Der Papst hat zur Judenverfolgung geschwiegen. Seit Rolf Hochhuth 1963 diesen Vorwurf in seinem Drama "Der Stellvertreter" erhoben hat, ist er nicht mehr verstummt. Der Theologe Klaus Kühlwein hat sich eingehend mit den seit 2003 zugänglichen Dokumenten aus der Zeit Pius XII. beschäftigt und beschreibt, was der Papst wusste und warum er sich größte Zurückhaltung in seinen Äußerungen auferlegte. Der Kirchenhistoriker Gerhard Hartmann hat Kühlweins Buch für den Borromäusverein besprochen.
Spezial-Rezension
Klaus Kühlweins Buch "Warum der Papst schwieg" ist der interessante Versuch, wissenschaftliche Fundierung mit einem für breite Leserkreise ansprechenden Stil zu vereinen. Dies ist im Großen und Ganzen gelungen. Und damit leistet dieses Buch einen wichtigen Beitrag, das durch Veröffentlichungen wie u. a. von Rolf Hochhuth ("Der Stellvertreter", 1963) und Daniel Goldhagen ("Die katholische Kirche und der Holocaust", 2002) entstandene "schiefe Licht" auf Papst Pius XII. wieder gerade zu rücken. Infolge dieser und noch anderer Publikationen sind Vorurteile von einer derartigen Beharrlichkeit entstanden, so dass man nicht genug darauf hinweisen kann, in welch schwieriger Entscheidungssituation Pius XII. in diesen Jahren gestanden hat.
Der "dramaturgische" Einstieg dieses Buches wiederholt jene legendenhafte Erzählung, als Petrus vor Nero aus Rom fliehen wollte, jedoch Jesus dabei begegnete. Auf die Frage "Quo vadis" antworte dieser: "Nach Rom, um das Evangelium zum zweiten Mal zu verkünden." Jetzt steht Pius XII. am Himmelstor und begehrt Einlass, Jesus kommt heraus und schickt sich an, mit denselben Worten wie vor 1900 Jahren nach Rom herabzusteigen.
Hat also Pius XII. zu Unrecht geschwiegen? Das wäre zu einfach geurteilt. Am Schluss des Buches wird dieses Motiv wieder aufgenommen und zu einem scheinbar befriedigenden Ende gebracht. Abgesehen von diesem Einstieg beginnt das Buch mit jenem Oktobertag des Jahres 1943, als in dem von den Deutschen besetzten Rom die Juden nach Auschwitz deportiert wurden. Und das gleichsam "vor den Augen des Papstes". Danach wird der Leser über den Lebenslauf Pius' XII., dessen Tätigkeit als Diplomat in Deutschland und als Kardinalstaatssekretär informiert. Dann werden Fragen wie das Reichskonkordat oder die Enzyklika "Mit brennende Sorge" behandelt, danach der Beginn des Pontifikats ab 1939.
Eingehend beschäftigt sich der Autor mit dem Ringen des Papstes, wie er sich in der Judenfrage hätte verhalten sollen. Dabei beschreitet er einen sehr differenzierten Weg zwischen einem verantwortungsethischen und einem gesinnungsethischen Ansatz, was auch das Reizvolle an dieser Darstellung ist.
Der von dem Autor eingeschlagene Weg der Darstellung ist derart positiv zu werten, dass Kritikpunkte, die mehr im Bereich wissenschaftlicher Rezeption liegen, durchaus zurücktreten können. Auch wenn es zu dieser speziellen Situation des Pius-Pontifikats nicht genug Veröffentlichungen in diesem Sinn geben kann, so besteht auch weiterhin der dringende Wunsch, die Amtsführung dieses absolutistisch herrschenden Papstes kritisch zu beleuchten, der die katholische Kirche noch stärker als seine Vorgänger auf Rom ausrichtete. (Gerhard Hartmann)