14.06.2012

Preisverdächtig!

Das Seminar vermittelt Praxiskonzepte zu den nominierten Titeln des Deutschen Jugendliteraturpreises. Im Rahmen dreier unterschiedlicher Workshops werden kreative Vermittlungsmethoden zu den Nominierungen in den Sparten Bilder-, Kinder- und Jugendbuch erarbeitet. [mehr]

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„Wenn wir nicht ab und zu was Verrücktes tun, können wir uns gleich begraben lassen." Mit diesen Worten kommentiert eine Kellnerin Harolds Vorhaben, zu Fuß 1000 Kilometer quer durch England zu laufen. Dadurch will er eine ehemalige Arbeitskollegin vor dem Krebstod retten, bei der er tief in der Schuld steht. Mich hat der Satz angesprochen, weil er von der Sehnsucht nach Lebendigkeit spricht, die in jedem Menschen wohnt. weiter

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“Fast unlesbar”

Der Roman "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell in der Diskussion

Seit die Frankfurter Allgemeine Zeitung Anfang Februar 2008 mit dem Vorabdruck der ersten 120 Seiten des Romans "Die Wohlgesinnten" begonnen hat, rauschen die Feuilletons. Sowohl die Art und Weise, wie die FAZ den Roman bewirbt, als auch der Roman selbst stehen in der Kritik. Der Borromäusverein dokumentiert die Debatte um den Roman - und beteiligt sich selbst an ihr: Wir haben Michael Mertes um eine Rezension gebeten, die zum Erscheinungstag des Buches, dem 23. Februar hier veröffentlicht wird. Michael Mertes ist Staatssekretär beim Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten des Landes NRW und Vorsitzender der katholischen Kommission für Zeitgeschichte e.V. Als Vorsitzender dieser Kommission hat er sich intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigen können, ist doch ein Schwerpunkt ihrer Tätigkeit die Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Katholiken im Dritten Reich.

In Littells Roman legt SS-Obersturmbannführer Max Aue seine (fiktive) Lebensbeichte ab. Der Roman sorgte schon bei seinem Erscheinen in Frankreich im Sommer 2006 ("Les Bienveillantes") für Aufsehen und Diskussionen, erhielt mit dem Prix Goncourt den wichtigsten französischen Literaturpreis und verkaufte sich bis heute in über 800.000 Exemplaren.

Jonathan Littell, der Verfasser, ist 40 Jahre alt, Sohn des bekannten US-Thriller-Autors Robert Littell und lebt heute in Barcelona.

"Monströse Zumutung" 

Eine Kurzrezension von Staatssekretär Michael Mertes anlässlich der deutschen Ausgabe von Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten"

Dieses Buch ist eine monströse Zumutung. Es ist übermäßig lang. Es widersetzt sich dem moralischen Bedürfnis nach Identifikation mit den Opfern. Es spottet dem Wunsch nach einer gerechten Bestrafung der Verbrecher. Es verlangt vom Leser, sich in einen Täter des Holocaust hineinzuversetzen, den 1913 geborenen SS-Obersturmführer Dr. jur. Maximilian Aue. Es überschreitet die Grenze des ästhetisch Erträglichen mit seiner kalten und detaillierten Schilderung furchtbarster Verbrechen und ekelhaftester Vorgänge. Und es verstößt gegen alle Gesetze der Plausibilität. Seine Hauptfigur bewegt sich kreuz und quer durch Europa – und taucht immer just an den Brennpunkten des Geschehens auf: in der Ukraine und im Kaukasus, in Babi Jar, in Auschwitz, in Dora Mittelbau, in Stalingrad, im besetzten Paris oder im zerstörten Berlin. Maximilian Aue selbst ist ganz offensichtlich ein literarisches Konstrukt aus vielen Gegensätzen: Sohn eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter, Feingeist und Nazi zugleich, philosophisch gebildet und völlig unreflektiert in seiner Judenfeindlichkeit, homosexuell und dennoch seiner Zwillingsschwester inzestuös verbunden. Die Monstrosität von Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ lässt sich nur aushalten, wenn man sie als große Chiffre für die Einzigartigkeit des Holocaust versteht. Und dass die Hauptfigur so unplausibel wirkt, mag uns ständig daran erinnern, dass ein scheinbar völlig unwahrscheinliches Menschheitsverbrechen wie die „Endlösung der Judenfrage“ tatsächlich stattgefunden hat. Man muss Littells Buch nicht gelesen haben, auch wenn es in den nächsten Wochen und Monaten ganz oben auf den Bestsellerlisten stehen wird. Wer an historischen Informationen interessiert ist, sollte zu den wissenschaftlichen Publikationen greifen, die Littell studiert und für sein Buch verwertet hat – etwa Raoul Hilberts Standardwerk „Die Vernichtung der europäischen Juden“ oder Christopher R. Brownings „Ganz normale Männer“. Aber vielleicht hat Jorge Semprún – Schriftsteller, Buchenwald-Überlebender und Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels – recht mit seiner Behauptung, in fünfzig Jahren werde sich das kollektive Erinnern an den Holocaust nicht auf Hilberg beziehen, sondern auf Littell. „Die Wohlgesinnten“, so Semprún, werden die Wahrnehmung prägen, nicht die Sachbücher der Historiker.

Michael Mertes


Michael Mertes ist Staatssekretär für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes Nordrhein-Westfalen und Bevollmächtigter des Landes beim Bund; und er ist Vorsitzender der Kommission für Zeitgeschichte e.V.

