Eine Ermunterung für die Gegenwartsbelletristik, eine Vitalspritze für neue deutsche Romane, sagen die Kritiker und Buchhändler. Ein reines Marketinginstrument, ein entwürdigender Schaulauf, sagen einige Autoren. Ein Gesellschaftsspiel, die Suche nach dem besten deutschen Roman des Jahres, sagen Leser. Es geht um den Deutschen Buchpreis. Im Jahr seiner fünften Verleihung ist dieser Preis längst eine hochgeachtete Marke im Kulturbetrieb. Neben dem Rituellen, das Preisverleihungen seit jeher an sich haben, und dem Renommee, das sie den Autoren und ihren Verlagen einbringen, hat der Deutsche Buchpreis mit Longlist und Shortlist auf breiterer Basis etwas bewirkt, das man hierzulande in der Förderkultur seit geraumer Zeit vermisst. Man vergleicht wieder Bücher, man streitet über den „besten Roman“. Die Konkurrenz hat den Diskurs über belletristische Bücher belebt. Grund genug, die Rolle des Buchpreises in der Literaturpreislandschaft Deutschland einmal näher unter die Lupe zu nehmen.
Wie es zum Buchpreis kam
Es ist kein Geheimnis, dass sich die Erfinder im Vorstand des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels vor fünf Jahren an Vorbildern aus dem Ausland orientiert haben: am Prix Goncourt, der seit 1903 von der Académie Goncourt für das beste erzählerische Werk in französischer Sprache vergeben wird, und am Man Booker Prize, den seit 1969 die britische Firma Booker plc, seit 2002 die Stiftung Booker Prize Foundation für den besten englischsprachigen Roman verleiht. Es war der zweite Anlauf. Dem Vorläufer des Buchpreises, dem Deutschen Bücherpreis, war nicht so viel Glück beschieden. Der Bücherpreis wurde in den Jahren 2002 bis 2004 auf der Leipziger Frühjahrsbuchmesse in den klassischen Branchensparten verliehen, darunter auch in der Belletristik. Allerdings war er nicht dotiert. Statt eines Schecks erhielten die auserkorenen Autoren, darunter auch Debütanten, eine von Günter Grass gestaltete, acht Kilogramm schwere Bronzetrophäe, den „Bücher-Butt“, der im Werk von Grass für Lebenserfahrung und Weisheit steht.
Jury, Longlist, Shortlist: Das Auswahlverfahren
Wenn man sich die beinahe täglich in den Feuilletons gemeldeten Namen von Literaturpreisträgern anschaut, kann man den Eindruck gewinnen, der Kreis der üblichen Verdächtigen sei streng limitiert und lasse als Alibi nur hier und da einen Überraschungserfolg zu. Marcel Reich-Ranicki hat diesen Eindruck bestätigt: „Preisgekrönt wird, wer preisgekrönt ist.“ Diese Falle versucht der Initiator des Deutschen Buchpreises zu vermeiden, indem er zuallererst die Juryzusammensetzung ermittelt. Die Akademie des Deutschen Buchpreises, gebildet aus Vertretern der Buch- und Medienbranche und des Goethe-Instituts, beruft jährlich eine komplett neue Jury ein. Das Prinzip „Neue Juroren – neue Bücher“ hat sich bislang bewährt. In den ersten Jahren waren noch Autoren an der Auswahl mitbeteiligt, u.a. John von Düffel, Bodo Kirchhoff, Terézia Mora, Juli Zeh. Die sieben Weisen 2009 sind überwiegend Kritiker, die für angesehene Kulturmedien (Deutschlandfunk, FAZ, Süddeutsche Zeitung, SWR, Die Zeit) arbeiten, hinzu kommen ein Buchhändler und eine Literaturwissenschaftlerin.
