Wettlauf in den Tod
Vor 100 Jahren, im Dezember 1911 und Januar 1912, kam es auf dem Inlandeis der Antarktis zu einem Wettlauf mit tödlichem Ausgang. Wer würde als erster Mensch den Südpol erreichen? Der Brite Robert F. Scott mit seiner Mannschaft oder der Norweger Roald Amundsen mit seinem Team? Beide Gruppen hatten mit den Widrigkeiten der antarktischen Eiswüste zu kämpfen, mit erbarmungsloser Kälte (zwischen -20 und -40 Grad Celsius), Stürmen, Tiefschnee und verdeckten Gletscherspalten.
Gewonnen haben den Wettlauf schließlich die Norweger. Am 15. Dezember kamen sie in der unmittelbaren Umgebung des Pols an, am 17. schließlich hatten sie nach sorgfältigen astronomischen Messungen mit 90 Grad Süd den Pol gefunden. Dort steckten sie die norwegische Fahne in den Schnee und errichteten ein Zelt, das sie „Polheim“ nannten. Scott und seine Leute waren an diesem Tag noch mehr als 740 km vom Pol entfernt. Sie erreichten den Pol einen Monat später und mussten enttäuscht feststellen, dass die Norweger vor ihnen da gewesen waren.
Scotts Expedition endete mit einer Katastrophe. Auf dem Rückweg gingen ihnen in einem Schneesturm die Vorräte aus. Nur 11 Meilen oder knapp 20 km vom nächsten Vorratsdepot entfernt waren sie völlig entkräftet und erfroren. Erst Monate später fand ein Suchtrupp des Basislagers das vom Schnee schon fast überdeckte Zelt Scotts.
Der Journalist Christian Jostmann hat diesem tragischen Wettlauf zwischen zwei Abenteurern ein literarisches Denkmal gesetzt: „Das Eis und der Tod“, eine Mischung aus Dokumentation und Roman. Die Aufzeichnungen der verschiedenen Expeditionsteilnehmer hat er chronologisch angeordnet, sodass die Erzählung immer wieder zwischen Scott und Amundsen wechselt. Sehr sorgfältig beschreibt er auch die Persönlichkeiten der Expeditionsmitglieder. Eine packende Lektüre, die die Faszination und die Entbehrungen dieser Expeditionen wie in einem Film vermittelt.
Dramatische Expeditionen
Die Pole übten auf eine ganze Reihe von Forschern eine große Anziehungskraft aus. Zu nennen wäre z.B. Robert E. Peary (1856-1920), der 1909 als erster Mensch den Nordpol erreicht haben will. Das ist allerdings umstritten, möglicherweise hat er sein Ziel um bis zu 150 km verfehlt.
Die erste Expedition, die unumstritten zu Fuß den Nordpol erreichte, wurde vom britischen Polarforscher Sir Wally Herbert (1934 – 2007) geleitet. Er überquerte 1968/69 die Arktis zu Fuß, 6100 km über das Eis des Nordpolarmeers, von Alaska nach Spitzbergen.
Zu nennen wäre auch der Norweger Fridtjof Nansen (1861 – 1930), der 1893 mit seinem Schiff Fram aufbrach, um sie im Eis des Nordpolarmeeres festfrieren und mit dem Drift der Eisschollen über den Nordpol treiben zu lassen. Über ihre Expedition berichtet das Hörbuch „Fridtjof Nansen. 1000 Tage im Eis“ in der Reihe „Abenteuer & Wissen“, das für Kinder und Erwachsene gleichermaßen spannend ist.
Porträts dieser und weiterer Polarforscher und Abenteurer finden sich in dem großformatigen Bildband „Entdecker. Auf Spuren großer Forscher, Abenteurer und Pioniere“. Auf ein oder zwei Doppelseiten informiert das Buch mit kurzen, informativen Texten, Karten, Bildern, Zeichnungen und häufig auch Abbildungen von Originaldokumenten über das Leben und die Reisen großer Forscher und Entdecker von der Antike bis ins 20. Jahrhundert.
