24.02.2012

Spurensuche

Wer sind sie, die Helden der Nachhaltigkeit? Was müssen die Figuren in den Geschichten heute tun, um die Welt zu retten? Kann man angesichts der überall herrschenden Unübersichtlichkeit der Verhältnisse überhaupt noch handeln, literarisch oder real? Welche Impulse gibt ein christlicher Schöpfungsglaube? Und kann so ein sachliches und eher abstraktes Thema überhaupt spannend aufbereitet werden und literarisch ankommen? [mehr]

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Eine Frau und ein Mann begegnen sich in einem Wellnesshotel. Sie möchte ein neues Videoprojekt realisieren, er sucht nach einem Weg aus der Schreibblockade. Beide haben unruhige Zeiten und manches Unbearbeitete und Nichtverdaute im Lebensgepäck. Durch wechselseitiges Beäugen, Begleiten in Gedanken ... weiter

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Der islamische und der historische Mohammed

Werner Trutwin über zwei Bücher von Tilman Nagel, die Maßstäbe setzen

Im vergangenen Jahr hat der Göttinger Islamwissenschaftler und Orientalist Tilman Nagel zwei Bücher herausgebracht, die Maßstäbe setzen für die Erforschung des Lebens und Wirkens von Mohammed und der Entstehung des Islam: "Mohammed. Leben und Legende" und "Allahs Liebling". Werner Trutwin hat die beiden Bücher für den Borromäusverein besprochen und erklärt auch, warum diese fachwissenschaftlichen Werke auch für Laien von Interesse sein können.

 

Spezial-Rezension von Werner Trutwin

Mohammed in der Diskussion
Kaum einer jener Großen, die man etwas misslich als "Religionsstifter" bezeichnet, steht gegenwärtig so sehr im Blick der Öffentlichkeit wie Mohammed (569-632). Er ist aus mehreren Gründen von höchster Aktualität. Der sogenannten Karikaturenstreit, den dänischen Zeitungen mit beleidigenden Zeichnungen über Mohammed auslösten, hat zu heftigsten und auch gewaltsamen Protesten in der islamischen Welt und zu Diskussionen über die Pressefreiheit in der westlichen Welt geführt.

Die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. (2006) mit einigen missverständlichen Formulierungen über Mohammed, die der Papst später selber zurechtrückte, wurde von 38 muslimischen Religionsführern sachlich kritisiert und mit einem Angebot zu einem Dialog (2006) beantwortet, der im Herbst 2008 in Rom offiziell in Gang gekommen ist. Man kann nur hoffen, dass er der Anfang eines Weges ist, der zu einem entspannteren Verhältnis zwischen Christentum und Islam führt. Dabei braucht man sich keine Illusionen über die historischen, psychologischen, politischen und theologischen Schwierigkeiten zu machen, die auf den christlich-islamischen Dialog zukommen.

Viele terroristische Aktionen von Muslimen, die seit zehn Jahren überall in der Welt für Unruhe und Angst gesorgt, aber auch militärische Aktionen ausgelöst haben, werfen die Frage auf, wie weit sich diese Täter zu recht oder zu Unrecht auf Mohammed berufen.

In den vergangenen Jahren sind einige Publikationen erschienen, die mit viel publizistischem Wirbel die historische Existenz Mohammeds infrage stellen, wie sie bislang von Muslimen und Nichtmuslimen gesehen wurde. Verfechter dieser ungewohnten Positionen, die sich auf ältere Vorarbeiten etwa von Günter Lüling und John Edward Wansbrough berufen können, sind vor allem Christoph Luxenberg (Pseudonym aus Angst vor Repressalien) und Karl-Heinz Ohlig. Luxenberg meint, der Koran beruhe ursprünglich auf einer syrisch-aramäischen christlichen Textvorlage und sei in seiner endgültigen Fassung keineswegs so früh zu datieren, wie man bisher glaubt. Ohlig knüpft daran an und kommt zu der Ansicht, dass Mohammed selber keine historische Gestalt, sondern eine Konstruktion späterer Zeiten sei. Wo das Wort "muhammad" in der frühen Zeit erwähnt werde, sei es nicht als Name zu verstehen, sondern als Partizip mit "gepriesen" oder "auserwählt" zu übersetzen und auf den im Kontext erwähnten "gepriesenen" Gesandten Gottes, d. h. auf Jesus, zu beziehen. So sei es ursprünglich auch im Koran. Die Deutung auf den Propheten gleichen Namens sei erst um 800, also ca. 170-200 Jahre nach der traditionell angenommenen Lebenszeit Mohammeds erfolgt, um dem Islam eine starke Identifikationsfigur zu geben. Konsequenterweise habe es auch nie eine Hidschra gegeben, die Auswanderung Mohammeds nach Medina, mit der die islamische Zeitrechnung beginnt. Diese Ansichten sind nicht nur von Muslimen empört zurückgewiesen, sondern auch von den meisten seriösen Islamforschern als abwegig bezeichnet worden. Vor allem bei Ohlig vermissen sie die elementarste Kenntnis der alten arabischen Quellen. Dabei ist klar: Wenn sich diese Behauptungen als richtig erweisen sollten, müssten sie für den Islam ruinös sein.

