Die Liebe ist die überwältigendste Kraft auf Erden – anders könnte man jedenfalls nicht den Aufwand erklären, mit dem buchstäblich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt werden, um ein unscheinbares Mädchen in einem unscheinbaren Städtchen in einer belanglosen Gegend im Nordwesten der USA ins Reich der ewig lebenden Scheintoten zu holen. Dazu bedarf es keines Bisses in den Hals, sondern vielmehr einer die ganze Zwischenwelt bewegenden Schlacht zwischen guten und bösen Vampiren sowie den Werwölfen mittendrin. Man erinnert sich: Bella Swan liebt einen Vampir namens Edward Cullen. Doch gibt sie für die ewige Liebe tatsächlich ihr wichtigstes Gut auf: das Menschsein? Oder fällt sie doch noch in die starken Arme des sich vor Liebeskummer förmlich zerfressenden Werwolfs Jacob Black, der bislang nur Bellas bester Freund war? Über zwei Kinofilme hat sich ein Team von Drehbuchautoren alle nur erdenkliche Mühe gegeben, diese Frage offen zu lassen, um drum herum mal interessante („Twilight – Biss zum Morgengrauen“, fd 39 085), mal belanglose („New Moon – Biss zur Mittagstunde“, fd 39 630) Abenteuer mit vielen Nebencharakteren zu spinnen. Dabei befindet man sich nicht in einer Welt der Mythen, Gruseleien, Untoten und Mutanten, sondern im Reich der Telenovela; nur dass sich hier kein gütiger Großgrundbesitzer und ein drahtiger Arbeiterrebell um die Gunst der gelockten Schönheit streiten, sondern ein edler und guter, aber toter Vampir sowie ein edler und guter, aber höchst lebendiger Werwolf. Eingedenk der Qualitäten des ersten Teils der auf vier Episoden angelegten Jugenderotikbuch-Verfilmung hätte dieses Epos eine schnulzig-schöne „Romeo und Julia“-Variation im Gruselreich werden können. Doch die weitgehend stimmigen Charaktere, überzeugend und mit Mut zum Method-Acting verkörpert, sind leider nur noch geistlose Marionetten in den Händen ideenloser Franchise-Verwalter.
„Eclipse“ beginnt in dem blauen Anemonenfeld, auf dem sich die tragischen Helden Bella und Edward am Ende des zweiten Teils ewige Liebe schworen. Ohne zu viel zu verraten: „Eclipse“ endet auch auf dieser traumnebel-glitzernden Wiese, auf dem sich die beiden immer noch tragischen Helden ewige Liebe schwören. Die Zeit dazwischen ist in etwa so ergiebig wie die Balkonsequenz aus „Romeo und Julia“ in einer Endlosschleife. Zwischen dem Hin- und Hergerissensein von Bella und Edward bzw. Bella und Jacob findet sich allenfalls verstohlen etwas Handlung: Da kämpft der Stamm der Cullens gegen eine Brut von Jungvampiren, die von der von Rache und Trauer beseelten Victoria formiert wurde. Der Verlust ihres Liebsten (in Teil 1) ist immer noch Motor, um Edward seine Bella zu entreißen. Da die Macht der Jungvampire die der Älteren übersteigt (eine bizarre Abänderung des gängigen Vampir-Klischees), verbünden sich die Cullen-Vampire mit ihren angestammten Todfeinden, den Werwölfen. Was nur gelingt, weil alle nur eine lieben: Bella. Dieser Plot ist dünn und mündet unspektakulär in einen lahmen Showdown, bietet dafür aber Gelegenheit, in einigen Rückblenden Sidekicks (etwa Rosalie, eine zarte Gegenspielerin von Bella im Clan der Cullens) mit Leben zu füllen oder den Entstehungsmythos der Werwölfe zu präzisieren. Ansonsten wird die Handlung ermüdend mit Liebesschwüren, Liebeszweifeln und verbotenen Küssen gestreckt, bis die Heldin Bella gereift aus ihren Prüfungen hervorgeht: Hin- und hergerissen zwischen ihren Gefühlen, reift sie vom Objekt der Begierde zur selbstbewussten Frau. Einen Sinn macht das alles hoffentlich mit Abschluss der Saga. Bis dahin darf sich die Zielgruppe der zwölf- bis 16-jährigen Mädchen ein wenig wie Bella fühlen, mit ihr unblutige und ungruselige Scharmützel überstehen und sich insgeheim wahlweise am anämischen Robert Pattinson oder am bulligen Taylor Lautner ergötzen. Warum man „Eclipse“ sonst goutieren wollte, ist schwer vorstellbar.
Jörg Gerle / Filmdienst