Sehnsüchte
Bilder, die Sehnsüchte wecken: ein Gipfelkreuz oder ein Steg, der aufs Meer hinausführt und ein weiter Horizont, in dem man sich träumend verlieren kann. Jeder kennt wohl Bilder, Gerüche oder Klänge, die seine Sehnsucht wecken - mal kleine Sehnsüchte, nach einem guten Essen, einem guten Wein, bei Kindern nach Spielzeug, mal größere Sehnsüchte wie Ruhe, Muße, Urlaub am Meer ... Alle diese Sehnsüchte sind Geschwister der einen großen Sehnsucht nach etwas, das den eigenen Horizont übersteigt. Aus christlicher Sicht heißt diese Sehnsucht Gott, sie steht am Anfang der Suche nach ihm. Nelly Sachs (1891 - 1970) hat das in ihrem Gedicht „Alles beginnt mit der Sehnsucht" in Worte gefasst: „So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen, / Dich zu suchen, / und lass sie damit enden, / Dich gefunden zu haben."
Mit dieser Sehnsucht beginnt Spiritualität. Ein spirituelles, d.h. geistliches Leben führen heißt demnach, Gott zu suchen, ihm einen Platz im eigenen Leben einzuräumen, nicht nur sonntags, sondern auch mitten im turbulenten, oft auch grauen Alltag. Das ist oftmals alles andere als einfach. Der Alltagsstress zwischen Familie und Beruf, den vielen Terminen und Anforderungen, die Familie und Haushalt stellen, lässt - auf den ersten Blick - wenig Raum für ein geistliches Leben. Dazu kommt, dass Spiritualität das Familienleben nicht einfacher macht. Sie ist keine Modedroge, mit der sich der graue Alltag leichter ertragen ließe. Spiritualität wirkt anders. Ein von Spiritualität getragenes Familienleben bekommt Tiefe, Halt und Richtung. Aus christlicher Sicht ist sie eine unverzichtbare Dimension des menschlichen Lebens. Zwei Bücher, die in den letzten Wochen erschienen sind, zeigen, wie sich ein geistliches Leben im Familienalltag verwirklichen lässt.
Annegret Hiekisch beschreibt in ihrem Buch „Dem Geheimnis auf der Spur. In der Familie Gott erfahren" (Schwabenverlag, Religiöses Buch des Monats April), praxisorientiert und lebensnah, wie sich ein „Leben in der Gegenwart Gottes" familientauglich gestalten lässt. Dominik Blum und Monika Kilian gehen mit ihrem Buch „Das Stück Himmel über unserem Leben. Ein Mut-mach-Buch für den Familienalltag mit Gott" (Kösel) einen etwas anderen Weg, allerdings mit dem gleichen Ziel. Sie zeigen, wie Gott den Familienalltag prägen kann, und zielen dabei weniger auf religiöse Handlungen ab, sondern mehr auf eine christlich inspirierte Grundhaltung. Beide Bücher wollen deutlich machen, dass eine alltagstaugliche Spiritualität keine Frage tiefer mystischer Begabung oder theologischer Ausbildung ist, sondern vor allem eine Haltung meint, die Gott und die Sehnsucht nach ihm mit in den Alltag nimmt.
Spiritualität in der Familie
Dominik Blum und Monika Kilian haben die einzelnen Kapitel ihres Buches mit Tätigkeitswörtern überschrieben. Jedes dieser Wortpaare drückt einen Vorgang, eine Bewegung aus: „zuhören - sich öffnen", „fragen - philosophieren", „diskutieren - ringen". Diese Paarungen sind, wie schnell deutlich wird, dem Familienalltag entnommen. Überrascht stellt man bei der Lektüre fest, wo überall im Alltag Gott schon da ist, auch in Form von christlichen Überzeugungen - oder da sein könnte. In alltäglichen Gesprächen z.B., wie das Kapitel „diskutieren - ringen" zeigt. Ernsthafte Gespräche innerhalb der Familie gelingen nur, wenn sie „auf Augenhöhe" geführt werden, meint Dominik Blum. Das ist durchaus (auch) buchstäblich gemeint. Wenn Erwachsene mit Kindern reden, sollten die Gesprächspartner auch körperlich auf einer Höhe sein, sonst wird es ein Gespräch von oben herab. Und im übertragenen Sinne müssen sich beide Seiten als „Subjekt" anerkennen, „das heißt, ehrlich und offen miteinander reden, die Argumente und Gefühle des anderen an sich heranlassen und seine oder ihre Rede ernst nehmen, wenn möglich sogar wertschätzen." (S. 37)
