medienprofile.de (mp): Wer war die Päpstin?
Gisela Muschiol (GM): Die ‚Päpstin' hat es nicht gegeben. Die Legende von der ‚Päpstin' jedoch entstand im 13. Jahrhundert, als Dominikaner und Franziskaner anfingen, Handbücher für Prediger zu veröffentlichen. In diesen Handbüchern brauchte man „Predigtmärlein", Geschichten, die die Zuhörer aufmerksam machen für das, was der Prediger eigentlich sagen will. Ein solcher Aufreißer ist die Geschichte von der Päpstin.
mp: Was wollten die Prediger mit der Geschichte erreichen?
GM: Zuerst natürlich die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer. An zweiter Stelle kann es durchaus darum gegangen sein, bestimmte Frauenbilder vorzustellen. Dazu wurde das Predigtmärlein jedenfalls im Laufe der Zeit benutzt. Die Päpstin wurde als typische Frau dargestellt, die etwas anstrebte, was ihr nach Auffassung der Zeitgenossen nicht zustand und die deshalb scheiterte. Jacobus von Voragine, ein Theologe, schreibt am Ende des 13. Jahrhunderts über die ‚Päpstin': „Diese Frau begann ihr Werk in Vermessenheit, setzte es betrügerisch und töricht fort und beendete es schändlich. Das nämlich ist die Natur der Frau, dass sie bei einem auszuführenden Werk anfangs Vermessenheit und Tollkühnheit zeigt, in der Mitte Torheit und sich am Ende in Schändliches verrennt." Es konnte also durchaus sein, dass eine Predigt dazu dienen sollte, Frauen und Männer voneinander abzugrenzen, oder Frauen in ihre Schranken zu weisen, ihnen klare Rollen zuzuweisen. Diese Rollenzuweisung an Frauen bleibt ein Motiv vieler Autoren, die die Geschichte von der ‚Päpstin' durch die Jahrhunderte hindurch, bis ins 20. Jahrhundert hinein, für ihre Ideen verwenden.
mp: Und was ist dann mit dem Anspruch auf historische Wahrheit, den Donna Cross erhebt?
GM: Dieser Anspruch ist nicht haltbar. Donna Cross arbeitet definitiv nicht historisch. Sie missachtet die Grundregeln, die Historiker und Historikerinnen beim Umgang mit Quellen immer befolgen müssen und die Studierende schon im ersten Semester lernen. Dazu gehören Fragen wie „Was will die Quelle sagen?", „Wann ist der Text entstanden?", „Welche Interessen hat der Autor?". Hinzu kommt, dass kein Historiker, keine Historikerin von „historischer Wahrheit" sprechen würde. Historiker können sich vergangenen Zeiten nur annähern, niemals aber können sie sagen, wie es „in Wahrheit" gewesen ist. Den Anspruch auf historische Wahrheit können sie gar nicht erfüllen, weil alle Annäherung an historische Zusammenhänge immer nur ein Teil des Ganzen ist.
Außerdem wird an vielen Stellen deutlich, dass Cross keine Ahnung von Entwicklungen im Mittelalter hat. Die Legende ist im 13. Jahrhundert entstanden, was man ihr auch anmerkt, denn im 13. Jahrhundert haben Frauen einen erheblich schlechteren Zugang zur Bildung als in jener Zeit, in der Johanna angeblich gelebt hat, im 9. Jahrhundert.
Frauen sind im 9. Jahrhundert diejenigen, die mit Mönchen und Nonnen zusammen für (Schrift-)Bildung sorgen. Bildung ist in dieser Zeit ein eindeutig weibliches und geistliches Thema. Weil Cross davon nichts weiß, muss Johanna sich als Mann ausgeben, um sich Bildung anzueignen, obwohl das überhaupt nicht zum 9. Jahrhundert passt.
mp: Hätte Johanna als Tochter eines Dorfpriesters Zugang zu Bildung gehabt?
