14.06.2012

Preisverdächtig!

Das Seminar vermittelt Praxiskonzepte zu den nominierten Titeln des Deutschen Jugendliteraturpreises. Im Rahmen dreier unterschiedlicher Workshops werden kreative Vermittlungsmethoden zu den Nominierungen in den Sparten Bilder-, Kinder- und Jugendbuch erarbeitet. [mehr]

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„Wenn wir nicht ab und zu was Verrücktes tun, können wir uns gleich begraben lassen." Mit diesen Worten kommentiert eine Kellnerin Harolds Vorhaben, zu Fuß 1000 Kilometer quer durch England zu laufen. Dadurch will er eine ehemalige Arbeitskollegin vor dem Krebstod retten, bei der er tief in der Schuld steht. Mich hat der Satz angesprochen, weil er von der Sehnsucht nach Lebendigkeit spricht, die in jedem Menschen wohnt. weiter

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Den Lesehunger wecken

Schwerpunkt Erstlesebücher

Bettina Kraemer, Leiterin des Lektorats des Borromäusvereins, wirft einen Blick auf den Erstlesebuchmarkt, insbesondere die allgegenwärtigen Reihentitel, ruft die Kriterien für gute Erstlesebücher in Erinnerung und findet zwischen glitzernden Elfen und Detektivponys Buchperlen, die Leseanfängern Vergnügen bereiten und (Lese-)Kulturpessimisten Hoffnung auf eine neue Lesegeneration machen.

Lange Zeit herrschte die Meinung vor, dass Erstlesebücher „Gebrauchsliteratur“ seien, einzig und allein dem Zweck dienend, Erstlesern die Technik des Lesen lernens zu erleichtern. Sobald das erledigt war, konnte man die Erstlesebücher getrost zuklappen. Besser war das auch, handelte es sich doch in der Regel dabei um recht einfallslose, sicherlich lesedidaktisch einwandfreie Verlagsprodukte, die keinerlei Individualität aufwiesen, abgesehen vielleicht von unterschiedlichen Tieren, die Pate standen für die verschiedenen Namen der Erstlesereihen. Da wundert es nicht, dass Ralf Schweikart beim kürzlich in Fulda stattgefundenen avj-Praxisseminar zu diesem Thema nicht umhin kam zu bemerken: „Wer sich mit Erstlesereihen beschäftigt, fühlt sich häufig wie im Zoofachgeschäft.“ In der Tat. Ob Rabe, Maus, Bär, Biene oder der gute alte Löwe: Für jede Vorliebe ist etwas dabei.

Mehr als Lesedidaktik

Erst in jüngerer Zeit wird in der Öffentlichkeit, das heißt auch außerhalb der Fachkreise, der besondere Stellenwert der Qualität von Erstleseliteratur unabhängig von den lesedidaktischen Anforderungen wahrgenommen. So wird jetzt allerorts der Ruf nach guten Erstlesebüchern laut. Doch was ist ein gutes, ein gelungenes  Erstlesebuch?
Ein gelungenes Erstlesebuch – wie eigentlich jedes Buch – sollte Lust aufs Lesen machen. Das gelingt am besten, wenn es eine originelle Geschichte anbietet, spannend, kurzweilig, witzig und einfallsreich ist, dazu der Erlebniswelt der Kinder Rechnung trägt, Grenzüberschreitungen zulässt, die Neugierde weckt und Denkanreize gibt und so dem Erstleser einen Einstieg in die wunderbare Welt der Literatur ermöglicht.