Das dreistufige Verfahren aus Longlist, Shortlist und Preisverleihung fängt damit an, dass die Verlage bis zu zwei Buchtitel zur Auswahl vorschlagen können, die zwischen dem Oktober des Vorjahres und dem Datum der Publikation der aktuellen Shortlist im Buchhandel erschienen sein müssen. Naturgemäß dominiert dabei das Verlagswesen in Deutschland (61 Verlage mit Einreichungen) gegenüber dem in Österreich (11) und in der Schweiz (7). Insgesamt müssen die Juroren etwa 150 Romane in knapp vier Monaten lesen. Selbst wenn man die aufgrund ihrer Exotik von vornherein ausgemusterten Bücher abzieht, dürfte man mit der Schätzung von zehn Buchlektüren pro Woche nicht ganz falsch liegen: ein Lesepensum, das angesichts der Mehrhundertseitenzahl der Romane auch von professionellen Kritikern, selbst wenn sich die Lektüreaufgaben als Juror teilweise mit dem Hauptberuf decken, kaum zu bewältigen ist. Der Leiter des Hamburger Literaturhauses und Buchpreisjuror 2008, Rainer Moritz, gibt einen Blick hinter die Kulissen: „Natürlich kann keiner alle diese Bücher lesen. Wir haben sie also zunächst innerhalb der Jury verteilt. Und dann wurde gelesen, manches ganz, manches in Teilen.“
Ein Marketing-Instrument
Die Mitte August veröffentlichte Longlist aus 20 Buchpreiskandidaten (die erste Stufe) ist ein wirksames Marketinginstrument. Man sieht das in jeder besseren Buchhandlung, die für die Titel einen Ausstellungstisch oder ein Regal einrichtet. Das Börsenblatt stellt über viele Buchhandlungen – kostenlos – das Booklet Deutscher Buchpreis 2009 mit Leseproben, Autorenporträts und Hintergrundinformationen zur Verfügung. Auch auf den Websites des Börsenvereins und der Heimatverlage der Longlist-Titel sind diese eigens gewürdigt. Es gibt – bis zum Datum der Publikation der Shortlist – Blinddate-Lesungen von Longlist-Autoren von Köln bis St. Petersburg; das Geheimnis, wer wo liest, wird erst am Tag der Lesung gelüftet.
Mitte September werden sechs Kandidaten für die Shortlist ausgerufen. In der zweiten Runde des Verfahrens kommt es dann nochmals zu einer Marktwertsteigerung. Die übrig gebliebenen Bücher werden ein zweites Mal besprochen, die Autoren interviewt, die Romane in Auszügen übersetzt, was man seit 2007 auf der englischsprachigen Seite des online-Kulturmagazins perlentaucher.de nachlesen kann. Die Preisverleihung ist die dritte Stufe des Verfahrens, der Höhepunkt. Wer der neue Preisträger ist, wird erst in der Feierstunde publik gemacht. Das Ereignis fällt also mit der Nachricht zusammen.
Das Für und Wider: Wozu der Deutsche Buchpreis gut ist
Der klassische Einwand gegenüber Bestsellerlisten und Bestenlisten (was nicht dasselbe ist!) gilt dem, was anscheinend fehlt. Natürlich wird, wer sucht, immer etwas vermissen. Aber auffällig ist schon, dass auf der Longlist so gut besprochene Bücher wie Sibylle Lewitscharoffs schwarzhumoriger Bulgarienroman Apostoloff, Ralf Rothmanns melodramatischer Künstler- und Liebesroman Feuer brennt nicht und Hanns-Josef Ortheils autobiographischer Roman Die Erfindung des Lebens fehlen. Lyrik kommt gar nicht vor, weil der Buchpreis eigentlich ein Romanpreis ist.
Aber die Auswahl 2009 ist abwechslungsreich und anregend. Der schrill-verschrobene Debütroman von Clemens Setz (Frequenzen) ist neben Peter Stamms Roman einer fatalen Doppelliebe (Sieben Jahre) nominiert, der kultige Krimi von Wolf Haas (Der Brenner und der liebe Gott) neben Brigitte Kronauers mythisch grundiertem Roman Zwei schwarze Jäger, der Eifelroman Überm Rauschen von Norbert Scheuer und Herta Müllers Atemschaukel über die rumäniendeutsche Deportation stehen neben Thomas Glavinics Roman Leben der Wünsche, einem Buch, das mit dem „Sams“-Motiv spielt: Was würde passieren, wenn sich alle Wünsche erfüllten? Sieben Autorinnen neben 13 Autoren, ein Verlag mit vier (Hanser), vier mit zwei Titeln (S. Fischer, Luchterhand, Rowohlt, Suhrkamp): auch hier scheint gewahrt, was man als Querschnitt durch die aktuelle Romanszene betrachten kann. Der Buchpreis ist ein Spiegel der deutschen Gegenwartsliteratur, zumindest was den Roman anlangt.
