Die Sprache der Henker
"Reading Room" und Vorabrezension
Die FAZ hat Anfang Februar mit dem Vorabdruck der ersten 120 Seiten des Romans "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell begonnen. Parallel dazu gibt es im Internet einen "Reading-Room", in dem nicht nur häppchenweise die Texte zugänglich werden, sondern auch Experten und Leser zu Wort kommen. Frank Schirrmacher preist den Roman in einer Vorabrezension als ein großes und kaltes Buch, es sei aber "kein Jahrhundertwerk". "Dieses Buch hat einige große Passagen und Nebenstränge (Ernst Jünger im Kaukasus), ist aber auch über einige Strecken fast unlesbar, es ermüdet durch die Darstellung ewiger Behördenquerelen, und es gelingt ihm oft nicht seine Hauptfigur plastisch wirken zu lassen."
Die tägliche Dosis Holocaust
Die Vorabverwertung des Romans durch die FAZ stößt auf Kritik, wie auch der Roman selbst. Gregor Doltzauer meint im Tagesspiegel: "Das letzte Wort ist gesprochen, noch ehe das erste deutsche Exemplar [des Romans] in die Buchläden gefunden hat." Er macht deutlich, warum FAZ und Berlin Verlag diese Marketing-Partnerschaft eingegangen sind: Der Verlag müsse, allein um den Vorschuss von 500.000 € an Littell einzuspielen, 150.000 Exemplare der gebundenen Ausgabe absetzen. Zugespitzt fragt Doltzauer, "was in diesem Spiel die tägliche Dosis Holocaust, die hochmögende Literaturwissenschaftler und Historiker Tag für Tag mit einer neuen Frage zum Sinn und Unsinn der "Wohlgesinnten" bearbeiten, noch vom allmorgendlichen "Bild"-Luder trennt"? [Mehr lesen bei Tagesspiegel.de]
Auch Anne-Catherine Simon von "Die Presse" (Wien) kritisiert die "Voraborchestrierung" und spricht von einer "inszenatorischen Riesenmaschine". Über die Bedeutung des Romans für das Verständnis des Holocaust sagt sie: Der Roman werde diese Bedeutung bekommen. "Vielleicht wird er sogar zum Symbol einer Zäsur. Die Zukunft, wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sein werden: Tote Museen auf der einen Seite, auf der anderen in grenzenlose Freiheit entlassene Mythen, in denen sich kein Opfer mehr wiederfindet. Und Henker, die zu reden beginnen, wie Hannibal Lecter, zum Gruselgaudium des Publikums, so beklemmend fast wie aus dem Iran herüberlachende Holocaust-Leugner." Am Roman kritisiert sie die "quälend detaillierten Orgien von Perversionen und im Stil von Gewaltpornos präsentierte Bestialität". Zudem seien Littell stilistische Fehler unterlaufen, als er den Protagonisten Max Aue konzipierte: "Aue denkt und spricht, wie kein Nazi je gesprochen hätte." [Mehr lesen bei DiePresse.com]
Das Unverständlich einkreisen
Jonathan Littell, der als sehr medienscheu gilt, äußerte sich im Spiegel (7/2008) ausführlich zu seinem Buch. In dem Interview wird deutlich, dass er sein Buch völlig anderes versteht als die Spiegel-Redakteure und sicher viele andere deutsche Intellektuelle. Für Littell ist der Roman eine Fiktion, Literatur und nicht Geschichtsschreibung. Ihm kommt es nicht darauf an, ob es den SS-Mann Max Aue (den Protagonisten) wirklich gegeben haben könnte. "Die Person ist unwahrscheinlich", so Littell, "aber ist sie deshalb unwahr? Die tragischen Schichten im Wesen von Max Aue ... sind nicht realistisch, da haben Sie recht. Der literarische Diskurs unterscheidet sich jedoch vom historischen - in Letzterem kann man sagen: Diese Person ist falsch. Aber der literarische Versuch ist eine Art, sich der Wahrheit anders zu nähern. Literatur ist eine spezifische Wahrheitsfindung."
Während Historiker Fakten sammeln und interpretieren, verfolge die Literatur ein anderes Ziel. Sie "will ein Fenster hin zum Unverständlichen öffnen. Noch einmal: Wahrheit in der Literatur ist etwas anderes als Wahrheit in der Geschichte." Die Spiegel-Redakteure jedoch bestehen darauf, dass das Buch für die Leser nicht reine Literatur ist, nicht zuletzt deshalb, weil Littell - wie in jedem guten historischen Roman - zahlreiche historische Persönlichkeiten auftreten lässt, wie Himmler und Eichmann. Littell antwortet auf diesen Einwand: "Ich fürchte, wir verstehen uns nicht. ... Ich habe dieses Buch nicht geschrieben, um irgendjemandem etwas zu vermitteln oder zu erklären. ... Ich habe für mich, ganz allein für mich, lediglich versucht, bestimmte Dinge zu verstehen, Dinge, die mir unverständlich sind. Und immer noch unverständlich bleiben, größtenteils. Vielleicht ist es mir nur gelungen, das Unverständliche ein bisschen besser einzukreisen."