14.06.2012

Preisverdächtig!

Das Seminar vermittelt Praxiskonzepte zu den nominierten Titeln des Deutschen Jugendliteraturpreises. Im Rahmen dreier unterschiedlicher Workshops werden kreative Vermittlungsmethoden zu den Nominierungen in den Sparten Bilder-, Kinder- und Jugendbuch erarbeitet. [mehr]

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„Wenn wir nicht ab und zu was Verrücktes tun, können wir uns gleich begraben lassen." Mit diesen Worten kommentiert eine Kellnerin Harolds Vorhaben, zu Fuß 1000 Kilometer quer durch England zu laufen. Dadurch will er eine ehemalige Arbeitskollegin vor dem Krebstod retten, bei der er tief in der Schuld steht. Mich hat der Satz angesprochen, weil er von der Sehnsucht nach Lebendigkeit spricht, die in jedem Menschen wohnt. weiter

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Fantasy und kein Ende in Sicht!

Beate Mainka schreibt über die neuesten Spielarten eines erfolgreichen Genres, das auch viele Erwachsene fasziniert.

Sie rollt und rollt und rollt, die Fantasy-Welle. Im Kinder- und Jugendbuchbereich beschleicht den aufmerksamen Marktbeobachter mitunter das Gefühl, ein Drittel der Produktion aller Verlage bedient dieses Genre. Apropos drei, diese Zahl an sich hat eine offenbar magische Bedeutung für Autoren, Publizisten und Konsumenten. Kaum ein Fantasy-Roman, der nicht mit Fortsetzung droht, in der Regel als Trilogie, aber auch das muss nichts mehr heißen, Stephenie Meyer oder, ganz aktuell im kommenden Herbst, Christopher Paolini legen auf ihre ursprünglich angedachten Dreier-Fortsetzungen aus gegebenem Anlass noch einen drauf. Es verkauft sich halt so schön! Und die Büchereimitarbeiter verzweifeln, denn angesichts schrumpfender Etats und lesewütiger Teenies werden hier enorme Mittel gebunden (billig sind diese dicken Wälzer nicht gerade) und verlieren im Fantasy-Dschungel langsam den Überblick. Doch Hilfe naht! In diesem Artikel finden Sie Informationen über die neuesten Tendenzen, Strömungen und Aussichten im neben dem Krimi erfolgreichsten Jugendbuchgenre.

Vampire und Werwölfe

Auch hier wird es zunehmend unübersichtlicher, häufen sich die Reihen wie etwa „House of Nights“, die Hanni-und-Nanni-Version für Blutsaugerfans. „Die Vampirschwestern“ aus dem Loewe-Verlag dienen im Grundschulsegment zum Anfüttern neuer Fans und selbst in Erstleser-Reihen gibt es vereinzelte Titel wie Annette Herzogs allerdings wenig überzeugende Geschichte über Mister Vam. Da sei doch lieber „Anna und der Meerschweinchenvampir“ von Christine Goppel empfohlen, in dem der Hype augenzwinkernd und unblutig altersgemäß umgesetzt wird. Dennoch, überall flattern diese Fledermäuse herum, obwohl das Thema inzwischen buchstäblich ausgelutscht scheint.

Und wer aus der Biss-Fraktion dann doch eher zum düsteren Werwolf Jacob als zum blassen Edward tendiert, auch der wird inzwischen fündig. Während aktuell im Kino mit „Red Riding Hood“ dessen Liebhaberinnen schön blutrünstig bedient werden, gibt es auch für die Leserschaft neues Futter, inklusive natürlich dem Buch zum Film.

Zombies

Zombies? Oh doch, wirklich, aus den USA kommen die untoten Menschenfresser langsam heran gekrochen und erobern bereits im Erwachsenenbereich mit Romanen wie „Die Zombies“ von Thomas Plischke oder „Mein fahler Freund“ des Amerikaners Isaac Marion ihre Leserschaft. Letzterer greift schlicht die Idee von Stephenie Meyer auf und bastelt um den tumben Ich-Erzähler, der in seinem Zombiedasein noch allerletzte Reste menschlicher Gefühlsregungen empfindet, eine Liebesgeschichte zu einer Normalsterblichen herum. Das führt zu einigen spannungsgeladenen Momenten, die gar nicht mal untalentiert erzählt werden. Doch auch der Jugendbuchbereich greift das Thema bereits auf. Lili St. Crow gar lässt ihre Heldin in ihrem Roman „Strange Angels – Verflucht“ von deren eigenem Vater, der zu einem Zombie mutierte, jagen und stellt ihr natürlich einen geheimnisvollen, wunderschönen jungen Mann an die Seite. Mit anderen Worten, auch bei den Zombies wird geliebt und gelitten. Ob diese Spezies von Horrorgestalten  allerdings in unseren KÖB zu finden sein wird, sei dahingestellt, die Bücher jedenfalls sind in der Regel reichlich unappetitlich und blutrünstig. Diese Spielart der Fantasy eignet sich wohl nur für ganz spezielle Fans!

