Die Frage, ob die katholische Kirche mit den Nationalsozialisten gemeinsame Sache gemacht hat, brennt vielen Zeitgenossen immer noch unter den Nägeln. Als Papst Johannes Paul II. 2003 Aktenbestände aus der Zeit Pius XI. für die Forschung freigab, bot sich den Historikern endlich die Möglichkeit, die Innenansicht der Auseinandersetzung zwischen dem Vatikan und den Nationalsozialisten zu untersuchen. Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat seine Erkenntnisse unter dem Titel "Papst & Teufel. Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich" zusammengefasst. Gerhard Hartmann hat das Buch für den Borromäusverein rezensiert.
Spezial-Rezension
Der Münsteraner Theologe Hubert Wolf ist einer der bekanntesten Kirchenhistoriker. Er forscht seit 2003 im Vatikanischen Archiv, nachdem die Akten für die Zeit Pius’ XI. freigegebenen wurden. Wolf hat in den letzten Jahren in der „Frankfurter Allgemeinen“ und in wissenschaftlichen Zeitschriften mehrmals über seine Arbeit berichtet. In seinem Buch „Papst & Teufel“ fasst er die bisherigen Ergebnisse für eine breite Öffentlichkeit zusammen.
Mit der Titelformulierung „Papst & Teufel“ wird die Spannung angedeutet, in der der Heilige Stuhl in seinem Verhältnis zu totalitären Regimes steht. Oder anders ausgedrückt: Haben sich oberste kirchliche Organe von verantwortungsethischen oder gesinnungsethischen Maximen leiten zu lassen? Obwohl Hubert Wolf bei der Bewertung von Pius XII. als Nuntius in Deutschland, als Kardinalstaatssekretär und als Papst eher vom verantwortungsethischen Ansatz ausgeht, geht er auch auf die Frage der moralischen Verantwortung in dieser Zeit ein.
Seit Rolf Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“ (1963) und Daniel Goldhagens Einlassungen gegen Papst und Kirche bezüglich Juden (2002) befindet sich die katholische Kirche in einer rechtfertigenden Abwehr. Dass Vorwürfe gegen sie in vielen Fällen zu Unrecht erhoben wurden, konnten die von Hubert Wolf aufgefundenen Akten beweisen. Sie zeigen, wie man in Rom gerungen hat, mit dem Nationalsozialismus in richtiger und vor allem ergebnisorientierter Form umzugehen.
Das Buch ist in fünf Großkapitel eingeteilt. Das erste beschreibt, wie Pacelli als Nuntius in Deutschland gegenüber der Ortskirche und den Bischöfen den römischen Zentralismus durchzusetzen versuchte. Das zweite Kapitel behandelt einen Streit im Vatikan über den Antisemitismus im Jahr 1928, der auch die wiederum gegenwärtig aktuell gewordene Frage der Karfreitagsfürbitte tangiert. Das dritte Kapitel behandelt das Reichskonkordat sowie das damalige (1933) Einschwenken der Bischöfe gegenüber dem Nationalsozialismus. Hubert Wolf berichtet dabei, dass sich ein Konnex zwischen der Zustimmung der Zentrumspartei zum Ermächtigungsgesetz und dem Reichskonkordat aus den Akten nicht nachweisen lässt. Das vierte und fünfte Kapitel behandeln die möglichen und auch erfolgten Stellungnahmen gegen den Nationalsozialismus sowie u. a. auch die neu zu bewertende Rolle des Rektors der Anima, Bischof Alois Hudal.
Hubert Wolfs Buch ist ein wichtiger Beitrag in der scheinbar nie enden wollenden Diskussion um die Rolle der katholischen Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus. (Gerhard Hartmann)