China ist als Gastland der Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr nicht unumstritten. Kritiker des Gastlandauftritts befürchten, dass die gebotene Höflichkeit gegenüber dem Gast und die Maschinerie des Buchmessebetriebs alle kritischen Themen überdeckt und ein zu freundliches Bild von China entstehen lässt. Wir sprachen mit Wolfgang Kubin, Experte für chinesische Literatur an der Universität Bonn, über Sinn und Unsinn des Buchmesseauftritts, das China-Bild des Westens und - natürlich - über chinesische Literatur.
„Gute Literatur machen nur die Dichter“
Der China-Experte Wolfgang Kubin im Gespräch mit medienprofile.de
medienprofile.de (mp): Zwischen China und der westlichen Welt gibt es eine Menge Konfliktthemen: Menschenrechte, Demokratie, Minderheiten… Warum ist es trotzdem sinnvoll, China auf die Buchmesse einzuladen und damit diesem Land auch eine Bühne zu bieten?
Wolfgang Kubin (WK): Es werden sich weniger die kommunistischen Kader vorstellen als vielmehr die Autoren. Die Autoren dürfen wir nicht mit der Regierung, der Partei oder dem Staat gleichsetzen. Die Autoren, selbst wenn sie in der Partei sein sollten, haben ihren eigenen Kopf. Natürlich wird unter den vielleicht gut 30 Delegierten der ein oder andere Hardliner sein, aber im Großen und Ganzen können wir davon ausgehen, dass die Mitglieder der chinesischen Delegation relativ offen sind. Mit diesen Leuten sollte das Gespräch auf jeden Fall gesucht werden.
mp: Das Olympische Komitee hatte ja 2008 auch große Hoffnungen, was Veränderungen in China durch die Olympischen Spiele anging, doch scheint das an der chinesischen Regierung völlig abgeprallt zu sein. Der Spiegel (32/2009) hat erst kürzlich wieder von dem Fall eines chinesischen Rechtsanwalts berichtet, der von der Polizei verhaftet wurde, als er in einem der offiziellen „Protestparks“ demonstrieren wollte. Welche Hoffnungen dürfen wir uns machen, dass sich in China die Verhältnisse ändern?
WK: Solche Fälle kann man immer anführen. Aber ein Blick in die Geschichte zeigt, dass China sich zu mehr Offenheit und Demokratie entwickelt hat. Es wandern nicht mehr Tausende in die Gefängnisse, weil sie anderer Meinung sind, wie das noch in den achtziger Jahren der Fall war. Das trifft nur noch einzelne, symbolträchtige Gestalten.
Dass es da immer noch Dinge gibt, die uns nicht behagen, ist selbstverständlich zu beklagen. Ich glaube aber nicht, dass ein Regime, das nur auf Unterdrückung setzt, lange überlebensfähig ist. Wenn China nicht innerhalb der nächsten Jahre die Kurve kriegt, wird es das gleiche Schicksal erleiden, das den ehemaligen Ostblock getroffen hat.
mp: Heißt das, wir haben im Westen ein falsches Bild von China?
WK: Man muss das historisch sehen. In vielfacher Hinsicht ist China ein viel freieres Land als Deutschland oder die USA. Das klingt vielleicht seltsam, hat aber einen einfachen Grund: Gesetze, die in China erlassen werden, befolgen die Chinesen sowieso nicht. Jeder macht, was er will. Jeder verstößt unentwegt gegen die bestehenden, aber nicht funktionierenden Gesetze. Nur manchmal meint der chinesische Staat eingreifen zu müssen. Es gibt in China keinerlei Disziplin. Niemand steht irgendwo an, jeder tut und lässt, was er will. In Hongkong müssen sie an einer Bushaltestelle ordentlich anstehen, in China niemals. Da lassen sie alle anderen hinter sich und steigen als erster in den Bus ein, auch wenn noch niemand ausgestiegen ist. Deswegen sage ich immer wieder spöttisch: China ist ein freieres Land als unseres, weil wir die Gesetze kennen und befolgen, und wenn wir sie nicht ernst nehmen, dann haben wir dafür gerade zu stehen. Das ist das eine.
Das andere ist, dass die hiesige Presse immer über die Regierung, den Staat oder die Partei berichtet, aber das ist nicht meine Ebene. Wenn ich in China bin, dann bin ich mit Menschen zusammen, die keine Macht repräsentieren und sich dem Staat z.B. durch Disziplinlosigkeit widersetzen.