Klassische Fantasy

Bei den Verlagen wird, wie die Pressechefin eines großen Jugendbuchverlages auf der Leipziger Buchmesse so treffend bemerkte, vieles „durchgejokert“, um zu sehen, wohin der Lesegeschmack tendiert. Zwei Trends zeichnen sich ab: Die männliche Jugend wird zunehmend mit immer härterem Horror bedient, als Beispiel sei hier der mitunter blutrünstige Comic-Roman „Malice – Du entkommst ihm nicht!“ von Chris Wooding genannt, der eine recht rüde Handlung mit Comic-Sequenzen ergänzt. Viele Leserinnen dieser Altersklasse greifen gerne zur Romantasy, in denen Liebesgeschichten ins Reich der Fantastik verlagert werden, wie etwa „Göttlich verdammt“ von Josephine Angelini, die dann zumeist als Serie angelegt sind. Literarischen Anspruch darf man hier in der Regel nicht erwarten, aber dem Unterhaltungsanspruch der Teenies wird Genüge getan und dem Umsatz der Verlage schadet es auch nicht.

Doch es gibt auch die feinen, hochwertigen, in Idee und Ausführung außergewöhnlichen Titel, die durch außergewöhnliche Szenarien die Fantasy immer wieder neu erfinden und bereichern. Wenn Cornelia Funke ein neues Buch veröffentlicht, ist ihr uneingeschränkte Aufmerksamkeit gewiss. „Reckless – Steinernes Fleisch“ ist der Auftakt zu einer Trilogie, die eine düstere, von Märchen- und Fabelwesen bevölkerte Welt entwirft, in der die böse Macht die Oberhand zu gewinnen droht und die Guten auf verlorenem Posten zu kämpfen scheinen. Die Brüder Grimm lassen grüßen! Auch der Belgier Peter van Olmen bedient sich in seinem Roman „Odessa und die geheime Welt der Bücher“ literarischer Vorbilder und schafft eine hinreißende Welt aus längst verstorbenen Schriftstellern und ihren Geschöpfen, in deren Mittelpunkt er eine bemerkenswerte Heldin stellt. Sehr humorvoll sind seine Verbalgefechte unter so namhaften Herren wie Shakespeare, Kafka und Dostojewski. Ebenfalls eher heiter kommt der Weiterbildungsroman des russischen Fantasykönigs Sergej Lukianenko - bekannt durch seine düstere „Wächter“-Trilogie -  über „Trix Solier“ daher. Der Junge aus gutem Fürstenhause muss nach dem Verlust der Eltern neue, bisweilen recht verschlungene Wege beschreiten und wächst als Zauberlehrling über sich hinaus. Hoffnungsvoll lässt sich auch der Beginn der „Chroniken von Anbeginn“ an, der erste Band „Emerald“ schickt drei arme Waisenkinder aus, die Welt zu retten, gönnt seinen Lesern aber auch immer wieder Atempausen durch humoristische Einlagen. Auch deutsche Autoren präsentieren immer wieder ungewöhnliche Plots, aktuell verknüpft Kai Meyer geschickt eine Romeo-und-Julia-Romanze mit dem sizilianischen Mafia-Milieu und würzt das Ganze dann noch mit einer gehörigen Prise Fantasy. „Arkadien erwacht“ und „Arkadien brennt“ werden im Herbst mit dem dritten Band zu einer Trilogie mit hoffentlich glücklichem Ausgang vervollständigt. Michael Borlik vertritt die Unterart Urban Fantasy, in der unsere heutige moderne Welt von einer fantastischen Gegenwelt bedroht wird. Jugendliche werden von „Nox – das Erbe der Nacht“, fasziniert sein, jüngere Fantasyfans nimmt er in „Namira – Das Geheimnis der Katzenmenschen“ auf eine Reise in die mythologische Vergangenheit unseres beliebtesten Haustieres mit.