Diese Expeditionen verliefen häufig sehr dramatisch und lieferten Stoff für Romane. Der bislang vielleicht bekannteste dürfte „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny über den britischen Polarforscher und Ozeanografen John Franklin (1786 – 1847) sein. Franklin wollte die Nordwestpassage finden, also die nördliche Verbindung von Atlantik und Pazifik. Nachdem eine erste Reise an die Nordwestküste Kanadas 1822 gescheitert war, brach er 1845 mit zwei Schiffen erneut auf. Die Schiffe wurden im Juli 1845 zuletzt gesichtet, danach hörte man nie wieder etwas von Franklin und seinen Männern. Etliche Suchexpeditionen versuchten, das Schicksal Franklins und seiner Mannschaft aufzuklären, aber erst gut 15 Jahre später fand man an der unwegsamen Küste Kanadas Leichenteile und Aufzeichnungen, die über Franklins Tod und den Versuch der Mannschaft berichteten, sich über Land zu retten.
Ein Roman über den deutschen Polarforscher Alfred Wegener (1880-1930), „Alles Land“ von Jo Lendle, bildet die Brücke von den abenteuerlichen Anfängen der Polarforschung zur Gegenwart. Lendle erzählt von dem Mann, der nach seinem Tod für die Theorie der Verschiebung der Kontinente berühmt geworden ist und darüber hinaus ein begeisterter Polarforscher war. Bei einer Expedition in die Arktis, bei der die Dicke des grönländischen Festlandeises gemessen und ganzjährig das Wetter beobachtet werden sollte, starb er 1930. Lendle versteht es ausgezeichnet, den Leser Kälte und Einsamkeit, Mühsal und Entbehrung dieser Expedition spüren zu lassen, aber ebenso Faszination und Besessenheit von Forschungsgegenstand und Entdeckerdrang.
Die deutsche Polarforschung wird heute vom „Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung“ in Bremerhaven koordiniert. Das Institut betreibt einen Forschungseisbrecher und stellt Stationen in der Arktis und Antarktis für die nationale und internationale Wissenschaft zur Verfügung.
Die ersten Polarforscher interessierten sich für ganz grundlegende Fragen wie: Wie sieht es aus am Nord- bzw. Südpol? Wie ist die Landschaft beschaffen? Wie tragfähig ist das Eis über dem Nordpol bzw. Nordpolarmeer? Gibt es Schifffahrtswege? Unter welchen Umständen können Menschen in diesen Gegenden überleben? Die Küsten wurden vermessen und Karten gezeichnet. Die Erforschung der Polargebiete führte schließlich dazu, dass die Wissenschaft die unersetzliche Bedeutung des Eises für das Weltklima entdeckte.
Globale Klimamaschine
Das Eis der Polarregionen ist Teil der globalen Klimamaschine. Sie treibt z.B. den Golfstrom an, der warmes Wasser aus den tropischen Regionen am Äquator nach Norden transportiert. Ohne diese Meeresströmung, die wissenschaftlich korrekt Nordatlantik-Strom heißt, wäre es in Mitteleuropa deutlich kühler. Die Elbmündung und die Nordsee wären dann im Winter monatelang vereist, wie die Hudson-Bay in Kanada, die etwa auf dem gleichen Breitengrad liegt.
Die große Wärmepumpe, die den Golfstrom in Gang hält, befindet sich im Nordpolarmeer. Dort kühlt das warme Wasser aus den tropischen Regionen stark ab. Weil es durch Verdunstung auf dem Weg nach Norden einen höheren Salzgehalt hat als das Wasser des Nordpolarmeeres, sinkt es in die Tiefsee ab. Da es sich dabei um gigantische Wassermengen handelt, entsteht ein Sog, der das warme Oberflächenwasser aus den Tropen zieht, was wiederum das kalte Wasser in der Tiefe zurückströmen lässt. In anderen Regionen der Erde gibt es ähnliche Strömungssysteme (siehe Grafik).
Die global steigenden Temperaturen führen zu einer verstärkten Eisschmelze in Arktis und Antarktis. Da ein großer Teil des arktischen Eispanzers aus Regen und Schnee entstanden ist, gelangt durch die Schmelze eine große Menge Süßwasser ins Nordpolarmeer. Dadurch wird das salzhaltige Oberflächenwasser verdünnt, es wird also leichter und sinkt deshalb langsamer ab. Experten befürchten, dass dieser Effekt in den nächsten 100 Jahren dazu führen könnte, dass der Golfstrom abreißt.
Als Folge würde es in Europa deutlich kühler. Diese Abkühlung könnte zu einer neuen Eiszeit führen, weil sich dadurch die Gletscher ausbreiten und die Abkühlung noch weiter beschleunigen würde – ein sich selbst verstärkendes System.
Allerdings hat die Untersuchung der Klimageschichte auch gezeigt, dass der Golfstrom in der Erdgeschichte durch diese Abkühlung bereits nach wenigen Jahrzehnten wieder in Gang gekommen ist. Welche Bedingungen dafür genau erfüllt sein müssen, ist aber noch nicht geklärt.