Vom Bilderbuch zum Erstlesebuch

Doch nicht nur die Geschichte sollte stimmen, auch den Illustrationen muss ein besonderes Augenmerk gelten, sind die lieben Kleinen doch erst kürzlich dem Bilderbuchalter entschlüpft und durchaus mit differenzierten Geschichten und anspruchsvollen Illustrationen vertraut. Denn Illustrationen, die den Text eins zu eins wiedergeben, ihm also nichts Eigenes hinzufügen, sind langweilig und unterfordern die Kinder. Gelungene Illustrationen interpretieren den Text immer ein Stück weit und fügen ihm neue Aspekte hinzu, denn nur so wird die Fantasie des lesenden Kindes angeregt. Wann finden die Erwachsenen endlich den Mut, sich von den so beliebten niedlich-harmlosen Illustrationen in bunten Bonbonfarben und kulleräugigen Akteuren zu verabschieden und wagen auch einmal Illustrationen, die gewohnte Sichtweisen aufbrechen? Kinder haben nämlich keinen festgelegten Geschmack, sind offen für verschiedene Stile und Schwarz-Weiß-Illustrationen regen ihre Fantasie eben so an wie leuchtend bunte Farben.

Reihentitel – attraktiv für Verlage und Händler

Das sind natürlich nur einige der Kriterien, die ein Erstlesebuch zu einem gelungenen machen. Qualitätskriterien können im Einzelnen ausführlich in der Broschüre „Lesen lernen. Lesen erleben“ nachgelesen werden. Wenden wir uns an dieser Stelle lieber dem heiß umkämpften Erstlesemarkt zu. Hier wetteifern die verschiedenen Verlage darum, die attraktivste Reihe mit dem größten Titelvolumen anzubieten. Denn eines ist klar: Titel einer Reihe zu verkaufen sich weitaus leichter als Einzeltitel. Durch die Zugehörigkeit zu einer Reihe wird der Wiedererkennungseffekt beim Kunden gefördert und das ausgeklügelte Lesekonzept der verschieden Verlage suggeriert dem Kunden, dass er bei der einmal gewählten Reihe bleiben müsse. Zudem können durch die Produktion in Reihen (gleiches Format und Umfang, gleiche Papierart und Ausstattung) Druckkosten gesenkt werden. So können Verlage hochwertig ausgestattete Erstlesebücher zu einem vergleichsweise niedrigen Ladenpreis anbieten.
Die Kehrseite dieser Entwicklung: Genaue Vorgaben der Verlage hinsichtlich Umfangs, Zeilenlänge und teilweise auch Themas für Reihentexte machen es den Autoren schwer, eine originelle Geschichte abzuliefern. Für spontane Einfälle, die die Individualität eines Textes ausmachen können, bleibt da wenig Raum.

Auch für den Buchhändler liegen die Vorteile von Reihentiteln klar auf der Hand, machen diese doch eine individuelle Auswahl so gut wie überflüssig. So wählt der Händler die seiner Meinung nach attraktivsten Reihen aus und bleibt diesen dann in der Regel treu. Aber sollten sich nicht gerade die Buchhändler gegen die Masse der Reihenprodukte stemmen und bewusster auf Einzeltitel setzen, auch wenn das höheren Beratungsaufwand bedeutet und sie Präsentationsflächen schaffen müssen?

Reihenperlen

Doch Vorsicht vor pauschalem Urteil. Nicht jedes in einer Reihe erschienene Erstlesebuch ist per se schlecht. Auch innerhalb der unterschiedlichen Reihen variiert die Qualität der Titel. Hier sind Buchhändler, Bibliotheken und Lehrer gefordert, die guten Bücher herauszufiltern.
Statt Ihnen die verschiedenen Reihen im Einzelnen vorzustellen, möchte ich einige gelungene Beispiele hervorheben. Eine besondere Empfehlung verdient das Erstlesekonzept des vergleichsweise noch jungen Tulipan-Verlags. Mit seinem „literarischen ABC“, wie es Konrad Heidkamp in der ZEIT schrieb, gelingt es dem Tulipan-Verlag, sich mit lustigen, ideenreichen Erstlesetexten und unverwechselbaren Illustratoren von der Massenware abzuheben und in die Herzen der Erstleser zu schmuggeln. In ganz besonderem Maße ist das sicherlich dem kleinen Cowboy Klaus gelungen, der auf witzige und originelle Art dem gängigen Wild-West-Klischee widerspricht und gemeinsam mit Schwein Lisa und Kuh Rosie die Farm „Kleines Glück“ bewohnt. Gerade ist das fünfte Abenteuer der drei Helden erschienen.
Seit 2010 bietet auch der Moritz-Verlag eine Erstlesereihe an, die schon nach kürzester Zeit mit originellen Titeln überzeugt. So macht beispielsweise das von der bekannten französischen Autorin Marie-Aude Murail geschriebene Buch „Ich Tarzan – du Nickless“ aus einer Ferienreise ein munteres, heiteres Sprachlernabenteuer.
Auch der Picus-Verlag bietet für den Markt ungewöhnlich überzeugende Erstlesebücher an. So konnte mit Morten Dürrs „Stille Post“ erstmals ein Buch über häusliche Gewalt für diese Altersstufe die Kritiker überzeugen.

