Ein Blick zurück
Am Anfang der „Nuller" stand eine große Feier zur Begrüßung des Jahres 2000. Der gefürchtete „Millenium-Bug" war im Griff, die Computerbranche atmete auf - zumindest bis die „Dotcom-Blase" des Neuen Marktes platzte und mit dem Börsencrash von 2002 viele Unternehmen der so genannten Zukunftsbranchen (IT, Multimedia, Biotechnologie, Telekommunikation) in die Insolvenz stürzte.
Das war jedoch bereits nach dem prägenden Ereignis des Jahrzehnts, das eine bedeutende Zäsur darstellte: Die Terroranschläge vom 11. September 2001 stellten das „Alles ist möglich"-Gefühl der 90er Jahre und den geopolitischen Egozentrismus des Westens jäh in Frage. Insbesondere die USA erstarrten - und schlugen dann heftig zurück. Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen" stand plötzlich vor der Tür, statt dass die globalisierte Welt zu einem harmonischen Ganzen zusammenwuchs. Die Bush-Ära begann mit einem erbitterten Kampf gegen „Die Achse des Bösen". Verunsicherung, Angst, Erstarrung dominierte die Politik der westlichen Welt; der Kapitalismus war als Ersatzideologie gescheitert.
Die Welt, wie wir sie kannten, hat sich verändert. Strenge Flugkontrollen, Video- und Computerüberwachung im Inland. Europa erhielt eine neue Währung. Die Concorde trat ihren letzten Flug an und der letzte VW-Käfer rollte vom Fließband in Brasilien. Barbie und Ken trennten sich ein Jahr bevor Prinz Charles 2005 seine Geliebte Camilla Parker-Bowles heiratete. In Berlin wurde Angela Merkel als erste Bundeskanzlerin, in Rom Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt. Formel-1-König Michael Schumacher hörte als aktiver Fahrer bei Ferrari auf und Hartz IV wurde eingeführt. 2008 trat Fidel Castro in Cuba zurück und Barak Obama brachte Hoffnung zurück in die Regierung der USA, die gerade von der schweren Finanzkrise, ausgelöst durch Spekulationen mit Hypothekenschulden, gebeutelt war. Weltweit mussten Regierungen mit Milliardenkrediten systemstabilisierend eingreifen.
Die erste Dekade war auch ein Jahrzehnt der (Umwelt-)Katastrophen und Unglücke. Erdbeben, Terroranschläge und immer wieder Kriege zerstör(t)en unzählige Menschenleben und unersetzliche Kulturgüter. Ortsnahmen wurden Synonyme für Unglücke und Verbrechen (Kaprun, Beslan, Amstetten). Konstant blieb die Sorge um den Klimawandel, der inzwischen von keinem seriösen Wissenschaftler mehr angezweifelt wird. Die Politik traf vereinzelte Maßnahmen, ein weltweit bindendes und wirksames Abkommen steht jedoch weiterhin aus. Die veränderten Umweltbedingungen treffen zuerst die Armen (vgl. medienprofile-Schwerpunkte Klimawandel und Flüchtlinge).
Verunsicherung
Angesichts dieser Aufzählung ist es kaum verwunderlich, dass die Menschen nach Sicherheit und Vertrautheit suchen, sich auf Familienwerte besinnen und sich nach spiritueller und/oder religiöser Orientierung sehnen. Bei Großveranstaltungen wie dem Weltjugendtag 2005 oder der Fußball-WM 2006 wird eine Gemeinschaft gelebt, die im hektischen Alltag immer mehr untergeht.
Die Menschen rückten auch virtuell zusammen. Das Handy ist nicht mehr ein Arbeitsinstrument, sondern für viele stetiger und multifunktionaler Begleiter geworden. Aktuelle Befindlichkeitserklärungen und Bilder werden in Sekundenschnelle über soziale Netzwerke mit der Welt geteilt. Internetnutzer sind nicht mehr seltsame Spinner wie noch in den 90er Jahren; bald wird schräg angeschaut, wer nicht in einem sozialen Netzwerk dabei ist und seine Beliebtheit anhand von „Followers", Facebook-Freunden oder Google-Treffern belegen kann. Gemeinschaftsprojekte wie die Enzyklopädie Wikipedia zeigen, wie die „Schwarmintelligenz" genutzt werden kann. Kehrseite der Medaille ist die Schwierigkeit, Brauchbares in der Flut an Informationen zu finden, oder die Datenspuren, die die Menschen im Netz hinterlassenen und sie zunehmend gläsern machen. Das Lebensgefühl, das sich in den letzten Jahren eingestellt hat, lässt sich vielleicht so umschreiben: Genieße dein Leben, aber fürchte die Zukunft.