GM: Das kommt darauf an, in welchem Gebiet des Reiches sie gelebt hätte. „Der" Dorfpriester in dieser Zeit war in der Regel wenig gebildet. Bonifatius beklagte bereits im 8. Jahrhundert, dass viele Priester nicht einmal Latein könnten. Und Karl der Große (747/748 - 814) schrieb den Bischöfen in einem Rundbrief vor, über welche Fähigkeiten Priester verfügen müssten, um ihr Amt auszuüben. Daraus entstand im 8. und 9. Jahrhundert ein neues Interesse an Bildung. Gerade den Frauenklöstern dieser Zeit fiel die Aufgabe zu, Texte zu überliefern, indem sie sie abschrieben. Die Orden - männliche und weibliche Konvente - haben ja überhaupt erst dafür gesorgt, dass die Schriften und damit das Wissen der Antike über das Mittelalter hinaus erhalten geblieben sind. Die Klöster haben Schulen eingerichtet, Männerklöster meist Schulen nur für Jungen, Frauenklöster häufig für Mädchen und Jungen. Diese Schulen konnten auch von Kindern besucht werden, die nicht für die Klosterlaufbahn vorgesehen waren. Selbstverständlich war es möglich, dass kluge Mädchen, die entdeckt wurden, Bildung erwarben.
Mädchen oder junge Frauen, die ins Kloster gingen, erhielten ohnehin eine gründliche Ausbildung. Aus dem Essener Frauenstift, einem Konvent für adelige Frauen, sind Schreibübungen von Schülerinnen aus dem 9. Jahrhundert erhalten. Wir haben also unmittelbar von der Basis Nachweise darüber, dass es Bildung für Frauen gab.
mp: Das hört sich jetzt aber nicht so an, als sei das Mittelalter frauenfeindlich gewesen. Denn das steht bei Donna Cross doch im Hintergrund, oder?
GM: Donna Cross macht eine einfache Gleichung auf: Das Mittelalter war beherrscht vom Christentum, das Christentum ist frauenfeindlich, also ist das ganze Mittelalter frauenfeindlich. Das kann man so einfach nicht behaupten. Diese Sichtweise stammt aus dem 19. Jahrhundert, dafür gibt es eine Fülle von wissenschaftsgeschichtlichen Gründen. Doch die Welt des Mittelalters war eine andere. Sie war weder rein frauenfeindlich noch finster, auch wenn es durchaus frauenfeindliche Tendenzen gab.
Solche Tendenzen muss man aber unterscheiden von bestimmten Rollenzuschreibungen, die für Frauen und für Männer galten. Das sog. Prümer Urbar, ein Güterverzeichnis des Benediktinerklosters Prüm in der Eifel aus dem 9. Jahrhundert, legt fest, welche Arbeiten für Frauen und welche für Männer sind. Wir finden hier eine unhinterfragte, pragmatische Zuweisung von Berufsaufgaben in einer ländlichen Wirtschaftsform. Männer gehen aufs Feld und erledigen alle Aufgaben im Zusammenhang der Jagd, Frauen sind für den (Nutz-)Garten zuständig, sind zuständig fürs Brauen und fürs Backen, für alle Textilarbeiten. Diese Aufteilung drückt keine Wertigkeit aus. Es ist sehr wichtig festzuhalten, dass die Vorstellung einer gleichen Würde vor Gott für Mann und Frau im ganzen Mittelalter nicht verloren geht.
mp: Obwohl der Frau immer wieder Eva vorgehalten wird, die Schuld am Sündenfall sei?
GM: Ja, aber denken Sie daran: Es gibt ja auch das Bild von Maria. Das geht nie verloren, im Gegenteil, Maria wird zum Urbild von Kirche.
Es gab in der mittelalterlichen Theologie durchaus eine Tendenz, Frauen abzuwerten, die eindeutig der Antike entstammt. Thomas von Aquin übernahm vom griechischen Philosophen Aristoteles die Vorstellung, Frauen seien weniger wert. Aber diese Auffassung blieb nicht unwidersprochen. Solche Widersprüche sind oft nur mühsam zu entdecken, was auch etwas damit zu tun hat, wie Geschichte geschrieben wird. Historiker sind über Jahrhunderte hinweg überwiegend Männer gewesen und haben diese Widersprüche einfach nicht wahr genommen. Erst mit der Frauenbewegung seit dem 19. Jahrhundert und insbesondere seit der Mitte des 20. Jahrhunderts haben wir überhaupt begonnen, weibliche Traditionen zu entdecken und die sind eben ganz anders, als Donna Cross sie schildert.