An chinesischen Universitäten, wo ich regelmäßig unterrichte, unterrichte ich genauso wie hier auch. Ich nehme zu allem Stellung, das erwartet man von mir auch; in einem chinesischen Hörsaal ist man frei. Selbstverständlich kann ich das, was ich dort sage, nicht an die Presse weitergeben oder publizieren. Natürlich werde ich auch mit bestimmten Aufsätzen und Beiträgen zensiert, aber historisch betrachtet wird die Zensur immer durchlässiger und schwächer. Das zeigt sich auch an dem Versuch der chinesischen Regierung, das Internet durch ein Filtersystem zu reglementieren, was aufgrund zahlreicher Proteste nicht funktioniert hat. Das ist auch ein gutes Zeichen dafür, dass die Menschen sich nicht ohne Weiteres das gefallen lassen, was von der Regierung beschlossen wird.
Das China noch einen langen Weg vor sich hat, liegt in der Natur der Sache. Auch Deutschland hat seine Zeit gebraucht, um die Demokratie zu erlernen.
Im Übrigen müssen wir endlich erkennen lernen, dass der chinesische Staat gar nicht stark ist. Die westliche Presse macht den Staat stark. Dabei ist der Staat sehr schwach. Er ist so schwach, dass er vor einzelnen Personen zittert, dass einzelne Personen in der Lage sind, ihn so in Frage zu stellen, dass er alle seine Felle davonschwimmen sieht. Wir müssen von der Schwäche des chinesischen Staates ausgehen und nicht von der vermeintlichen verbalen Stärke.
mp: Wenn die Chinesen sich nicht an die Gesetze halten, die die Regierung erlässt, wie funktioniert dann die Gesellschaft?
WK: Die Gesellschaft funktioniert so lange, wie keiner dem anderen den Reichtum neidet, sie funktioniert so lange, wie jemand es ertragen kann, dass ihm ein anderer etwas wegnimmt oder ihm weniger zukommen lässt. Wenn einer viele Milliarden einsackt, kann er damit in Ruhe leben, so lange er seine Konkubinen und seine unmittelbare Umgebung entsprechend finanziell ausstattet. Wenn er dafür nicht hinreichend sorgt, dann wird ihn jemand aus seiner Umgebung ans Messer liefern. Das ist das erste Gesetz, das gilt.
Das zweite Gesetz ist das der Beziehungen. Da die staatlichen Gesetze nichts gelten, verlasse ich mich nicht auf sie, sondern auf Leute wie dich und mich, nach dem Motto: tust du heute was für mich, tue ich morgen was für dich. Und solange diese gegenseitige Belastung nicht zu irgendwelchen Komplikationen führt, wird die chinesische Gesellschaft funktionieren. Sie funktioniert auf der Basis der gegenseitigen Beziehungen und nicht auf Basis der Gesetze und Bestimmungen.
mp: Die chinesische Regierung wird ja kaum Interesse daran haben, als schwach wahrgenommen zu werden. Welches Bild wird denn von der chinesischen Seite auf der Buchmesse präsentiert werden?
WK: Da müssen wir unterscheiden zwischen den offiziellen Begleitern der Delegation, die möglicherweise alle im chinesischen Schriftstellerverband sind und damit Sprachrohr des offiziellen China sind. Die werden nicht besonders klug reden, aber vielleicht auch nicht besonders dumm. Sie werden ein positives Bild von der Literatur zeichnen, sie gehöre bereits zur Weltklasse, was man quantitativ sagen kann. Und man wird davon reden, dass sich in den letzten dreißig Jahren viel Positives im literarischen Bereich getan hat – was stimmt, quantitativ kann man da viel aufführen: chinesische Schriftsteller sitzen nicht mehr im Gefängnis, wie vor dreißig Jahren. Und bis auf einen einzigen chinesischen Schriftsteller namens Bei Dao, der inzwischen einen US-amerikanischen Pass hat, kann jeder so genannte Dissident kommen und gehen, wie er will. Alle, die sich hier als Dissidenten hofieren lassen und dadurch viele Vorteile haben, verbringen selbstverständlich ihren Urlaub in China, sind mit der Zensur ihrer Bücher einverstanden und arbeiten mit den chinesischen Machthabern dort genauso zusammen wie mit denen im Westen. Das Bild eines Gegensatzes zwischen Schriftsteller und Staat stimmt für China überhaupt nicht mehr. Die stecken alle unter einer Decke.
