Buch und Film erzählen die Geschichte einer unmöglichen Liebe: ein 15-jähriger Junge verliebt sich kurz nach dem Krieg in eine Straßenbahnschaffnerin. Was Michael nicht ahnt: Hanna war unter den Nazis KZ-Aufseherin. Nach kurzer, aber intensiver Zeit verschwindet Hanna von einem Tag auf den anderen aus Michaels Leben. Jahre später begegnen sie sich wieder - vor Gericht. Hanna ist die Hauptangeklagte in einem Prozess gegen KZ-Aufseherinnen und Michael, inzwischen Jura-Student, ist Prozessbeobachter. Obwohl er nun ihre mörderische Vergangenheit kennt, lässt Hanna Michael nicht los. Während ihrer langen Haft schickt er ihr Cassetten, auf denen er ihr aus Klassikern vorliest - wie zu der Zeit, als sie zusammen waren.
Wir haben für Sie die Filmdienst-Rezension und die Borro-Rezensionen zur Romanvorlage (1995) und zum Hörbuch zusammengestellt.
Ein geschmackvoll drapiertes Rührstück
Der Filmdienst über „Der Vorleser“
Man kann nicht behaupten, dass der Film von Stephen Daldry eine kongeniale Verfilmung des Bernhard-Schlink-Bestsellers "Der Vorleser" geworden wäre, weil bereits die Romanvorlage - trotz ihrer zumal in den USA erstaunlichen Popularität - altklug, selbstmitleidig und zudem handwerklich schlecht gearbeitet ist. Daldrys Adaption ist sogar noch sehr viel schlechter als die literarische Vorlage: ein Beifall heischendes Stück Gefall- und Gefühlskino, das sich zudem erstaunlich naiv auf vermintem Gelände bewegt.
Erzählt wird die ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen dem 15-jährigen Michael Berg und der mehr als doppelt so alten Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz. Der Junge wird von der Frau aus unerfindlichen Gründen in die Geheimnisse der körperlichen Liebe eingeführt; dafür muss er ihr Literatur vorlesen: Homer, Cicero, Lessing und "Krieg und Frieden" im Tausch gegen Sex. Man sollte sich die Mühe machen, Schlinks schmalen Roman zur Hand zu nehmen, um die ganze Armseligkeit der Verfilmung zu erfassen. Im Roman erinnert sich ein Erwachsener an die erste große Liebe, verfügt dabei allerdings nur über die Erinnerungen des 15-Jährigen und dessen autobiografische Konstruktion von Identität. Das Handeln und die Motivation Hannas bleibt dabei mysteriös, ungleich mysteriöser als im Film, wo von "Machtspielen" unter den Liebenden keine Rede ist, nicht von strategischen Zurückweisungen und auch nicht von Ressentiments Hannas gegenüber einer Bildungsschicht, zu der ihr der Zugang nicht möglich war. Auch findet sich im Roman eine Episode, in der Hanna klar stellt, dass ihr "blödsinniger" Beruf weit unterhalb ihrer Träume liegt.
In solchen Frustrationen und Ressentiments könnten die Wurzeln eines autoritären Charakters liegen, wie ihn Theodor W. Adorno beschrieben hat. Fatal ist indes, dass die Perspektive eines sich erinnernden Ich-Erzählers im Film zugunsten einer objektivierenden Kamera aufgegeben wurde. Die moralisch-seelische Erschütterung des verliebten Jungen, als er erfährt, dass seine geheimnisvolle Liebe einer Täterin gilt, sattelt dem Film eine Portion unangemessenen Selbstmitleids auf. Aus dem erschütterten jungen Mann wird so ein erschütterter Film, der den Zuschauer zum Mitleid mit der vom Leben und von den Zeitläuften ungerecht behandelten NS-Täterin zwingen will. Dass das Nachwuchstalent David Kross Kate Winslet schauspielerisch nichts entgegen zu setzen hat, ist nur ein weiteres, aber durchaus konsequentes Problem dieser Verfilmung, die nie über ein geschmackvoll drapiertes Rührstück hinaus gelangt. Geradezu unerträglich ist die indiskutable Darstellerleistung von Ralph Fiennes, der sich als greinender Schmerzensmann, gewissermaßen als Hannas letztes Opfer, durch den Film schleppt. Indem der Film den Eindruck erweckt, er habe quasi exklusiv die moralische Dimension der NS-Verbrechen für sich entdeckt, die moralische Empörung aber auf eine Handvoll staubtrockener Spitzfindigkeiten im juristischen Seminar reduziert, wirkt die Adaption nicht nur selbstgefällig, sondern wie Kunsthandwerk, das auf dem Holocaust gründet.