Ein Gespräch auf Augenhöhe ist zwischen Eltern und Kindern aber nicht ohne Weiteres möglich, weil der Erwachsene immer einen Vorsprung an Wissen, Lebenserfahrung und Macht hat. In einem Gespräch auf Augenhöhe darf ein Erwachsener diese Überlegenheit nicht ausspielen. Dominik Blum: „Ich versuche, so gut es eben geht, ... im Dialog mit den Kindern, ihre Mündigkeit und Selbständigkeit ... vorwegzunehmen. Das heißt, ich versuche so mit ihnen zu diskutieren, als ob ich jederzeit auf Augenhöhe mit meinen Kindern ins Gespräch kommen könnte - und tue es dabei schon." (S. 38) Auf diese Weise begeben sich die Eltern hinein in die Bewegung Gottes zum Menschen, so Blum weiter. Gott habe das kommunikative Gefälle zu den Menschen überwunden und sich ansprechbar gemacht, indem er Mensch geworden ist. „Im Gespräch mit unseren Kindern dürfen wir dieses ‚Kommunikationsverhalten' nachvollziehen." (S. 39)
Gott ist dabei
Damit stellt Blum das Gespräch in der Familie, zwischen Eltern und Kindern genauso wie zwischen den Ehepartnern, in den Horizont des christlichen Menschenbildes, das aus der unbedingten Annahme des Menschen durch Gott die Verpflichtung ableitet, jedem Menschen mit Wertschätzung und Ernsthaftigkeit zu begegnen. Dominik Blum ist überzeugt, dass Gott dabei, „dazwischen" ist, wenn Eltern und Kinder diskutieren und streiten - auch wenn diese Gespräche scheitern, weil sie hinter dem von ihm formulierten Anspruch zurückbleiben.
Die Texte von Dominik Blum und Monika Kilian sind, wie das Beispiel zeigt, persönlich und lebensprall. Blum (*1969) ist Theologe, lebt mit seiner Frau und vier Kindern im Oldenburger Land. Er ist im Oldenburgischen Teil des Bistums Münster für Katechese verantwortlich und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Monika Kilian (* 1960) ist Diplom-Psychologin und Mutter von vier Kindern. In Koblenz leitet sie die „Offene Tür" der Citykirche. Beide schöpfen aus ihrem Erfahrungsschatz aus Familie und Beruf und verknüpfen diese Erfahrungen auf oft überraschende Weise mit christlichen Überzeugungen, wie auch Monika Kilians Überlegungen zu einem Dauerbrenner des Familienlebens zeigen: dem Grenzensetzen. Grenzen setzen gehört zu den schwierigsten und nervenaufreibenden Aufgaben, die Eltern in der Erziehung bewältigen müssen. Die Forderung nach Grenzen sei in einer Zeit der Grenzenlosigkeit (Flatrates, Konsumkredite, Kreditkarten ...) geradezu widersprüchlich, meint Kilian. „Wird uns als Eltern da nicht die volle Verantwortung dafür zugemutet, den Kindern genau das ‚Paradies' zu verbieten und zu verwehren, das die Werbung ihnen zuvor mit teuflischen Versprechungen so besonders schmackhaft gemacht hat?" (S. 205) Die Streitereien und Kämpfe zwischen Eltern und Kindern um Computer- oder Fernsehzeit und die vielen, vielen verführerischen Konsumartikel kosten Kraft und machen oftmals hilflos.
Zehn Gebote als Erziehungsratgeber
Hilfe findet Kilian in den Zehn Geboten. Auf den heutigen Familienalltag übertragen, können sie „zu einem modernen Erziehungsratgeber werden, zu einer echten Hilfe, um unseren Kindern inmitten der Versuchungen unserer Zeit liebevoll Grenzen zu setzen:
- mit einer elterlichen Macht, die sich nicht für das oberste Prinzip hält und doch Sicherheit und Orientierung für das Wachsen und Reifen der Kinder gibt;
- mit einem respektvollen Umgangston, der ein Modell für verantwortungsvolles, soziales Miteinander bietet;
- mit einem energischen Engagement dort, wo die Rechte von Kindern missachtet und die Grundlagen für gesundes Heranwachsen zerstört werden." (S. 207/208)
Dadurch wird das Grenzensetzen zwar nicht einfacher, aber es erhält einen tieferen Sinn. Und die Orientierung an den Zehn Geboten trägt auch dazu bei, dass Eltern Grenzen nicht zu Machtspielchen missbrauchen, sondern mit Augenmaß setzen, um Kinder zu Persönlichkeiten zu erziehen, die auch „Nein" sagen können.