Ein Jahrhundertwerk
In dieser Situation sind schon mehrere wichtige Bücher über Mohammed erschienen. Deren Bedeutung wird noch weit übertroffen durch die lange erwarteten Neuerscheinungen von Tilman Nagel (Göttingen), einem der führenden deutschen Islamwissenschaftler und Orientalisten. Schon seine bisherigen Bücher zum Koran und zur Geschichte, Theologie, Kultur und Welt des Islam zählen zu den Standardwerken. Aber seine beiden neuesten, zusammen an die 1500 Seiten zählenden Bücher "Mohammed - Leben und Legende" und "Allahs Liebling" dürften seine bislang wichtigsten Arbeiten sein und den Höhepunkt seiner lebenslangen Beschäftigung mit Mohammed und der Mohammed-Forschung bilden. Sie stellen den groß angelegten Versuch dar, den Propheten neu aus der Geschichte zu verstehen, ihn aus seiner religiösen Umklammerung zu befreien und dessen von zahlreichen Legenden überstrahltes, von dogmatischen Vorgaben geformtes Bild durch eine sachgemäße historisch-kritische Darstellung zu ersetzen.

Zugleich zeigt Nagel wie die muslimischen Auffassungen von Mohammed im Laufe der Zeit entstanden, wie sie sich weiter entwickelten und was sie bewirkten. Daraus ergeben sich für heute wichtige Erkenntnisse. Er schreibt: "Hier wird das Material greifbar, aus dem auch bei uns, oft in kruder Aktualisierung, Woche für Woche die Freitagspredigten zusammengestellt werden: Dank ihrem Glauben an Mohammed, den vor allen übrigen Geschöpfen ausgezeichneten Propheten, bilden die Muslime die beste Gemeinschaft, die Allah je stiftete, und kommt ihnen die Herrschaft über die Erde zu. Solche Vorstellungen sind nicht etwa Zeugnisse eines islamistischen Radikalismus, sie prägen vielmehr das Welt- und Selbstverständnis der erdrückenden Mehrzahl traditionsverwurzelter Muslime und sind daher von kaum zu überschätzendem politischen und gesellschaftlichen Gewicht." ("Allahs Liebling", S. 13 f.).

Der Mohammed der Historiker
Nagels Mohammed ist nicht mehr der Mohammed des religiösen Islam, sondern der Mohammed der kritischen Historiker. Viele Vorstellungen von wunderbaren Ereignissen und erstaunlichen Worten werden hier historisch erklärt und zugleich theologisch entmythologisiert. Dabei steht Nagel vor dem Problem, dass die vorhandenen ältesten Quellen - (1) der Koran, (2) die Hadithe mit überlieferten Worten und Taten Mohammeds sowie (3) die älteste Lebensbeschreibung Mohammeds von Ibn Ishaq (704-767) in einer späteren Bearbeitung - keine kritische Mohammedbiographie erlauben. Trotzdem kann Nagel aus seiner stupenden Kenntnis unzähliger arabischer Quellen, von denen viele bislang bei uns nicht bekannt waren, genügend Bausteine für eine Mohammedbiographie herausdestillieren. Dabei ergibt sich für ihn zweifelsfrei, dass die Historizität Mohammeds nicht zu leugnen ist, aber sein Bild als "Allahs Liebling" in seiner Entstehung und Wirkung weithin aus der Geschichte erklärbar ist.

Nagel entwirft in seinem ersten Band ein facettenreiches Bild von Mohammed und seiner Zeit, das von der Vorgeschichte der arabischen Halbinsel über seinen Tod hinaus bis in die letzten Jahre des siebten Jahrhunderts reicht, in dem die Überlieferung über den Propheten in historischen und legendären Texten entstand. Mohammeds Lebensweg wird in die große politische Geschichte des byzantinischen Reiches und der persischen Sassaniden ebenso eingeordnet wie in die für uns kaum durchschaubaren Familiengeschichten in Mekka und auf der arabischen Halbinsel. Nicht wenige herkömmliche Auffassungen werden dabei korrigiert. So ergibt sich, dass der Bericht von der Berufung Mohammeds und von der ersten Offenbarung Allahs (Sure 96) nicht ursprünglich ist, sondern eine komplizierte Entstehungsgeschichte hat. Allahs Offenbarungen sind für Nagel Mohammeds "Alter Ego". Auch bezweifelt er, dass Mohammed in Mekka ein eher duldender Prophet war und erst in Medina zum politischen Staatsmann wurde. Die Hidschra ist nun kein Wendepunkt mehr in seinem Leben. Mohammeds große Erfolge macht Nagel nicht mit der Lenkung Gottes, sondern mit den politischen Konstellationen der Zeit verständlich. Insgesamt fällt auf manches Dunkel der Mohammedzeit ein neues Licht.