 

Die Sprache der Henker 

"Reading Room" und Vorabrezension
Die FAZ hat Anfang Februar mit dem Vorabdruck der ersten 120 Seiten des Romans "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell begonnen. Parallel dazu gibt es im Internet einen "Reading-Room", in dem nicht nur häppchenweise die Texte zugänglich werden, sondern auch Experten und Leser zu Wort kommen. Frank Schirrmacher preist den Roman in einer Vorabrezension als ein großes und kaltes Buch, es sei aber "kein Jahrhundertwerk". "Dieses Buch hat einige große Passagen und Nebenstränge (Ernst Jünger im Kaukasus), ist aber auch über einige Strecken fast unlesbar, es ermüdet durch die Darstellung ewiger Behördenquerelen, und es gelingt ihm oft nicht seine Hauptfigur plastisch wirken zu lassen."

Die tägliche Dosis Holocaust
Die Vorabverwertung des Romans durch die FAZ stößt auf Kritik, wie auch der Roman selbst. Gregor Doltzauer meint im Tagesspiegel: "Das letzte Wort ist gesprochen, noch ehe das erste deutsche Exemplar [des Romans] in die Buchläden gefunden hat." Er macht deutlich, warum FAZ und Berlin Verlag diese Marketing-Partnerschaft eingegangen sind: Der Verlag müsse, allein um den Vorschuss von 500.000 € an Littell einzuspielen, 150.000 Exemplare der gebundenen Ausgabe absetzen. Zugespitzt fragt Doltzauer, "was in diesem Spiel die tägliche Dosis Holocaust, die hochmögende Literaturwissenschaftler und Historiker Tag für Tag mit einer neuen Frage zum Sinn und Unsinn der "Wohlgesinnten" bearbeiten, noch vom allmorgendlichen "Bild"-Luder trennt"? [Mehr lesen bei Tagesspiegel.de]

Auch Anne-Catherine Simon von "Die Presse" (Wien) kritisiert die "Voraborchestrierung" und spricht von einer "inszenatorischen Riesenmaschine". Über die Bedeutung des Romans für das Verständnis des Holocaust sagt sie: Der Roman werde diese Bedeutung bekommen. "Vielleicht wird er sogar zum Symbol einer Zäsur. Die Zukunft, wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sein werden: Tote Museen auf der einen Seite, auf der anderen in grenzenlose Freiheit entlassene Mythen, in denen sich kein Opfer mehr wiederfindet. Und Henker, die zu reden beginnen, wie Hannibal Lecter, zum Gruselgaudium des Publikums, so beklemmend fast wie aus dem Iran herüberlachende Holocaust-Leugner." Am Roman kritisiert sie die "quälend detaillierten Orgien von Perversionen und im Stil von Gewaltpornos präsentierte Bestialität". Zudem seien Littell stilistische Fehler unterlaufen, als er den Protagonisten Max Aue konzipierte: "Aue denkt und spricht, wie kein Nazi je gesprochen hätte." [Mehr lesen bei DiePresse.com]

Das Unverständlich einkreisen
Jonathan Littell, der als sehr medienscheu gilt, äußerte sich im Spiegel (7/2008) ausführlich zu seinem Buch. In dem Interview wird deutlich, dass er sein Buch völlig anderes versteht als die Spiegel-Redakteure und sicher viele andere deutsche Intellektuelle. Für Littell ist der Roman eine Fiktion, Literatur und nicht Geschichtsschreibung. Ihm kommt es nicht darauf an, ob es den SS-Mann Max Aue (den Protagonisten) wirklich gegeben haben könnte. "Die Person ist unwahrscheinlich", so Littell, "aber ist sie deshalb unwahr? Die tragischen Schichten im Wesen von Max Aue ... sind nicht realistisch, da haben Sie recht. Der literarische Diskurs unterscheidet sich jedoch vom historischen - in Letzterem kann man sagen: Diese Person ist falsch. Aber der literarische Versuch ist eine Art, sich der Wahrheit anders zu nähern. Literatur ist eine spezifische Wahrheitsfindung."
Während Historiker Fakten sammeln und interpretieren, verfolge die Literatur ein anderes Ziel. Sie "will ein Fenster hin zum Unverständlichen öffnen. Noch einmal: Wahrheit in der Literatur ist etwas anderes als Wahrheit in der Geschichte." Die Spiegel-Redakteure jedoch bestehen darauf, dass das Buch für die Leser nicht reine Literatur ist, nicht zuletzt deshalb, weil Littell - wie in jedem guten historischen Roman - zahlreiche historische Persönlichkeiten auftreten lässt, wie Himmler und Eichmann. Littell antwortet auf diesen Einwand: "Ich fürchte, wir verstehen uns nicht. ... Ich habe dieses Buch nicht geschrieben, um irgendjemandem etwas zu vermitteln oder zu erklären. ... Ich habe für mich, ganz allein für mich, lediglich versucht, bestimmte Dinge zu verstehen, Dinge, die mir unverständlich sind. Und immer noch unverständlich bleiben, größtenteils. Vielleicht ist es mir nur gelungen, das Unverständliche ein bisschen besser einzukreisen."

 

Das diskutierte Buch[mehr]

Die Wohlgesinnten

von Jonathan Littell
BERLIN VERLAG(2008)
Hardcover
Roman. Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt 2008 und dem Bad Sex Award 2009 ISBN-10: 3827007380 ISBN-13: 9783827007384 MedienNr.: 557896 36.00 €
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