Sonnenschirm
Eis wirkt sich auf das globale Klima noch auf eine weitere Weise aus. Die Eisflächen der Polargebiete bilden einen Sonnenschirm für die Erde. Sie reflektieren das Sonnenlicht, sodass sich die Erde nicht so stark erwärmt. Die Meteorologen sprechen von der „Albedo“ der Erde (lat. Weißheit, von albus = weiß). Wenn die Eisflächen durch die globale Erwärmung schrumpfen, wird die Albedo kleiner und es wird wärmer. Derzeit liegt die globale Durchschnittstemperatur bei 15 Grad Celsius. Wäre die Erde z.B. komplett von Wäldern bedeckt, würde die Durchschnittstemperatur auf 24 Grad Celsius steigen.
Klimaarchiv
Eis ist außerdem das Klimagedächtnis der Erde. Anfang der neunziger Jahre gelang es Wissenschaftlern des Alfred-Wegener-Instituts, dieses Klimagedächtnis anzuzapfen. Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus aller Welt förderten sie mit einer Bohrung im Inlandeis Grönlands einen insgesamt 3085 Meter langen Eisbohrkern zu Tage. Vergleichbar den Jahresringen eines Baumes enthält der Eisbohrkern Schichten von Schneefällen der letzten 123.000 Jahre. Darin sind Luftblasen und Gase eingeschlossen, die zusammen mit der Dicke der jeweiligen Schicht und anderen Faktoren preisgeben, wie sich das Klima über die Jahrtausende verändert hat. Eine ähnliche Bohrung hat das Institut auch in der Antarktis niedergebracht.
Mit der Grönland-Bohrung konnten die Wissenschaftler das Klima einer mehr als 115.000 Jahre zurückliegenden Warmzeit, des Eem, rekonstruieren. Aus dem Vergleich des Eem mit den heutigen globalen Umweltbedingungen schlossen die Wissenschaftler, dass sogar eine etwas wärmere Klimaperiode als die gegenwärtige langsam über mehrere tausend Jahre in eine neue Eiszeit übergehen würde.
Diese Forschungen helfen, die Klimaschwankungen der Erdgeschichte zwischen Eis- und Warmzeiten besser zu verstehen – und dadurch besser abschätzen zu können, welche Folgen der gegenwärtige Klimawandel haben wird.
Gebackenes Eis
Unsere Expedition in die Eiswelten wollen wir gemütlich ausklingen lassen. Zum Aufwärmen bieten wir Ihnen ein Rezept für gebackenes Eis. Ein Widerspruch in sich, sollte man meinen. Doch mit einem Kniff ist es tatsächlich möglich, diese Variante von „Eis mit heiß“ zu backen. Der Kniff besteht in einer Baiserhaube, die das Eis vor der Ofenhitze schützt – zumindest für die kurze Zeit, die das Baiser braucht, um durchgebacken und leicht gebräunt zu werden.
Sie brauchen für 4 Portionen:
400 g Speiseeis, z.B. Vanille
1 große Banane
2 EL Mandelsplitter
2 Eiweiß
40 g Puderzucker
Lassen Sie die Eiscreme gut 10 Minuten antauen. In dieser Zeit schälen Sie die Banane und zerquetschen sie mit einer Gabel zu Mus. Dann mischen Sie Eis, Bananenmus und Mandelsplitter und geben die Mischung in vier feuerfeste Nachtischschälchen. Die Schälchen sollten mindestens 60 Minuten, besser über Nacht im Tiefkühler gefroren werden.
Um das Eis mit der Baisermasse zu überbacken, heizen Sie den Ofen auf 275 Grad Oberhitze vor.
Für die Baisermasse trennen Sie Eigelb und Eiweiß. Das Eiweiß schlagen Sie sehr steif und lassen dabei den Puderzucker einrieseln. Dann holen Sie die Schälchen mit dem Eis aus dem Tiefkühler und bedecken jedes Schälchen mit einer Baiserhaube und ziehen eine kleine Spitze nach oben. Dann das ganze für ca. 2 – 3 Minuten in den Ofen, bis die Baiserspitzen leicht gebräunt sind. Das gebackene Eis sofort servieren.
Weitere leckere Rezepte, z.B. für ein Lebkuchenparfait, finden sich in „Selbstgemacht: Eis und Sorbet“ von Hilmar Jaedicke und Thomas Laboch.
Christoph Holzapfel