24.02.2012

Spurensuche

Wer sind sie, die Helden der Nachhaltigkeit? Was müssen die Figuren in den Geschichten heute tun, um die Welt zu retten? Kann man angesichts der überall herrschenden Unübersichtlichkeit der Verhältnisse überhaupt noch handeln, literarisch oder real? Welche Impulse gibt ein christlicher Schöpfungsglaube? Und kann so ein sachliches und eher abstraktes Thema überhaupt spannend aufbereitet werden und literarisch ankommen? [mehr]

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Eine Frau und ein Mann begegnen sich in einem Wellnesshotel. Sie möchte ein neues Videoprojekt realisieren, er sucht nach einem Weg aus der Schreibblockade. Beide haben unruhige Zeiten und manches Unbearbeitete und Nichtverdaute im Lebensgepäck. Durch wechselseitiges Beäugen, Begleiten in Gedanken ... weiter

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Ein Trauerspiel der besonderen Art

Kein gutes Haar lässt der Filmdienst an Sönke Wortmanns Verfilmung des Bestsellers „Die Päpstin".

Im Laufe der Jahrhunderte hat die Legende der Päpstin Johanna viele Formen angenommen. Sie diente dazu, den zweifelsfrei männlichen Papst Johannes VIII. zu verspotten, sie wurde von den Reformatoren als Schwert gegen die römische Kirche ins Feld geführt und versöhnte in Donna Cross' Erfolgsroman den modernen Feminismus mit der historischen Kolportage. Meistens waren die Geschichten gut erfunden, was man von Sönke Wortmanns Verfilmung leider nicht behaupten kann. Stattdessen handelt sie von einem Trauerspiel besonderer Art: dem deutschen Film- und Fernsehgeschäft. Alles beginnt mit einem Rauswurf: Volker Schlöndorff hatte keine Lust, einen Amphibienfilm zu drehen, einen Fernsehzweiteiler also, aus dessen Leib die Kinofassung wie ein übergroßes Filetstück herausgeschnitten wird. Er machte seinen Unmut öffentlich und wurde daraufhin von Bernd Eichingers Produktionsfirma Constantin geschasst. Eichinger steht für ein genau kalkuliertes, enorm erfolgreiches und in der Regel seelenloses Produzentenkino, in dem ein erkennbarer Stilwille oder profunde Ideen schon deswegen nicht gefragt sind, weil sie den reibungslosen Geschäftsverlauf stören. Als Ersatz wurde Sönke Wortmann angeheuert, der mit einem langjährigen Mitarbeiter ruckzuck ein neues Drehbuch aus der Vorlage stampfte und die Botschaft genau verstand: Du sollst Erfüllungsgehilfe sein. Take the money and run.

Schlöndorff hatte sich dagegen verwahrt, dass die Kindheit Johannas im Film unnötig viel Platz einnimmt. Nach zehn Minuten weiß man, warum. Sönke Wortmann schwelgt im Klischee des dunklen Mittelalters und zeigt lang und breit, wie die ungewöhnlich begabte Johanna im Haushalt eines streng gläubigen und, so wird suggeriert, dementsprechend frauenfeindlichen Priesters aufwächst. Sie lernt heimlich lesen und schreiben, wird von einem wandernden Gelehrten entdeckt und nach langem Hin und Her in der Mainzer Domschule aufgenommen. Ein freier Regisseur hätte daraus vielleicht einen ersten Akt gemacht, der die Stimmung und wesentliche Handlungsmotive kurz und prägnant etabliert; Wortmann rückt hingegen die Ausstattungswerte brav ins Bild und schindet Minute um Minute, damit später auch die Fernsehzuschauer vermeintlich auf ihre Kosten kommen. Ähnlich weitschweifig und konturlos erscheinen die weiteren Lebensstationen: Johannas keusche Liebe zu Graf Gerold, die nach ihrer Entdeckung zu einer Intrige der Gräfin führt; ein Überfall der Normannen, der die Musterschülerin in letzter Sekunde vor einer Zwangsheirat bewahrt; Johannas Flucht nach Fulda, wo sich ihre Wandlung zu Bruder Johannes, dem Wunderheiler, vollzieht; schließlich ihre Pilgerfahrt nach Rom, wo sie dem siechen Papst Sergius das Leben rettet, als Johannes Anglicus zu dessen engstem Vertrauten aufsteigt und ihm um das Jahr 843 auf dem Heiligen Stuhl nachfolgt. Während der Osterprozession erleidet der Reformpapst eine Fehlgeburt, stirbt an Ort und Stelle und wird aus den Annalen der Kirche getilgt.

