wenig wünschen mag, wie Skandalfilme, die das menschliche Sterben ausstellen, weil man die Tabus, die solche Filme berühren, teilt, steht auf einem anderen Blatt. Doch auch für vermeintlich fortschrittliche, liberale Skandalfilme ist der Spielraum keineswegs ausgeschöpft. Der Mord am islamkritischen niederländischen Filmemacher Theo van Gogh („Submission Part 1“, 2004) hat das auf tragische Weise vor Augen geführt. Und wer glaubt, das Höchstmaß sexueller Kinofreizügigkeit sei längst erreicht, übersieht, dass sich die großen Filmstars an der Sexwelle im Kino der Nullerjahre nicht beteiligten. Mit dem Bekanntheitsgrad aber wächst die Fallhöhe, mithin das Skandalpotential.
Vermutlich ist es in pluralistischen westlichen Gesellschaften tatsächlich schwerer geworden, breite Bevölkerungsschichten gegen sich zu mobilisieren. Und bestimmt hat das Kino im modernen Medienzeitalter an Dominanz und Wirkkraft verloren. Das letzte Wort in der Geschichte des Skandalfilms ist deswegen aber noch lange nicht gesprochen.

Stefan Volk

Bild: Michael Connors / morguefile.com

Medienempfehlungen

(Bild: pedrojperez / morguefile.com)

Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK)

Die FSK ist eine Tochter der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) und finanziert sich durch die Prüfgebühren der Antragssteller. Die FSK-Altersfreigaben sind keine pädagogischen Empfehlungen, sondern Aussagen darüber, dass ein Film die Entwicklung von Kindern dieser bestimmten Altersklasse nicht beeinträchtigt. Grundsätze der FSK (pdf-Datei)

(Bild: clem / morguefile.com)

Was wäre Kino ohne Popcorn?

(Bild: ppdigital / morguefile.com)

Zutaten
Sonnenblumenöl
Popcorn-Mais
(Puder-)Zucker
Butter

Zubereitung
Den Boden eines großen Topfes mit einer dünnen Schicht Öl bedecken. Das Öl richtig heiß werden lassen. Von der Platte ziehen und Herd auf mittlere Stufe herunterstellen. Popcorn-Zuckergemisch (je eine halbe Kaffeetasse, 1 Tasse = 120 ml) in den Topf geben und mit Deckel verschließen. Kräftig durchschütteln und wieder auf den Herd stellen. Gelegentlich schütteln. Sobald die ersten Körner zu poppen beginnen, Deckel vorsichtig (!) anheben und 1/4 Tasse Zucker dazugeben. Schütteln. Die Zuckerzugabe 2-3x wiederholen und zwischendurch gut schütteln. Wenn die Hälfte des Maises gepoppt ist, eine Messerspitze Butter hinzufügen und den Topf schütteln. Drei weitere Male Butter hinzufügen, dazwischen schütteln. Wenn alle Körner gepoppt sind, die Hälfte in eine weite Schüssel füllen und gut durchmischen, damit das Popcorn nicht aneinander klebt. Nach und nach alles Popcorn in die Schüssel umfüllen. (Reinigungstipp: Topf sofort mit heißem Wasser und etwas Spülmittel füllen und einweichen lassen.)

Stars

Der Walk of Fame in Los Angeles (Bild: Kevin Connors / morguefile.com)
Filmdosen (Bild: Stuart Whitmore / morguefile.com)

Dr. Stefan Volk

Foto: privat

Zum Autor

Dr. Stefan Volk lebt als freier Journalist, Film- und Literaturkritiker mit seiner Familie in Freiburg im Breisgau. Er schreibt u.a. regelmäßig für die Fachzeitschriften „Film-Dienst“ und „Filmbulletin“, die „Berner Zeitung“ sowie das Literaturmagazin „Bücher“. Er hat mehrere film- und literaturdidaktische Arbeiten veröffentlicht, darunter einen Band zur Filmanalyse im Unterricht.

Literaturhinweis

Stefan Volk, “Skandalfilme: Cineastische Aufreger gestern und heute”, Schüren Verlag, 2011 (MedienNr. 570715)

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