Ist der in den 1950er-Jahren spielende Teil des Films wenigstens noch ein atmosphärisch dichter Erotikfilm, so gelingt es zu keinem Zeitpunkt, den Furor der Aufklärung in den 1960er-Jahren einzufangen. Hier wird nicht mit der Tätergeneration abgerechnet, sondern bloß dekorativ über die Legitimität des juristischen Diskurses disputiert. Aus dem Sexfilm wird ein uninteressanter Gerichtsfilm. Im dritten Teil geht es dann um Schuld und Sühne, wobei dieser Teil unter den Schwächen des zweiten Teils ächzt. Mag Hanna auch schuldig geworden sein, so hat sie doch aus Scham über ihren Analphabetismus den Kopf nicht aus der Schlinge gezogen, was vielleicht nur konsequent ist, da sich Hanna ihrerseits als Opfer der Umstände begreift. Ein Ausflug in ein Vernichtungslager, pittoresk gefilmt, hält die moralische Dimension im Schwange, liefert aber zugleich das entscheidende Bild für die Schlusspointe des Films. Beim Streifzug durchs KZ geht es auch an dem vorbei, was bleibt. Der Schmerz der großen Liebe beim wehmütigen Ralph Fiennes, die Schuhe der von den Nazis Ermordeten als Memento mori. Als Hanna dann am Tag ihrer Entlassung Selbstmord begeht, zieht auch sie in Großaufnahme ihre Schuhe aus. Freiwillig, aber immerhin. So, als habe es den Historikerstreit nie gegeben, werden hier Dinge in Beziehung gesetzt, vielleicht sogar verglichen. An diesem (empörenden) Punkt ist der Film wieder kreativ: eine vergleichbare Stelle gibt es im Roman nicht. Ähnliches gilt auch für die Schlussszene in New York. Geht es im Roman um die Verweigerung der Absolution Hannas durch eine Überlebende in New York, so erlaubt sich der Film hier eine letzte Ausstattungsorgie, die großzügige Räume voller Kultur und moderner Kunst zeigen. Während Hanna in ihrer kargen Zelle büßte und notdürftig ihre letzten Groschen sparte, um so auf ihre Weise ein Opfer exemplarisch zu entschädigen, lebt die Jüdin bereits wieder in Umständen, die Hannas Almosen nicht brauchen.
Ist das nur polemisch oder schon ein antisemitisches Ressentiment? Zu dieser Pointe passt der bedeutungsschwanger exponierte, aber gleichzeitig extrem oberflächlich verhandelte Analphabetismus der Protagonistin, der anekdotisch bleibt, obschon sich hier entscheidende Fragen stellen: Was hat Hannas bildungsferne Unfähigkeit zu lesen mit der Amoralität ihres pragmatischen Handelns zu schaffen? Warum fehlt ihr die Fähigkeit, über den Moment hinaus intellektuell zu abstrahieren? Solche zentralen Fragen beantwortet der Film nicht, er stellt sie nicht einmal. Dass die NS-Täter eher in der Klasse von Michaels Vater zu suchen sind und nicht bei den lese- und schreibunkundigen Straßenbahnschaffnerinnen, sollte inzwischen auch bis nach Hollywood durchgedrungen sein. Ulrich Kriest/Filmdienst
Quelle: Filmdienst