Entwicklungen ehrenamtlicher Arbeit in Kirche und Gesellschaft
Als vor über zehn Jahren die Enquête-Kommission „Bürgerschaftliches Engagement“ des Deutschen Bundestags mit einem umfangreichen Abschlussbericht seine mehrjährige Arbeit beendete, stand Altbekanntes erstmals mit einem breiten gesellschaftlichen Konsens auf den Blättern:
- Die Gesellschaft kommt ohne das selbstbestimmte, freiwillige Engagement ihrer Mitglieder aller Couleur nicht aus.
- Innovationen entstammen den Ideen Einzelner und weniger den Absichten oder Absichtserklärungen von Institutionen, Verbänden oder Großorganisationen.
- In der Entwicklung der Freiwilligenarbeit haben gerade die Kirchen seit Jahrhunderten Hervorragendes geleistet. Sie bieten ein höheres Maß an Teilnahmemöglichkeiten und Anerkennungsstrukturen für ihre Mitglieder und nahestehende Interessierte als andere Akteure.
- „Der Staat“ kann keine Bezahlung (z.B. in einer Anrechnung an die Rente) dieses Engagements bieten. Selbst vielseits geforderte Anerkennungsstrukturen fallen ihm schwer, sieht man von guten Worten und Auszeichnungen ab.
- Begriffsklärungen zwischen Ehrenamtlichen, bürgerschaftlich Engagierten oder Freiwilligen helfen nicht weiter. Diskussionen um neues und altes Ehrenamt tragen dazu bei, Entwicklungsprozesse zu verstehen, führen jedoch beim Ausspielen unterschiedlicher Engagementmotivationen und -kulturen nicht weiter.
Die Aufbruchstimmung, die nach den intensiven Debatten folgte, erhielt nach wenigen Jahren u.a. zwei relevante Dämpfer: Schwierigere gesamtwirtschaftliche Entwicklungen stellten neu die Frage nach den wirtschaftlichen Bedingungen ehrenamtlicher Arbeit. Und der Politikwechsel im Bundesfamilienministerium unter Kanzlerin Merkel brachte eine neue Ausrichtung und den Bruch mit manchen Traditionen, die unter der SPD-Kanzlerschaft gewachsen waren.
Beruhigt kann man mit einem Blick auf die vorliegenden qualitativen und quantitativen Untersuchungen zur ehrenamtlichen Arbeit in Deutschland sagen: Die Bereitschaft zu helfen, anzupacken, Ideen einzubringen, in eigenen Organisationen umzusetzen, ist unverändert hoch. 1999, 2004 und 2009 wurden jeweils rund 15.000 Personen ab 14 Jahren befragt. Die Engagementbereitschaft ist auf einem hohen Niveau. Zuletzt sanken die Zahlen bei den Jugendlichen leicht. Religiös motivierte Personen sind im Ehrenamt vielfach in den verschiedensten Bereichen engagiert. Und die kirchlichen Engagementfelder stehen nach „Sport“ und „Soziales“ auf dem Bronzeplatz aller Betätigungsfelder für freiwillig Engagierte.
Diese erfreulichen statistischen Befunde sollen jedoch nicht vom unverstellten Blick auf höhere Hürden ablenken: Die finanzielle Unterstützung für ehrenamtliches, selbstbestimmtes Arbeiten für Kirche und Gesellschaft geht zurück. Lange Zeit sicherten öffentliche Einrichtungen, Staat, Wirtschaft und Großorganisationen diese Leistungen z.B. mit finanziellen Mitteln und/oder hauptamtlichen Unterstützungsstrukturen. Diese nehmen immer mehr ab. Die bisherigen Anbieter versuchen Dienstleistungen (um Personalkosten entlastet) von Freiwilligen ausführen zu lassen. Das gelingt in vielen Fällen. Gleichzeitig steigen die berechtigten Ansprüche der Ehrenamtlichen an ein respektvolles Zusammenwirken der Hauptamtlichen mit ihnen auf Augenhöhe. Hier liegt gesellschaftlicher Sprengstoff, dessen Wirkwege noch nicht übersehbar sind. Ob das Werben um die „Neuen Alten“ u.a. durch den Bundesfreiwilligendienst hier Veränderungen zugunsten der Ehrenamtlichen bringt?