Idealisierung zur Lichtgestalt
Im zweiten Band wird diese Entwicklung bis in der Gegenwart fortgeführt. Nagel zeigt, wie etwa 20 Jahre nach Mohammeds Tod die religiöse Verklärung Mohammeds einsetzt, die das Mohammedbild schafft, mit dem der Islam so erfolgreich wurde: ein heiliger Prophet, der das vollkommene Vorbild für die Muslime ist: Allahs Liebling. Schon bald werfen die Gelehrten dem historischen Mohammed den Schleier des Übernatürlichen über und definieren den Mohammedglauben. Hier findet der Mohammed des Islam sozusagen sein zweites Leben, in dem er zum Vorbild und zur Norm aller Muslime wird. Er gilt nun als der einzigartige Vermittler der Gebote Gottes und als unvergleichbarer Prophet, eine Lichtgestalt, die manchmal selbst den Glanz Allahs verblassen lässt. Seine Raubzüge, Kriege oder die blutige Verfolgung der Juden in Medina werden nicht kritisiert, sondern idealisiert. Für Muslime ist dieses Mohammedbild "historische" Wahrheit. Der geringste Zweifel daran ist höchst verwerflich und rechtfertigt auch harte Strafen.

Es wird bei Nagel deutlich, dass die biblische und rabbinische Vorstellung von einem Propheten anders ist als die arabische. Er nennt ihn deshalb einen "heidnischen" Propheten. Auch unterscheiden sich der christliche und jüdische Monotheismus deutlich von den entsprechenden Vorstellungen Mohammeds und des Islam. Den islamischen Monotheismus führt er mehr auf eine arabische Vorform zurück als auf die jüdische oder christliche Bibel.

Zusätzlich zu der detailreichen Biographie und den historischen Details bieten beide Bücher einen minutiösen Überblick über den Stand der Forschung, genealogische Tafeln, Zeittafeln und hilfreiche Indizes zu Sachen, Personen, arabischen Begriffen und Koranstellen, die es dem Leser leicht machen, sich auch über Einzelfragen rasch zu orientieren.

Gewiss werden die Bücher wegen ihrer vielen für den Laien schwer verständlichen Details und auch wegen ihres hohen Preises nicht zu weit verbreiteten Bestsellern werden. Aber sie werden in der Fachwelt neue Maßstäbe setzen. Für lange Zeit wird kein Mohammedbiograph auf eine Auseinandersetzung mit diesem Jahrhundertwerk verzichten können.

Man darf gespannt sein, wie islamische Gelehrte darauf reagieren. Wahrscheinlich werden sie als unglückliches Produkt des ungläubigen Westens entweder ignoriert oder bekämpft.

Als Christ wird man bei der Lektüre an die Leben-Jesu-Forschung erinnert, die vor allem im 19. und 20. Jahrhundert gewaltiges Aufsehen erregte und viele alte Glaubensvorstellungen in Frage stellte. Die unvorbereiteten Christen mussten erst mühsam lernen, die Spreu vom Weizen zu unterscheiden und die neu gewonnenen Erkenntnisse in ihren Glauben zu integrieren. Das ging nicht ohne Schmerzen und Verwerfungen. Für heute wünschte man sich ein Jesusbuch von eben diesem Niveau, das die Ergebnisse der neueren Jesusforschung übersichtlich bündelt, die Quellen kritisch betrachtet, unhaltbare Behauptungen über Jesus von gesicherten Erkenntnissen unterscheidet und so zu einer verlässlichen historischen Gesamtsicht Jesu führt, die zugleich neu theologisch zu reflektieren wäre.

Zu wünschen ist, dass Tilman Nagel für den interessierten Laien eine preisgünstige Kurzfassung dieses wichtigen Buches schreibt. (Werner Trutwin)

Foto: privat

Der Rezensent

Werner Trutwin ist seit Mitte der sechziger Jahre Rezensent des Borromäusvereins und engagierte sich darüber hinaus als Referent und Autor von Jahresgaben. Geboren 1929 in Essen, studierte er katholische Theologie, Philosophie, klassische Philologie, Religionswissenschaft und Kunstgeschichte. Bis 1992 leitete er das Heinrich-Hertz-Gymnasium in Bad Godesberg.

Als Herausgeber und Autor mehrerer Schulbuchwerke und Textausgaben für den Religions- und Philosophieunterricht hat er sich einen Namen gemacht. Er engagiert sich im jüdisch-christlichen Dialog im Arbeitskreis “Juden und Christen” beim Zentralkomitee der Deutschen Katholiken und ist auch als Autor der Zeitschrift “Christ in der Gegenwart” bekannt. Am 30. Januar 2009 erhielt er die Ehrendoktorwürde der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Die besprochenen Bücher[mehr]

Mohammed, Leben und Legende

von Tilman Nagel
OLDENBOURG(2008)
Hardcover
ISBN-10: 3486585347 ISBN-13: 9783486585346 MedienNr.: 562153 178.00 €

Allahs Liebling

von Tilman Nagel
OLDENBOURG(2008)
Hardcover
Ursprung und Erscheinungsformen des Mohammedglaubens ISBN-10: 3486585355 ISBN-13: 9783486585353 MedienNr.: 562154 79.80 €
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