Was die Deutschen in dieser Dekade sonst noch bewegte, lässt sich gut an den Worten und Unworten des Jahres ablesen.
Buchmarkttrends: Fantasy, historische Romane, Religion
Natürlich schlugen sich die skizzierten Ereignisse und Entwicklungen auch auf dem Buchmarkt nieder. Drei Trends vor allem lassen sich mit der tief greifenden Verunsicherung in diesem Jahrzehnt in Verbindung bringen: im Bereich der Belletristik der Fantasy-Trend und der Boom der historischen Romane und im Sachbuchbereich das neu erwachte Interesse an der Religion.
Der Fantasy-Trend begann schon vor der Jahrtausendwende mit der Harry-Potter-Manie. Die Bücher von Joan K. Rowling waren in den Jahresbestsellerlisten der letzten Jahre regelmäßig unter den ersten zehn der meist verkauften Titel des Jahres zu finden. 2003 kam der erste Band der Tintenwelt-Trilogie aus der Feder von Cornelia Funke dazu, der dritte Band der Reihe, „Tintentod", schaffte es 2007 auf Platz 4 der Jahresbestsellerliste. Der erste Band der Bis(s)-Serie von Stephenie Meyer landete 2006 auf den Bestsellerlisten. Der Erfolg dieser Serie führte zu einem bislang ungebrochenen Boom an Vampir-Literatur. Näheres erfahren Sie in unserem Vampir-Schwerpunkt.
Dieser Erfolg wurzelt zu einem nicht unerheblichen Teil in den Phantasiewelten, die die Autorinnen beschreiben. Diese Welten sind der realen Welt zwar sehr ähnlich, aber sie sind phantastisch genug, um sich in diese Welten hinein zu träumen, in denen es Helden gibt, die erfolgreich gegen das Böse kämpfen - und so den Alltag für eine begrenzte Zeit hinter sich lassen zu können. Diese zweckfreie, nur dem eigenen Glück dienende Lektüre hat ihr eigenes Recht.
Ein weiteres Phänomen trägt ebenfalls zu ihrem Erfolg bei: Alle drei sind als Kinder- bzw. Jugendbücher gestartet, aber im Laufe ihrer Erfolgsgeschichte zu Büchern geworden, die von Jung und Alt gelesen werden. Süffisant und etwas von oben herab urteilt „Der Spiegel" (50/2009): „Man zieht sich zurück in eine infantile Welt, in der herzige Helden das Böse besiegen. Das moderne Märchen ist die Antwort auf eine ruppige Welt." Man kann es auch etwas positiver ausdrücken: Die Fantasy-Literatur bietet eine offensichtlich willkommenen Gegenpol zur als unbehaglich empfundenen Welt, die vielen Menschen Entspannung und gute Unterhaltung bietet.
Einen solchen Gegenpol bilden auch die in den letzten Jahren massenhaft erscheinenden historischen Romane. Mal trivial, mal gehaltvoll, mal sorgfältig recherchiert, mal oberflächlich und vor Anachronismen strotzend entführen sie meistens in die Welt des Mittelalters. Im Vergleich zur Gegenwart erscheint diese Zeit klar strukturiert und übersichtlich. Und wie bei den Fantasy-Romanen sind Gut und Böse klar voneinander abgegrenzt, letztlich siegt das und der, oftmals auch die Gute. Erfolgreich waren Titel wie „Die Tore der Welt" von Ken Follett oder Daniel Kehlmanns Welterfolg „Die Vermessung der Welt", der 2006 das meist verkaufte Buch war und sich auch 2005 und 2007 unter den ersten zehn Titeln der Jahresbestseller fand.
Natürlich bestand die Belletristik der ersten Dekade nicht nur aus Fantasy- und Historischen Romanen. Sowohl der Blick auf die Jahresbestsellerlisten als auch der Blick auf die 380 „Punktbücher", die in unserer Zeitschrift Buchprofile (seit der Mai-Ausgabe 2009 „medienprofile") besonders empfohlen worden sind, zeugt von einer großen Vielfalt an Genres, Stilen und Themen, der man kaum mit einer wie auch immer gearteten Auswahl für den oder die Romane des Jahrzehnts gerecht würde. Wenn auch eine Auswahl nach objektiven Kriterien kaum sinnvoll scheint, so ist natürlich eine subjektive Wahl immer möglich. In der Randspalte finden Sie einen Aufruf, uns Ihren Roman des Jahrzehnts zu nennen. Wir freuen uns, wenn Sie sich beteiligen!