Die Zehn Gebote zeigen Kilian aber auch, dass dieses Thema keine Privatangelegenheit ist, sondern die Gesellschaft angeht, die für ein Umfeld Sorge tragen muss, das für eine solche begrenzende und persönlichkeitsfördernde Erziehung nötig ist.
Dominik Blum und Monika Kilian begreifen den Versuch, in ihren Familien mit Gott zu leben, als Lernprozess. Die einzelnen Kapitel ihres Buches haben sie darum in drei Teilen zusammengefasst, die sie nach Heinrich Pestalozzis Motto des ganzheitlichen Lernens mit „Kopf, Herz und Hand" überschrieben haben mit „Mit klarem Kopf", „Mit wachem Herzen", Mit Hand und Fuß". Ihre Texte werden von Illustrationen des baskischen Künstlers Jokin Michelena begleitet und kommentiert, die das Buch auflockern und - unterstützt durch ein sorgfältiges, frisches Layout - eine angenehme Leseatmosphäre schaffen. In jedem Kapitel ergänzen und verdeutlichen Gedichte das Gesagte, oft finden sich auch Tipps für eine weiterführende Lektüre. Das Buch eröffnet erfrischende Perspektiven auf den Alltag in der Familie und kann Familien helfen, den Blick über den manchmal tristen Alltag hinaus zu weiten und Gott zu entdecken.
Gott in allen Dingen finden
Während Blum und Kilian einen eher reflektierenden Zugang gewählt haben, hat Annegret Hiekisch sich in „Dem Geheimnis auf der Spur" für einen mehr praktisch orientierten Weg entschieden. Wo kommt Gott im Alltag vor und wie kann ich ihn entdecken? Dieser Frage geht sie mit dem Leitsatz „Gott in allen Dingen finden" nach, den Ignatius von Loyola geprägt hat. Wie Blum und Kilian ist Hiekisch überzeugt: Gott ist da, im Familienalltag, am Wickeltisch, beim Bügeln und bei der Beschäftigung mit den Kindern. „Gott zeigt sich mitten in unserem Leben, wo sich vielleicht unerwartet ein neuer Horizont auftut, wo Beglückendes geschieht, wo nach einem Streit Verzeihen möglich ist, wo ich plötzlich eine große Dankbarkeit in mir fühle oder wo ich die tiefe und unverdiente Liebe eines anderen Menschen spüren darf."
Um die Spuren Gottes im Alltag zu entdecken, braucht es eine Haltung der Achtsamkeit und die Bereitschaft, Gott im eigenen Leben vorkommen zu lassen. Konkret schlägt sie vor, Gott in den Alltag einzubeziehen, etwa durch ein bewusst gesprochenes Stoßgebet, durch einen Gedanken an Gott in Zeiten des Leerlaufs, z.B. wenn man im Supermarkt an der Kasse wartet oder beim Arzt im Wartezimmer sitzt, und durch Achtsamkeitsübungen wie den Tagesrückblick. Diese Kleinigkeiten stellen im Alltag den Kontakt zu Gott her und helfen, ein Bewusstsein für die Gegenwart Gottes zu entwickeln.
Ihre Gedanken zum Leben in der Gegenwart Gottes entwickelt Hiekisch in drei Kapiteln. Im ersten Kapitel macht sie sich grundsätzliche Gedanken zur Möglichkeit, sich Gott zu nähern, im zweiten geht es darum, die innere Haltung der Achtsamkeit zu entwickeln. Im dritten Kapitel schließlich beschreibt sie Wege zu Gott, mit denen sie im Laufe ihrer Berufstätigkeit als Pastoralreferentin und in ihrer eigenen Familie gute Erfahrungen gemacht hat. So schlägt sie vor, sich das „Du" in der Beziehung zu Gott und die Intimität, die darin liegt, neu bewusst zu machen. Dieses „Du" zu Gott bilde die Grundlage für eine Gottesbeziehung, die man mit Teresa von Avila als Freundschaft bezeichnen könne. Damit zeigt Hiekisch theologisch gut durchdacht und doch bodenständig, wie eine familientaugliche Spiritualität aussehen kann.
„Alles beginnt mit der Sehnsucht", schreibt Nelly Sachs. Die beiden Bücher zeigen, dass es gar nicht viel braucht, um auch im Familienalltag diese Sehnsucht zu entdecken und zu pflegen. Das Familienleben braucht - neben vielen anderen Dingen - auch die geistliche Dimension, damit alle Familienmitglieder im Glauben wachsen und reifen und damit im christlichen Sinne menschlicher werden können.
Christoph Holzapfel