Man sieht, es gibt sie, die Perlen der Erstleseliteratur. Doch warum lösen sich die Verlage nicht öfter von ihren Reihenkonzepten und haben den Mut zu starken, überzeugenden Einzeltiteln? Die Gründe habe ich bereits dargelegt, der erzielte Erfolg gibt ihnen auch weiterhin recht. Für Buchhändler, aber auch für Bibliothekare ist es sehr bequem, Reihen anzuschaffen, der Beratungsaufwand ist gering, die Kundenbindung so gut wie garantiert. Die Titel sind attraktiv aufgemacht und entsprechen den didaktischen Vorgaben. So werden sie in der Regel zu Selbstläufern. Leider ist inzwischen nicht nur im Erstlesesegment eine Fixierung auf Reihen bzw. Serien festzustellen. Auch in der erzählenden Kinderliteratur wird es für gut gemachte Einzeltitel immer schwieriger, da sie in der Masse der Serienproduktion unterzugehen drohen.

Trends im und über das Buch hinaus

Was fällt weiter auf, wenn man sich die gegenwärtige Reihenproduktion anschaut? Im Trend liegt sicherlich das von cbj mit der Reihe „Erst ich ein Stück dann du“ angestoßene Konzept des gemeinsamen Lesens. Unterschiedliche Schwierigkeitsstufen, Schriftgrößen und Textlängen kennzeichnen hier die Geschichten für Vorleser bzw. Erstleser. Mittlerweile haben andere Verlage nachgezogen. So setzen jetzt Carlsen mit „Zu zweit leichter lesen lernen“, Arena mit „Wir lesen zusammen“ oder das Urgestein unter den Erstleseverlagen, Loewe, mit „Ich für dich du für mich“ auf das Miteinander lesen als lesefördernde Maßnahme.

Auffällig ist auch, dass immer mehr Verlage ihre Leser mit einem lesefremden „Buchplus“ anlocken wollen. Dieses reicht von den mittlerweile schon fast selbstverständlichen Lesebändchen mit Gummifiguren über Cover mit Metallprägung oder changierenden Bildern bis hin zu Glitzerelementen auf und im Buch und Stickern zum Einkleben.

Beinahe jedes Buch beinhaltet mittlerweile Leserätsel, die das sinnerfassende Lesen unterstützen und Verlage werben bereits mit weiterführenden Internetseiten zu dem eben gelesenen Buch, die ein medienübergreifendes Lesenlernen versprechen. Ganz neu im Duden-Verlag gibt es jetzt eine Kombination aus Erstlesebuch und Malbuch. Hier wird zum genauen Lesen aufgefordert, denn nur so können die Bilder im Buch vom Erstleser ergänzt werden. Gezielte Fragen zum Text helfen dabei. Man kann gespannt sein, ob die anderen Verlage nachziehen.