Auf die Frage, was an dieser Geschichte Dichtung und was Wahrheit ist, lässt sich Wortmann nicht weiter ein. Ihm genügt die Schlusspointe, in der ein weiblicher Bischof die Papstchronik heimlich um Johannas Kapitel ergänzt. Im Grunde ist der Wahrheitsgehalt der Legende auch einerlei, speist sich ihr reiches Nachleben doch aus anderen Quellen: „Die Päpstin" ist die Geschichte einer hochbegabten Frau, die ihr Geschlecht verleugnet, um sich treu bleiben und Gott und den Menschen dienen zu können. In ihrem Schicksal wird die Jahrhunderte währende Diskriminierung der Frauen durch die Kirche griffig thematisiert und melodramatisch zugespitzt. Ganz nebenbei widersteht sie außerdem der „letzten Versuchung Christi" und schlägt die Möglichkeit aus, als Gerolds Ehefrau glücklich zu werden.

Johanna ist zweifelsohne ein faszinierender Charakter, doch was sagt uns ihr Leben heute noch? Brauchen wir noch Argumente für die Gleichberechtigung der Frau? Dem derzeitigen Papst sind sie allesamt bekannt, und mit Sicherheit hat er bessere Einwände parat als die Knallchargen, die Wortmann im Allerheiligsten auftreten lässt. Eine gute Besetzung, heißt es beim Film, ist schon die halbe Inszenierung. Hier ist die schlechte Besetzung schon die ganze: Den Heuchlern sieht man das Heuchlerische an der Nasenspitze an, und der Kameramann Tom Fährmann sorgt zuverlässig dafür, dass gleich die erste Einstellung eine katholische Kanaille auch als solche kenntlich macht. Es gibt Szenen, die so hanebüchen oder deplatziert sind, dass man Absicht dahinter vermuten kann. Etwa, wenn Gerold seine Johanna mit den Worten „Dies ist Rom" zur Flucht beschwört, und man sich automatisch an das Sündenbabel in Roman Polanskis „Chinatown" (fd 19 120) erinnert fühlt. Oder wenn die Normannen in Johannas arrangierte Hochzeit platzen, und der Bischof von Mainz in Großaufnahme enthauptet wird. Splatter-Effekte in einem öffentlich-rechtlichen Historienfilm? Der FSK hat das Schlachtfest offenbar gefallen, sie hält den Film ab 12 Jahren für unbedenklich.

Paradoxerweise sind solche inszenatorischen Aussetzer die einzigen Hoffnungsschimmer im Erfüllungsgehilfen-Einerlei. Hoffnung darauf, dass Sönke Wortmann gegen Constantins ödes Geschäftskalkül aufbegehrt, und sei es nur in Form eingeschmuggelter Ironiesignale. Schön wär’s, doch diese Momente vergehen. Wortmann ist zwar nicht mehr jung, aber das Geld braucht er anscheinend trotzdem. Genau wie die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, die sich schon lange nicht mehr als Förderer der Filmkultur verstehen, sondern als Füllhorn einer sich selbst genügenden Filmwirtschaft. Hauptsache, der subventionierte Laden läuft; wen interessiert es da noch, was dabei produziert wird. Wenn die ARD ein bisschen Anstand hätte, würden sie diesen Klamauk erst an dem Tag senden, an dem eine Frau tatsächlich Päpstin wird.

Michael Kohler/Filmdienst

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