An dieser Stelle wird die Sache bedenkenswert. Denn spätestens wenn der aktuelle Buchpreisträger auf der Frankfurter Herbstbuchmesse gekürt wird, wenn er auf dem Podium steht und den mit 25.000 Euro dotierten Hauptpreis entgegennimmt (die Mitfinalisten bekommen jeweils 2.500 Euro), zeigt sich, worauf es wirklich ankommt: auf öffentliche Aufmerksamkeit. Dieses Gut ist umkämpft und begehrt in einem Literaturbetrieb, der so viele Preise und Stipendien zu vergeben hat, dass im Schnitt jeden Tag zwei Auszeichnungen vorgenommen werden könnten und dass inzwischen fast jeder verstorbene Dichter mit Rang (bis auf Gottfried Benn) mit seinem Namen für einen Preis haftet. Ob das gut oder schlecht ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die einen befürchten, dass zu viele Preise das Genie in die Ecke treiben und das Mittelmaß fördern. Ingo Schulze hat die vermeintliche Abhängigkeit des Preisträgers vom Sponsor des Preisgeldes angeprangert, Daniel Kehlmann den kunstfeindlichen Wettlauf der Autoren, Michael Lentz den Neideffekt unter Kollegen, der (im Falle von Glavinics Das bin doch ich) sogar eine lehrreiche Romansatire hervorgebracht hat. Die anderen sehen in der Preispolitik eine existenzsichernde Maßnahme für die Autoren und eine Kulturveranstaltungsform, von der alle etwas haben. So viel verdient ein Autor durch Bücherverkauf und Lesungshonorare nicht, als dass er nicht desLebensunterhalts wegen auf ein Stipendium oder eine literarische Auszeichnung angewiesen wäre.
Das war so und ist tatsächlich noch immer so. Schon die Krönung des „poeta laureatus“ mit einem immergrünen Lorbeerkranz in der Antike und seit dem 16. Jh. sicherte ihm nicht nur Ehre und Ruhm, sondern auch ein erkleckliches Einkommen. Im 19. Jahrhundert wurde diese Praxis durch ein differenziertes Preissystem höfischer und bürgerlicher Preisstiftungen abgelöst. Die 1855 gegründete Deutsche Schillerstiftung, die satzungsgemäß „literarischen Talenten tatkräftig Beistand leisten sowie Schriftstellern im Falle schwerer Lebenssorge helfen“ wollte, unterstützte bereits im Gründungsjahr den Schriftsteller Otto Ludwig mit 400 Talern. Heute bewegen sich die Dotationen für Literaturpreise im Spektrum zwischen 2.000 und 40.000 Euro (Büchnerpreis); der mit 120.000 Euro höchstdotierte Preis ist ein Ausreißer, der Breitbachpreis.