Dystopien und Science-Fiction

Mit Dystopie bezeichnet man – im Gegensatz zur Utopie – eine Geschichte, die ein negatives Bild der zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklung entwirft. Diese Erzählungen nehmen zunehmend breiteren Raum in der Verlagsproduktion ein und bestätigen den Eindruck, dass die gesamte Fantasy düsterer wird. Zum einen dient die Zerstörung unseres Lebensraumes durch Profitgier und Gedankenlosigkeit als Auslöser für Zukunftsszenarien von mitunter beängstigendem Realismus. Aber auch die realen oder vermuteten Gefahren der Gentechnologie, die Bedrohung durch nicht mehr beherrschbare Technologien - Stichwort Atomenergie – oder eine Naturkatastrophe können zum Auslöser werden. Susan Beth Pfeffer nimmt in ihren beiden Romanen „Die Welt wie wir sie kannten“ und dessen Fortsetzung „Die Verlorenen von New York“ an, dass sich die Mondumlaufbahn durch einen Meteoriteneinschlag verschoben hat und so auf der Erde das empfindliche klimatische Gleichgewicht gestört ist. Die Lebensbedingungen haben sich dramatisch verschlechtert. In diese Welt setzt Pfeffer ihre Charaktere und lässt sie an diesen Umständen wachsen und reifen. Dabei stellt sie die grundsätzliche Frage: Wie weit darf ich gehen, um zu überleben? Hochspannend und glänzend erzählt! Einen geschickten Trick wendet David Klass in seinem neuen Thriller „Feuerquell“ an, denn sein ganz normaler Held, ein Schüler der Highschool, erfährt auf dramatische Weise, dass seine ganze Existenz auf einer Lüge beruht und er eigentlich aus der Zukunft kommt und eine zeitenwendende Entscheidung treffen muss. Dabei wird die Welt in 1000 Jahren als bedrohlich und wüst geschildert. Gekonnt vermischt Klass Öko-Kritik mit Thrillerelementen, hält seinen verheißungsvollen Anfang aber nicht bis zum Schluss durch. Wie Ratten in der Falle fühlen sich die fünfzig Jugendlichen und mit ihnen Thomas, der an einem gefährlichen und alptraumhaften Ort landet. Ohne Erinnerungen an seine Vergangenheit versucht er sich einzufügen in diese martialische Gesellschaft, in der es um das nackte Überleben geht. Doch wer steuert sie und was ist der Sinn ihres Daseins? James Dashner hat mit „Die  Auserwählten – Im Labyrinth“ einen hochspannenden, stilistisch herausragenden und intelligent konzipierten Roman geschaffen, der nachdenklich stimmt. Auch hier darf man auf die Fortsetzungen gespannt sein.

Science-Fiction-Romane beinhalten oft auch Dystopien, legen aber ihren Schwerpunkt mehr auf die technischen Entwicklungen in der Zukunft. Wer ein wenig über die Aussichten im Cyberspace wissen möchte und Spaß an der Welt der Hacker hat, dem sei von Brian Falkner „Angriff aus dem Netz“ empfohlen. Dieser Roman kann junge Herren, die viel Zeit vor dem Rechner verbringen, wieder zum Lesen zu motivieren. Visionär, beängstigend realistisch und nachvollziehbar! 2018 spielt der Roman von Katja Brandis und Hans-Peter Ziemek, in dem die Menschheit dem „Ruf der Tiefe“ gefolgt ist und Möglichkeiten gefunden hat, auch die Tiefsee durch Taucher zu erforschen. Doch plötzlich spielen die Lebewesen der Tiefsee verrückt, die Ausbeutung ihres Lebensraums hat unabsehbare Folgen und Jungtaucher Leon wird zum Gejagten des Konzerns, für den er arbeitet. Schwindende Ressourcen, die Erschließung neuer Nahrungsquellen und unersättliche Profitgier sind auch hier der Auslöser für einen Sci-Fi-Öko-Thriller, der beängstigend nah an der Realität ist.