Ein gutes Beispiel für solche Traditionen ist die universitäre Bildung für Frauen. Im Mittelalter ist Universität ein männliches System, unter anderem auch deswegen, weil Frauen in dieser Zeit als schutzlos gelten und nicht allein reisen dürfen. Die Universitätslehrer, die von Ort zu Ort zogen, und die Scholaren - Studenten -, die ihnen hinterher zogen, mussten aber allein reisen. Außerdem finanzierte sich ein Studium, aber auch die Lehre der Professoren, über Klerikerstellen. Wer eine Pfründe besaß, konnte mit ihr wirtschaften und mit ihr seine Universitätslaufbahn finanzieren. Frauen konnten keine Klerikerpfründe erhalten, damit waren sie erst einmal ausgeschlossen von universitärer Bildung. Deshalb setzten Frauenklöster im 13. Jahrhundert an die Stelle universitärer Bildung eine ganz eigene Theologie. Auf diese Weise entstand ein Großteil der Mystik. Die wurde jedoch gerade in der ‚modernen' Wissenschaft jahrzehntelang als Spinnerei abgewertet, heute sehen wir sie als eine eigenständige theologische Tradition.
Forschungen haben inzwischen auch gezeigt, wie unabhängig die mittelalterlichen Frauenklöster waren. Die Äbtissinnen waren selbständig und selbstbewusst, haben sich von keinem Beichtvater in ihre ‚Regierung' hineinreden lassen. Wenn da einer nicht genehm war, ersetzte ihn die Äbtissin durch einen anderen.
mp: Diese Selbständigkeit hat mit dem, was in Cross' Roman steht, herzlich wenig zu tun. Warum schreibt sie eine Geschichte, die so weit von dem entfernt ist, was die Historiker heute über das Mittelalter wissen?
GM: Ich glaube, sie ist von ihrer Geschichte überzeugt, sonst kann man so einen Roman gar nicht schreiben. Es hat ja immer wieder Versuche gegeben, aus der Legende einen Roman zu machen. Die Story ist einfach gut! Die Geschichte macht aufmerksam, mit der kann man was transportieren, und ich glaube, Donna Cross transportiert hier auch eine Menge.
An erster Stelle sehe ich eine Art von Christentumsfeindlichkeit. Dazu verherrlicht sie ‚die' Germanen, was man ja eher in die Zeit des Nationalsozialismus datieren würde. Mich wundert sehr, dass ein deutscher Lektor das hat durchgehen lassen. Diese Verehrung des Germanischen wird sich in der deutschen Geschichtswissenschaft jedenfalls bestimmt nicht mehr finden.
An zweiter Stelle hat sie den Anspruch, Frauengeschichte sichtbar zu machen. Dieser Anspruch ist nicht unberechtigt. Schließlich verfolgen feministische und genderbewusste Wissenschaften auch dieses Ziel. Sie wollen deutlich machen, dass Geschlecht auch für Geschichte von Bedeutung ist. Ich mache das den Studentinnen und Studenten immer am Beispiel der ‚natürlichen' Lebenserwartung klar. Bis ins 20. Jahrhundert hinein galt es als ‚natürlich', dass die Lebenserwartung der Männer höher war als die der Frauen, Begründung dafür war die hohe Kindbettsterblichkeit. Das ist in dem Moment nicht mehr natürlich, wo Medikamente und Hygienevorschriften die Kindbettsterblichkeit drastisch senken, so dass wir in der Gegenwart wie selbstverständlich davon ausgehen, dass die höhere Lebenserwartung der Frauen ‚naturgegeben' ist. Dabei ist die Lebenserwartung eben nicht naturgegeben, sondern abhängig von Geschlecht, medizinischen Erkenntnissen, beruflichen Wegen, Kriegen und vielen anderen Zusammenhängen. Und deswegen ist Geschlecht eine Kategorie, die für historische Untersuchungen von höchster Bedeutung ist.
Die Absicht, Frauengeschichte sichtbar zu machen, geht mit der ‚Päpstin' jedoch nicht auf. Denn die Geschichte, die Cross erzählt, ist ja für Frauen eigentlich nur eine Geschichte des Scheiterns. Die Quintessenz aus der Erzählung von der ‚Päpstin' ist doch: Eine Frau, die nach einem ihr (von Männern!) nicht zugedachten Amt strebt, muss zwangsläufig scheitern. Damit möchte ich mich nicht identifizieren. Das ist nicht die Perspektive, die moderne Frauen wollen. Das ist auch nicht die Perspektive einer geschlechterbewussten Geschichtswissenschaft.
mp: Vielen Dank für das Gespräch.