Den Geldbetrag erhält der Preisträger vom Preisstifter in Form eines Schecks, außerdem wird ihm eine Urkunde überreicht; dafür gibt er eine Dankrede und seinen guten Namen. Insofern wird der Preisträger durch den Preis geehrt, umgekehrt wird der Preis durch den Preisträger geadelt. Dieses Ritual ist ein erstaunlich stabiles Element in unserem um Innovationen nicht verlegenen Kulturbetrieb. Jede Feierstunde läuft nach dem festgesetzten Ritual ab. Dazu gehören eine Laudatio auf den Preisträger, eine Dankrede und der Akt der Übergabe des Preises, meist auch eine musikalische Umrahmung. Am deutlichsten sieht man dieses Ritual bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preises, des renommiertesten und traditionsreichsten deutschen Literaturpreises, des ersten Literaturpreises, den die Tagesschau regelmäßig mit einer eigenen Meldung würdigt. 1923 vom Volksstaat Hessen als Staatspreis für Kunst gestiftet, 1933 von den Nationalsozialisten ausgesetzt, wurde der Büchnerpreis nach 1945 in zwei Anläufen – seit 1951 unter den Auspizien der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung – institutionalisiert. Die Liste der Büchnerpreisträger ist wie ein Who is who der Gegenwartsliteratur; wer wissen will, wo diese Autoren literaturwissenschaftlich und gesellschaftlich stehen, braucht nur ihre Dankreden zu lesen. Eine kleine Überraschung ist der Büchnerpreisträger 2009: Den siebzigjährigen österreichischen Schriftsteller Walter Kappacher kannten nicht viele, trotz Empfehlungen von Handke und Walser.
Interessant sind die Preisverleihungen, bei denen das Ritual in Frage gestellt wird. Thomas Bernhard (1931-1989), das Enfant terrible der österreichischen Literatur, hat ein ganzes Buch über diese strategisch wichtigen Ritualbrüche geschrieben: Meine Preise (entstanden 1980, veröffentlicht 2009). Beim Grillparzer-Preis (1972) setzte er sich, weil ihn niemand in Empfang nahm, trotzig in die Mitte des Saals statt in die erste Reihe, in Bremen hielt er (1966) die kürzeste Rede, die je ein Bremer Literaturpreisträger gehalten hat, beim Österreichischen Staatspreis für Literatur (1967) sprach er über die „Nichtigkeit aller Staaten“, beim Büchnerpreis (1970) verglich er das Gewicht der Urkunden der Preisträger. Robert Gernhardt (1937-2006) waren Literaturpreise so vergällt, dass er 1983 das Nobelpreiskomitee bat, ihn am besten gar nicht erst in Erwägung zu ziehen. Dass Preise zu früh oder zu spät kommen können, darauf hat der lange Zeit als besserer Unterhaltungsautor und in die Literatur verirrter Archivar verkannte Walter Kempowski (1929-2007) hingewiesen, als er 1994 – diesmal genau zur „rechten Zeit“ – den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung für seine epochale Chronik Das Echolot erhielt.
Gütesiegel
Was bleibt? Literaturpreise sind ein Markenzeichen unseres föderalistischen Kulturbetriebs. Sie unterstreichen die Vielfalt des literarischen Lebens. Sie kurbeln den Buchverkauf an und geben der deutschen Literatur einen kräftigen Anerkennungsschub, wie sich nach der Nobelpreisverleihung an Grass (1999) gezeigt hat. Zudem sind sie ein Instrument, das etwas Ordnung schafft in der Gegenwartsliteratur und lesenswerte Bücher anzeigt. Auch wenn sie durch ihren Umfang abschrecken mögen wie Uwe Tellkamps Roman Der Turm über die Endzeit der DDR, der 2008 und 2009 gleich mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Aus der Sicht des Buchhändlers, des Bibliothekars und Lesers ist das auf jeden Fall hilfreich. Darauf weisen die Leserempfehlungen beim Internetbuchhändler Amazon hin, die sich gegenseitig die Longlist-Titel zuspielen. Der Buchpreis wird auch im Ausland als Gütesiegel der deutschen Literatur wahrgenommen. Fünf der sechs Shortlist-Titel aus dem Jahr 2006 wurden im angolamerikanischen Raum übersetzt. Andererseits gibt es auch eine lesenswerte Literatur jenseits des Buchpreiskanons. Bei einer jährlichen Romanproduktion von ca. 6.000 Titeln schafft es ja nur jeder tausendste Roman auf die Shortlist. Das ernüchtert. Vom eigenen Lesen und Urteil entbindet der Preis nicht. Er standardisiert einen mehrheitsfähigen Geschmack. Und auf den muss man erstmal kommen. Zum Beispiel durch die Listen des Deutschen Buchpreises.
Michael Braun