...gemeinsam Literatur erleben
Seit sechs Monaten arbeitet die Ich-Erzählerin in La Hague für das Ornithologische Zentrum von Caen. Ihre Aufgabe ist es, täglich die Vögel zu zählen und das Verhalten der Zugvögel zu erforschen. Diese monotone Arbeit in der Einsamkeit hilft ihr, über den Verlust ihres verstorbenen Mannes zu kommen. Hier am Ende der Welt kann sie ihr gemeinsames Leben ungestört reflektieren und ihm nahe sein.
Wie jeden Tag sitzt sie in dem von Lili geführten einzigen Gasthaus des Ortes, um ihre Beobachtungen schriftlich festzuhalten. Man kennt sie mittlerweile, ihre Wohnung befindet sich hundert Meter weiter, fast schon im Meer gelegen in dem Haus „Griffue“. Dort wohnen auch Morgane, die Kellnerin und ihr Bruder Raphaël, der Bildhauer.
„Fremde, die hier länger bleiben, gibt es selten; sie werden von den Einheimischen argwöhnisch beäugt.“ ... „Als Lambert hereinkam, drehten die Männer die Köpfe. Ein Unbekannter im Café! Auch Lili schaute auf. Ich beobachtete den Moment, in dem sie sich ansahen. Ein paar Sekunden dauerte er, dann wandten sie sich fast gleichzeitig ab. Ich spürte, dass sie sich kannten.“ (S. 32)
Lambert Perack hat vor vierzig Jahren seine Eltern Béatrice und Bertrand bei einem Schiffsunglück vor La Hague verloren. Sein damals zweijähriger Bruder Paul war bei ihnen, er wurde nie gefunden und gilt seitdem als verschollen. Lambert hat nach all den Jahren jetzt erst die Kraft, das seither nie mehr benutzte Ferienhaus zu verkaufen. Ebenso ist er mit dem Vorsatz gekommen, endgültig die Antworten auf seine immer noch quälenden Fragen zu erhalten. Seine Eltern waren mit dem Meer vertraut. Welche Umstände führten zu ihrem Tod? War vielleicht der Leuchtturm nicht eingeschaltet? Wieso gab das Meer den Leichnam seines Bruders nicht zurück?
„Der Tod ist wie ein Film, den man mittendrin angehalten hat. Ich warte immer noch auf die Fortsetzung. Vierzig Jahre sind eine lange Zeit.“ (S. 122)
Die Ich-Erzählerin und Lambert nähern sich an, haben sie doch beide traurige, schmerzvolle Verluste hinter sich.
„Lambert saß in der Sonne, mit dem Rücken an der Mole. Ich war nicht erstaunt, ihn dort zu sehen. Sein Haus war immer noch nicht verkauft. Er schien es nicht eilig zu haben abzureisen. Ich wusste, dass man sehr lange so dasitzen konnte, die Augen aufs Meer gerichtet, ohne jemanden zu sehen. Ohne zu sprechen. Ohne auch nur zu denken. Am Ende erfüllt einen das Meer mit etwas, das einen stärker macht. Als ließe es uns ein Teil von ihm werden. Viele, die das erlebten, gingen nicht mehr weg.“ (S. 309)
Die Ich-Erzählerin spürt, dass ihre Gefühle für Lambert intensiver werden und möchte diese, voller Gewissensbisse gegenüber ihrem verstorbenen Mannes, am liebsten ausschalten.
„Er hatte mich an sich gedrückt. Für einen Moment war es da gewesen, dieses Verlangen nach Berührung. Diese Kraft in seinen Händen. Man umarmt auch Steine, wenn man nichts mehr hat, ich hatte es erlebt. Ich wollte nicht an ihn denken.“ (S. 377)
Alles was in diesem Roman passiert, wird uns aus der Sicht der namenlosen Protagonistin erzählt. Mit ihr gehen wir auf den Klippen entlang, spüren wie der Sturm mächtig vom Meer aus über das Land fegt, als wären wir mittendrin. Durch sie lernen wir Lili, die Gaststättenbesitzerin, ihren Vater Théo (der frühere Leuchtturmwärter), ihre Mutter, deren Rivalin Florelle und ihre Verstrickungen miteinander kennen. Erleben mit, wie Morgane, die kleine Schwester von Raphaël, ihr Leben in den Griff bekommt und den Bruder verlässt, um nach Paris zu gehen.
Claudie Gallay schafft es, durch ihre karge und poetische Erzählweise die Atmosphäre der Normandie und die Stimmungen der Menschen für uns Leser authentisch werden zu lassen.
Weitere gemeinsame Gesprächsimpulse:
- Trauer, Liebe, Schuld: Wie gehen die Ich-Erzählerin, Lambert, Théo, Florelle, Lili und ihre Mutter jeweils damit um?
- Abschied und Neuanfang (Morgane und Raphaël):
„Sie flüsterte Worte, die er nicht mehr hörte. So blieben sie stehen, bis sich der Zug in Bewegung setzte. Leere Blicke, zwei orientierungslose Geschöpfe, die lernen mussten, nicht mehr zusammenzuleben.“ (S. 473)
Verfolgen Sie Morganes Verhalten, ihre Abnabelung bis zum Abschied. Wie ergeht es Raphaël dabei?
Ursula Bittel