Steampunk

Steampunk? Ja, eine wunderbare Mischung aus historischem Roman, meist im viktorianischen Zeitalter angesiedelt, und völlig schrägen technischen Erfindungen, die die Epoche verfremden. Steam = Dampf, hier feiert die gute alte Dampfmaschine fröhliche Wiederauferstehung und prägt den Erfindergeist einiger Autoren, die ihre Romane in einer Zeit spielen lassen, die irgendwo falsch abgebogen zu sein scheint. Ausgehend von anderen Genres wie dem Film (ein Beispiel ist „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“) oder der Graphic Novel erobert diese Strömung nun auch den Jugendbuchbereich. Richard Harland hat soeben den zweiten Band seiner „Worldshaker“-Bücher  vorgelegt, hier wälzt sich ein gigantisches, von viktorianischen Gesellschaftsnormen geprägtes Weltenschiff über Kontinente und Ozeane. Die einzelnen Decks sind hübsch ordentlich eingeteilt in oben und unten und die Elite bleibt unter sich, bis eine der „Dreckigen“ den Weg nach oben und in das Herz ausgerechnet des jungen Anwärters auf den Posten des Oberkommandierenden schafft. Es riecht nach Revolution! Verrückte technische Details, schrille Typen, eine gehörige Portion Gesellschaftskritik und ein verblüffend stimmiges Ambiente sorgen in beiden Bänden für gepflegte Unterhaltung. Scott Westerfeld nimmt den Ersten Weltkrieg zum Anlass, um die Historie gewaltig zu verbiegen. Dieser Krieg findet statt zwischen Darwinisten und Mechanisten, die abenteuerliche Maschinen auf der Grundlage ihrer Forschungen entwerfen. Bios gegen Stahl, Westerfeld entwirft eine so ungemein vielschichtige Welt, dass er viel (Lese-)Zeit für deren Entwurf braucht, doch der Einsatz lohnt. Nach „Leviathan – Die geheime Mission“ dreht er im Folgeband „Behemoth – Im Labyrinth der Macht“ erst richtig auf. Wer keine Lust mehr hat auf Zwerge, Elfen und Trolle im Kampf um das Gute, der wird hier auf seine Kosten kommen.

Viel Raum für die Fantasie

Ganz unterschiedliche Richtungen, Strömungen, Tendenzen mit vielen interessanten, lesenswerten Titeln bestimmen den Markt. Der Schwerpunkt liegt eindeutig im Jugendbuchbereich, bei der Kinderliteratur beginnt ab dem Lesealter 10 Jahre und älter der eigentliche Hype. Und wer stöhnt angesichts der vielen Reihen, Folgebände, Serien etc., dem sei zum Trost gesagt: Die Mühe lohnt! Eine aufmerksame Marktbeobachtung und ein bisschen Fingerspitzengefühl bringen auch neue Leser, denn, und auch das ist bemerkenswert, viele Fantasy-Titel werden auch von Erwachsenen verschlungen. Das beweisen neue Imprints  wie Pan, ein Ableger des Droemer Knaur Verlages oder Otherword bei Ueberreuter, die eine All-Age-Fantasy-Fangemeinde bedienen, auf welchem Niveau, das sei dahingestellt. Ignorieren kann und sollte man dieses unglaublich lebendige, facettenreiche und spannende Genre jedenfalls nicht!
  
Beate Mainka

Bild: jppy / morguefile.com
Bild: serpico / morguefile.com

Film-Trailer “Breaking Dawn” (Biss zum Morgengrauen)

Quelle: Summit Enterntainment / youtube.com
Bild: Lebewesen / morguefile.com
Bild: jdurham / morguefile.com
Bild: Jade / morguefile.com

Buchtrailer

Arkadien erwacht - Kai Meyer

Quelle: Carlsen Verlag / youtube.com

World Shaker - Richard Harland

Quelle: JacobyStuart / youtube.com

Liberator - Richard Harland

Quelle: JacobyStuart / youtube.com

Beate Mainka

Die Diplom-Bibliothekarin mit vielen Jahren Buchhandelserfahrung leitet seit 1999 ehrenamtlich eine KÖB in Westfalen. Beate Mainka ist Mutter von zwei Kindern und arbeitet heute freiberuflich. Für den Borromäusverein rezensiert Sie in den Bereichen Bereichen Belletristik und Kinder- und Jugendliteratur. Ebenso rezensiert Beate Mainka für die ekz und seit 2008 für das Titel-Magazin im Internet mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur.

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