Blumen duften, Vögel singen, die Sonne scheint und es ist warm – perfekte Bedingungen, um sich im Liegestuhl zurückzulehnen und ein gutes Buch in die Hand zu nehmen. Vielleicht stehen ein paar Erdbeeren griffbereit, ein Glas Wein oder eine erfrischende Saftschorle – Entspannung pur. Für diese Mußestunde haben wir zehn gute Bücher aus der Frühjahrsproduktion ausgewählt, die Büchereien ihren Leser/innen empfehlen können, um die angenehmen Seiten des Sommers zu genießen.
Wobei, was heißt schon gute Bücher? Sieht man mal vom literarischen Fundament aus plastischen Figuren und gutem Stil ab, gehen die Geschmäcker natürlich weit auseinander. Für diese Liste haben wir Bücher ausgesucht, die ihre Leser/innen aus dem Alltag entführen und sie aus ihrer Welt auch nicht so schnell wieder ziehen lassen.
Adams Erbe von Astrid Rosenfeld ist so ein Titel. Der Roman erzählt von zwei jungen Männern, Edward und Adam, beide mit eher ungewöhnlichen Lebensläufen. Edward ist ein Lebemann, betreibt eine angesagte Modeboutique in Berlin, weiß aber nicht wirklich, was er mit seinem Leben anfangen soll. Adam ist sein Großonkel, dem er wie aus dem Gesicht geschnitten sein soll. Adam lebte in den dreißiger Jahren in Berlin und gilt als das schwarze Schaf der Familie. Er sei einfach mit einem Teil des Familienvermögens verschwunden, weshalb die übrigen Familienmitglieder nicht vor den Judenverfolgungen der Nazis haben fliehen können - diese Geschichte bekommt Edward mehr als einmal zu hören. Doch dann findet er nach dem Tod seiner Großmutter ein Manuskript mit Adams Geschichte, der Geschichte einer großen Liebe zur Jüdin Anna, für die Adam bereit war, alles zu riskieren.
Ebenso berührend ist Magnolienschlaf, die Geschichte einer alten Frau und ihrer jungen russischen Pflegerin, die erst nach langem Kampf zueinander finden. Wilhelmine ist 91 und kommt nicht mehr allein zurecht. Ihre Nichte engagiert deshalb Jelisaweta als Pflegerin. Als Wilhelmine begreift, dass die junge Frau Russin ist, werden alte, verdrängte Erinnerungen an den Einmarsch der Russen wach, ein Trauma, das sie nie hat verarbeiten können. Auch Jelisaweta hat ein Trauma geerbt, und als Wilhelmine beginnt, sie zu schikanieren, werden die alten Vorurteile wach. Die beiden beginnen einen erbitterten Kleinkrieg, den keine von ihnen gewinnen kann, und der schließlich dazu führt, dass sie sich ihrer Vergangenheit stellen können.
Mathilde, eine junge Französin, bekommt es ebenfalls mit den langfristigen Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges zu tun. Sie hat sich einen Lebenstraum erfüllt und eine Buchbinder-Werkstatt eröffnet. In einem Buch, das sie restaurieren soll, findet sie eine Namensliste, die sie mitten in die Geschichte von Widerstand und Kollaboration in der Zeit der Besatzung führt. Mathilde und der Duft der Bücher von Anne Delaflotte bietet spannende Unterhaltung für alle Frankreich-Liebhaber.
Noch immer also arbeiten sich die Schriftsteller am Dritten Reich und am Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen ab. Doch das muss nicht langweilig oder hochmoralisch sein, wie die drei Bücher zeigen. Ein weiterer Titel zu diesem Thema steht seit Wochen auf den Bestsellerlisten: Jeder stirbt für sich allein von Hans Fallada. Der Roman ist eine Wiederentdeckung, erstmals erschien er kurz nach dem Krieg. Ob sich allerdings ein 700-Seiten-Schmöker für Mußestunden im Liegestuhl eignet?
Eine ganz andere Welt öffnet Die Frauen von Savannah von Beth Hoffman. Sie erzählt von der 12-jährigen Cecelia – genannt Ceecee –, die nach dem Tod ihrer Mutter mithilfe einer unkonventionellen Großtante und ihrer schwarzen Haushälterin wieder ins Leben zurück findet. Eine herzerwärmende Geschichte über die heilsame Wirkung von Zuneigung und Liebe.