Das neue Interesse an Religion
Als am 11. September 2001 die beiden Flugzeuge in die Türme des World-Trade-Centers krachten, wurde der Welt auf dramatische Weise bewusst, dass Religion keineswegs ein müde zu belächelndes Relikt vergangener Zeiten ist, sondern handfeste politische Auswirkungen und in seiner fundamentalistischen Ausprägung erhebliches Gewaltpotential haben kann. So ist das neu erwachte Interesse an Religion auch eine Folge des 11. Septembers.
Doch war es nicht nur die dunkle Seite der Religion, die das Interesse an ihr weckte. Ihre faszinierende Seite wurde beispielsweise am öffentlichen Sterben von Papst Johannes Paul II. sichtbar. Seine Beerdigung und die einige Wochen später abgehaltene Papstwahl waren ein weltweites Medienereignis. Der sonst äußerst papst- und kirchenkritische „Spiegel" brachte ein Sonderheft zum Tod Johannes Pauls II. und würdigte ihn als „Epochenfigur" und „Jahrtausend-Papst".
Die Wahl des deutschen Kardinals Joseph Ratzinger zum Papst („Wir sind Papst", wie die Bild-Zeitung titelte) führte für einen Sturzbach an Publikationen. Die Benedetto-Begeisterung ging so weit, dass sein hochtheologisches Buch über Jesus auf den Sachbuchbestsellerlisten landete.
Doch das Interesse an Religion beschränkte sich nicht auf das Papsttum, wie Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg" über seine spirituellen Erfahrungen auf dem Jakobsweg und die ausufernde Pilgerliteratur in seinem Kielwasser. Den Erfolg dieses Buches kann man nicht mehr allein auf Kerkelings Popularität als Komiker zurückführen. Wenn auch mancher Theologe kritisch auf Kerkelings Patchwork-Spiritualität hinwies, so fühlen sich doch offensichtlich viele Menschen von dieser Art Spiritualität angesprochen. Auch das Klosterleben und die Ordenleute faszinieren eine Menge Menschen, wie das anhaltende Interesse an Klosterführern, Lebensratgebern von Ordensleuten und Einblicken in das Klosterleben zeigen. Die Biografie von der ehemaligen Ordensfrau Veronika Peters „Was in zwei Koffer passt" wurde 2007 zum Bestseller.
Die Atheisten spielen nicht mit
Auf das neu erwachte Interesse an Religion reagierten Atheisten mit bisher nicht gekannter Schärfe und medialer Lautstärke. Sie prangern vor allem die zahlreichen Fehlformen und Fehlentwicklungen der Religionen an, warnen vor ihrem angeblichen Gewaltpotential und stellen ihren Rang als öffentliche Institutionen in Frage. Richard Dawkins scharfe Polemik „Gotteswahn" gegen jegliche Religion wurde zum Bestseller. Für den Erfolg solcher Polemiken spielte die Tatsache, dass sie weniger auf philosophischer Reflektion, als vielmehr auf Vorurteilen und einer radikal naturwissenschaftlich geprägten Weltsicht beruhten, keine Rolle.
Die atheistische Kritik am Christentum und an Religion überhaupt sorgte für eine Welle von christlichen Verteidigungsschriften, teils ebenso polemisch, teils nüchtern argumentierend. Auch wenn die Debatte recht fruchtlos erscheint, weil beide Seiten logischerweise auf ihrer Position beharren, hat sie doch zur Folge, dass öffentlich über das Christentum und das Phänomen Religion debattiert wird. Folgerichtig bedankte sich designierte Essener Bischof Franz-Josef Overbeck in einer Talkshow bei einem der Initiator der atheistischen Buskampagne in Deutschland für die kostenlose Werbung. Die Debatte hat aber auch gezeigt, wie schwierig es ist, in unserer säkularen, naturwissenschaftlich-technisch-ökonomisch geprägten Gesellschaft Glauben, ja Religion überhaupt zu begründen. Die naturwissenschaftliche Entzauberung unserer Welt ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass Argumente, die auf eine Wirklichkeit jenseits des Mess- und Erfahrbaren zielen, in Teilen der Gesellschaft nicht mehr als nachvollziehbar oder gar vernünftig angesehen werden.
Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts neigt sich dem Ende entgegen. Wie ist die Bilanz? Nicht nur das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel" bezeichnet es als „verlorenes Jahrzehnt". Trifft das zu? Zugegeben, die großen Probleme des Jahrzehnts, wie der internationale Terrorismus und der Klimawandel, sind noch nicht gelöst. Das Bewusstsein, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher, breitet sich mehr und mehr aus. Die Welt löst sich langsam, aber sicher aus der Erstarrung nach dem 11. September, Lösungsansätze werden diskutiert. Ob das Jahrzehnt wirklich „verloren" ist, muss sich erst noch zeigen.