Das Bild, das die chinesischen Schriftsteller vermitteln werden, ist ein völlig anderes. Wenn wir uns einmal anschauen, was Yu Hua in seinem Roman „Brüder“ anbietet, so bietet er ein China der Exkremente, der Fäkalien, d.h. ein total kaputtes China. Ähnliches sehen wir auch bei Mo Yan in „Der Überdruss“. Auch dort wird uns ein China angeboten, welches kaum Gerechtigkeit und kaum einen Lichtblick verspricht. Die Autoren sind heute keine Bejubler mehr.
mp: Ich kann Ihnen nicht ganz folgen. Sie behaupten auf der einen Seite, es gebe keinen Gegensatz mehr zwischen Staat und Schriftstellern, auf der anderen Seite sagen sie, das Bild das die Schriftsteller vermitteln würden, sei ein vollkommen anderes. Yu Hua ist doch als Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas eher als Stimme der Regierung einzuschätzen. Wie passt das zusammen?
WK: Wir müssen unterscheiden zwischen dem wirklichen Autor, dem impliziten Autor und der Stimme (Erzähler) in einem Text. Der wirkliche Autor kann mit dem Staat unter einer Decke stecken, der Erzähler aber mag Kritik am System üben, wird es aber keinesfalls in Frage stellen.
mp: Gibt es denn überhaupt gesellschaftskritische oder systemkritische Literatur?
WK: Doch, die gibt es, aber man muss sie lesen lernen. Zum Beispiel erzählt Mo Yan allegorisch, im Stile von Swift (1647-1745), weswegen er für mich ein völlig rückwärts gewandter Autor ist. Seine Allegorien sind politisch zu lesen. Das ist seine Art von Gesellschaftskritik. Das sehen wir am besten in dem Roman „Schnapsstadt“, wo er schreibt, dass chinesische Köche als höchste Köstlichkeit Babys zubereiten. Das darf man nicht wörtlich nehmen, sondern muss es allegorisch lesen: China verschlingt sich selbst und lässt seinem Nachwuchs keine Chance. In letzter Zeit haben chinesische Schriftsteller verstärkt soziale Brennpunkte in ihren Werken beschrieben, z.B. Yan Lianke, der über ein HIV-verseuchtes Dorf geschrieben hat und dafür auch abgestraft worden ist, abgestraft in dem Sinne, dass er nicht mehr ausreisen darf.
mp: Wir haben jetzt lange über die Wirkung von chinesischer Literatur im Ausland gesprochen, wie ist das denn in China? Sind die Chinesen ein literarisches Volk?
WK: Bis 1992 war China ein literarisches Volk, seither ist es das nicht mehr. 1992 ist vielleicht der tiefste Wendepunkt in der chinesischen Geschichte, weil zum ersten Mal erlaubt wurde, viel Geld zu verdienen. Seitdem wollen alle nur noch Geld verdienen und nicht mehr lesen, das gilt selbst für die Schriftsteller. Schriftsteller haben zu hunderten die Literatur aufgegeben, selbst wenn sie große Namen haben, nur um Millionär zu werden. Das gilt auch für die Verleger.
Insgesamt ist die Zahl der Leser zurückgegangen. Man will leichte Lektüre, man will Sex and Crime, das wird geboten. Man möchte Literatur, wenn man sie überhaupt liest, im traditionellen chinesischen Stil, man will also keine progressive Literatur, keine gute Literatur, keine große Literatur, sondern etwas, was man mit „ex und hopp“ bezeichnen könnte. Die großen Literaten aus der Zeit vor der Gründung der Volksrepublik China 1949 versteht man überhaupt nicht mehr. Die Literatur ist am Markt angekommen und wird vom Markt verwaltet. Die Literaten verdienen sich dumm und dämlich mit jedem Mist und werden mit diesem Mist auch in den USA und bei uns produziert.
Gute Literatur machen nur die Dichter. Die liest in China niemand. Sie sind Weltklasse, werden im Westen gelesen, hauptsächlich in Deutschland und werden dementsprechend auch in Deutschland verlegt. In China müssten sie den Druck ihrer Werke selbst finanzieren, hier brauchen sie das nicht.
mp: Warum kommen diese Dichter dann nicht auf die Buchmesse?
WK: Die großen chinesischen Dichter wie Bei Dao hat die chinesische Seite nicht eingeladen. Sie werden auf dem chinesischen Festland kaum wahrgenommen und gelesen. In den Augen des Schriftstellerverbandes existieren sind nicht. Allerdings hat sich jetzt Hongkong zu einer Teilnahme an der Buchmesse entschieden und wird mit Leung Ping-kwan prominent vertreten sein. Die Buchmesse selbst hat Yang Lian (Suhrkamp) eingeladen, so dass ohne chinesisches Zutun doch zwei gute Dichter anwesend sein werden. Verlage laden keine Chinesen ein, angeblich fehlt das Geld…
mp: Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Kubin.