Einige Beobachtungen zum aktuellen Geschehen der Ehrenamtsdiskussion gerade im kirchlichen Kontext zeigen Chancen, Standpunkte und die Notwendigkeit für Entscheidungen:
Ehrenamt und Hauptamt
Ein Blick auf die Strukturveränderungen in Diözesen und Landeskirchen zeigt, dass die Debatten in den zurückliegenden Jahren in den hauptamtlichen Strukturen zu zusätzlichen Arbeitsplätzen geführt haben. Noch nie haben sich so viele kirchliche Angestellte hauptberuflich mit der Thematik beschäftigt, was wieder einmal die Wahrheit bestätigt, dass das Ehrenamt nicht Arbeitsplätze vernichtet, sondern schafft. Gleichzeitig werden Verantwortungsstrukturen für die ehrenamtliche Arbeit geschaffen. Das zeigt die besondere Sorgfalt der neuen Aufgabenbereiche, die den Ehrenamtlichen in Verwaltungsgremien gilt.
Ehrenamt und Geldbeschaffung
Während öffentliche Zuschussmittel sinken, kann zumindest an einzelnen Beispielen beobachtet werden, dass das in den Engagementfeldern zur Verfügung stehende Geld nicht oder zumindest nicht im gleichen Maße zurückgeht. In der katholischen Büchereiarbeit könnte man sagen: Der Rückgang von Mitteln der Einrichtungsträger treibt die Ehrenamtlichen dazu, selbst auf Geldsuche zu gehen. Und dies geschieht erfolgreich. Wann kommt hier ein Wendepunkt? Werden Ehrenamtliche auf lange Sicht bereit sein, die selbst eingeworbenen Mittel auch nach den Richtlinien der Träger auszugeben?
Positionierung
Vielfach wurde ein Wort der deutschen Bischöfe zur ehrenamtlichen Arbeit erbeten und bedacht. Bis heute blieb es aus. Die Evangelische Kirche in Deutschland positionierte sich 2009 mit einer Denkschrift „Ehrenamt. Evangelisch. Engagiert.“. Einen sehr bemerkenswerten Ansatz enthalten die Leitlinien des Erzbistums Köln, in denen gerade das Miteinander deutlich formuliert wird. Ein Ziel lautet: „Ehrenamtliche und hauptamtliche Tätigkeit in der Kirche ergänzen einander und sind aufeinander verwiesen. Die Leitung der Kirche sorgt auf allen Ebenen in ihrer besonderen Verantwortung für förderliche Rahmenbedingungen der ehrenamtlichen Arbeit.“ In Köln startete man 2010 – gemeinsam mit der Akademie für Ehrenamtlichkeit – mit der Ausbildung von Ehrenamtsentwicklern, unter Ehrenamtlichen ebenso wie unter Hauptamtlichen.
Religiöse Kompetenzen?!
Die 2. Ökumenische Ehrenamtstagung in Erfurt Ende September 2011 stellte die Themen Kompetenz und Qualifikation in den Vordergrund. Spannend war bereits in der Vorbereitung und erst recht während der Tagung die Frage nach den religiösen Kompetenzen. Welche sind wichtig für die ehrenamtliche Arbeit, welche können durch das Ehrenamt erworben werden? Sind religiöse Kompetenzen in der allgemeinen Kompetenzdiskussion (siehe auch www.deutscherqualifikationsrahmen.de) gleichberechtigt neben sozialen, kommunikativen und formalen Kompetenzen zu stellen?