Schaut man in die aktuellen Verlagsvorschauen, hat sich am gewohnten Personal der verschiedenen Erstlesereihen bisher kaum etwas geändert. Quietschvergnügte Prinzessinnen, Elfen, Meerjungfrauen oder Einhörner, gerne auch in Kombination, tummeln sich da auf rosa glitzernden Seiten. Für die Jungs gibt es gewohnt routinierte Geschichten von Piraten, Rittern oder Drachen. Dauerbrenner sind die Themen Fußball und Pferde, Vampir- und Detektivgeschichten gehen sowieso immer. Gerne übernimmt dann auch mal das Pony die Ermittlungsarbeit.

Lesenswerte Geschichten

Titel, die frei von lesediaktischen Erwägungen pures Lesevergnügen bieten, weil sie eine originelle Geschichte in poetischer Sprache erzählen, sind weiterhin eine Seltenheit. Hier darf sicherlich einmal die beim Klett-Kinderbuch erschienene Reihe Rocco Randale erwähnt werden, in der geübte Erstleser in die subversiven Machenschaften des kleinen, liebenswerten Chaoten Rocco hineingezogen werden. So macht das Lesen einfach Spaß, auch oder gerade weil es hier nicht immer pädagogisch einwandfrei zugeht.
Auch Geschichten, die ihre Leser ernst nehmen in ihren Sorgen und Nöten und Themen ansprechen, die zwar nicht unterhaltsam sind, aber mittlerweile zur Lebenswirklichkeit vieler Kinder gehören wie Scheidung der Eltern, Arbeitslosigkeit, Mobbing in der Schule sucht man meist vergeblich. Dabei bieten gerade solche Titel die Chance auf eine distanzierte Auseinandersetzung mit ähnlichen erlebten Problemen und Sorgen.

Wenn im Spätsommer die Schule wieder anfängt und die kleinen Erstklässler mit großen Augen und wissbegierig die Schulbank drücken, dann sollten wir nicht vergessen, dass das Lesen lernen eine verheißungsvolle Sache ist, die es mit Inhalten zu füllen gilt. Das heißt für uns: auf die Suche gehen nach den wahren Geschichten, die es wert sind gelesen zu werden, erst zugegeben etwas mühsam, doch dann immer begieriger Seite um Seite verschlingend, hinein in die grenzenlose Weite des gedruckten Wortes. Dann wird schnell klar, dass es die Mühe wert ist, die Perlen unter den Erstlesebüchern herauszufischen, immer wieder auf die Probleme aufmerksam zu machen und Verlage zum Umdenken anzuhalten.

Ich bin mir sicher: Wenn bereits in frühen Jahren erfahren wird, dass Lesen nicht nur Mittel zum Zweck ist, sondern durchaus ein sinnliches Erlebnis sein kann, dann wird eine neue Lesegeneration gewonnen.

Bettina Kraemer

Bild: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

Medienempfehlungen

Erstlesebuch des Monats

In der Buchempfehlungsreiche “Erstlesebuch des Monats” zeichnet der Borromäusverein Bücher für Kinder bis 8 Jahre aus, die sich inhaltlich und gestalterisch von der Masse des Erstleseangebots abheben und damit einen wichtigen Beitrag zur Leseförderung leisten.

Lesen lernen. Lesen erleben.

Das richtige Buch für den Start in die “Erlebnis”-Welt des Lesens. Stellungnahme und Kriterienkatalog zur Qualität von Erstlesebüchern. Die Broschüre wurde 2008 vom Redaktionsbeirat Buchprofile herausgegeben. Sie ist inzwischen vergriffen, kann jedoch online nachgelesen werden.

Bild: David Kitchenham / morguefile.com
Bild: Manfred Walker / pixelio.de
Lesebändchen und Sticker zu “Paul - Plötzlich Vampir!” (Arena Verlag)
Bild: borro medien gmbh

Bildquellen: pixelio.de, morguefile.com

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Lesefreude

Eine Auswahl aus dem aktuellen Erstleseangebot [mehr]

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