Tierschutz und die Abgründe unserer Medienwelt sind die Themen, die Sara Gruen in ihrem neuen Roman Das Affenhaus zu einer explosiven Mischung verarbeitet. Die Autorin von „Wasser für die Elefanten“ erzählt von Bonobos, Menschenaffen, in einem Forschungslabor, mit denen sich die Wissenschaftler über Gebärdensprache verständigen können. Ein Anschlag zerstört das Forschungsprojekt und die Menschenaffen geraten in die Hände eines Geschäftsmannes, der glaubt, Geld verdienen zu können, indem er die ungehemmte Sexualität dieser Affen in einer Art „Big-Brother-Show“ im Fernsehen vorführt. Der Journalist John Thigpen, der von dem Forschungsprojekt und mehr noch von den Affen fasziniert ist, und die Wissenschaftlerin Isabel Duncan setzen alles daran, die Bonobos zu befreien.
Ein Kriminalroman darf auf unserer Empfehlungsliste keinesfalls fehlen. Einen beeindruckenden Krimi, der sehr viel mehr bietet als das klassische „whodunnit“, hat Peter May mit Blackhouse geschrieben. Darin lässt er Fionnlagh Macleod von der Kriminalpolizei in Edinburgh in seine Heimat reisen, um einen Mordfall zu untersuchen, der Parallelen zu einem Fall in Edinburgh hat. Für Fin führt das Wiedersehen mit der Heimat zu einer längst fälligen Auseinandersetzung mit seiner Kindheit. Eine Geschichte über Schuld, Liebe und Hass, die in einer beeindruckenden Landschaft spielt.
Ein Band mit Erzählungen, mit dem eine junge Schriftstellerin debütiert, machte in diesem Frühjahr von sich reden: Das weiße Meer von Stefanie Sourlier. Sie erzählt Geschichten aus dem Alltag, von Gesprächen, Fantasien und verschwindenden Erinnerungen. Ihre Geschichten beruhen auf genauen Beobachtungen, einem Blick für die Kleinigkeiten, die Alltäglichkeiten bedeutsam werden lassen. Sie sind voll zarter Bilder und entfalten einen magischen Sog, dem man sich gerne hingibt.
Auch unter den Sachbüchern des Frühjahrs finden sich Titel, die sich lesen wie ein Roman. Wolfgang Büschers Wanderung quer durch die USA – Hartland – gehört dazu. Büscher wanderte von der Grenze zwischen den USA und Kanada im Norden bis hinunter nach Mexiko und trifft dabei auf ein Amerika, wie es in keinem Reiseführer zu finden ist. Er ist ein Meister der Sprache, seine Erzählungen strotzen vor Metaphern, Vergleichen und Wortspielen, in die er seine Beobachtungen verpackt - eine einmalige Mischung aus Reisebericht, Reportage und bildreicher Prosa.
Unter die Buchempfehlungen für den Liegestuhl auch Arno Geigers Buch Der alte König in seinem Exil aufzunehmen, könnte missverstanden werden. Als wollten wir damit die Krankheit und die Leiden der Betroffenen verharmlosen. Doch empfinden viele Leser/innen Geigers behutsame und liebevolle Annäherung an seinen an Alzheimer erkrankten Vater als tröstlich und berührend. Geiger macht den Demenzkranken und ihre Angehörigen Mut und holt sie aus einem der toten Winkel unserer Gesellschaft. Und das lässt sich dann auch gut im Liegestuhl lesen.
Muße, Naturgenuss und Spiritualität gehören zusammen. Spiritualität ohne Muße funktioniert nicht, und ein waches Auge für die kleinen und die großen Wunder der Natur öffnen den Blick auf Gott. Deshalb zum Schluss noch eine Empfehlung für ein religiöses Buch: Das Leben beginnt in dir von Joan Chittister. Darin zeigt die US-amerikanische Benediktinerin, wie Spiritualität und Alltag auch außerhalb eines Klosters zusammengehen – auch im Liegestuhl.
Natürlich gab es noch viel mehr lesenswerte Bücher in diesem Frühjahr (das von den Neuerscheinungen her abgeschlossen ist, die Verlage wecken gerade mit neuen Prospekten die Vorfreude auf den Herbst), über die Sie sich z.B. über die medienprofile-Vorschau informieren können. Und jetzt: Ab in den Liegestuhl, den Sommer genießen und lesen.
Christoph Holzapfel