Beate Hofmann, Professorin für Gemeindepädagogik und kirchliche Bildungsarbeit an der Evangelischen Hochschule Nürnberg, formulierte in ihrem Referat: „Religiöse Kompetenz beginnt mit religiöser Sensibilität, also der Fähigkeit, religiöse Phänomene und Fragen als solche wahrzunehmen, z.B. … in Gesprächen zwischen Tür und Angel existentielle Sinnfragen zu erkennen und darauf einzugehen. Entsprechend gehört dazu als besonderer Bereich von Kommunikationsfähigkeit die religiöse Sprach-, Interaktions- und Dialogfähigkeit. Wer religiös kommuniziert, bewegt sich in einem gesellschaftlich tabuisierten Bereich, der sehr persönlich gefärbt ist: Was glaube ich, was gibt meinem Leben Sinn, wie gehe ich mit der Angst vor dem Tod oder vor Leid um, was gibt mir Kraft, worauf hoffe ich, wie gehe ich mit Grenzerfahrungen um, das sind Fragen, mit denen Menschen im religiös geprägten Engagement konfrontiert werden, für die sie im Raum der Kirche aber auch Antwortmöglichkeiten und Sprachangebote finden. Und darin sehe ich einen großen Unterschied zum Engagement in einem eher humanistisch geprägten Bereich, wo die Antworten auf diese „letzten Fragen“ dem einzelnen überlassen sind und keine große Tradition zur Anknüpfung und Auseinandersetzung da ist. Das ist unser Schatz. Ich halte es für eine Kernfrage, inwieweit dieser Schatz durch Fortbildung und Begleitung Ehrenamtlicher zugänglich gemacht wird und die religiöse Sprach- und Reflexionsfähigkeit gefördert wird. Darin sehe ich einen zentralen Auftrag für die Hauptamtlichen in der Kirche. Erfahrungen in Glaubenskursprojekten zeigen einen hohen Bedarf an solchen Räumen der Kommunikation und Verständigung, des Nährens der eigenen spirituellen Quellen für das Engagement. Eng verbunden mit dieser Sprachfähigkeit ist die religiöse Ausdrucksfähigkeit z.B. in liturgischer Sprache, in der Vertrautheit mit religiösen Bildern und Symbolen, bei der Gestaltung von Ritualen (z.B. bei einem Gebet am Krankenbett). Gerade im liturgischen Bereich ist diese Ausdrucksfähigkeit auch mit einer besonderen Verantwortung verbunden: wer im Gottesdienst öffentlich auftritt und sich dabei im Gegenüber zu Gott und Gemeinde weiß, spürt eine besondere Dimension von Verantwortung und Wirkmacht.“
Was von Beate Hofmann hier beschrieben wird, bedarf gerade in der (geistlichen) Begleitung und Bildung von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen der besonderen Aufmerksamkeit.
Leuchtturm Ganzheitlichkeit
Nach zahlreichen gesellschaftspolitischen Diskussionen darf ein Hinweis nicht vergessen werden: Noch immer versuchen Hauptamtliche, ehrenamtlich Arbeitende als Lückenbüßer zu missbrauchen. In manchen Gelddiskussionen der Politik oder in berufsständischen Diskussionen begegnet einem dieses Verhalten weiterhin. Und hier können die Kirchen ihren Leuchtturm Ganzheitlichkeit deutlich erkennbar und selbstkritisch stolz ausfahren. Ehrenamtliche sind nicht nur Arbeiter/innen, sondern bringen sich als ganze Menschen ein - mit ihren Qualifikationen, ihrem guten Willen und auch mit Freude, Hoffnung, Trostbedürftigkeit und Zweifeln. All dieses in die gemeinsame Arbeit einzubinden stellt nicht nur eine Bereicherung für die so ermöglichten Angebote dar, sondern kann auch das besondere Kennzeichen kirchlicher Arbeit sein. Und mit diesem Anspruch dürfen auch andere Felder ehrenamtlicher Arbeit begutachtet werden, in denen diese Sicht der Ehrenamtlichen weniger bis gar nicht erkennbar ist.
Die Arbeit für und mit ehrenamtlich Engagierten ist für jede/n, der mit dieser Tätigkeit auch sein Geld verdient, eine stete Herausforderung. Nähe und Distanz im Mit- und Nebeneinander kommen eine besondere Bedeutung zu, die von Ehrenamtlichen geschätzt wird. Sinnstiftung für die Gesellschaft, die „communio“, kann nur gelingen, wenn ein Miteinander auf Augenhöhe von allen Beteiligten angestrebt und immer wieder erreicht wird. Dieser Ansporn zählt.
Rolf Pitsch