...gemeinsam Literatur erleben
Seit sieben Jahren arbeitet Tobias Winter auf dem Flughafen. Er ist der Aquarist, der für das 200.000-Liter große Riffaquarium verantwortlich ist.
„Tobias Winter lebte jenseits von Kindern und Göttern. Er war eher bescheiden in dieser Welt. Er hatte vielfarbige Fische aus verschiedenen Ozeanen aufgenommen; in seinem Aquarium beheimatete er Exemplare aus fast allen tropischen Meeren.“ (S. 19)
Er, der in seinem Leben noch keine größere Reise unternommen hat, beobachtet gerne die Gewohnheiten der „müden“ Fluggäste im Schutze seines Aquariums während den Säuberungsarbeiten.
„Wie immer, wenn er sich unbedacht zu sehr in die Reisenden hineinsah, stieg eine laue und mächtige Angst in ihm auf. Er brauchte Luft. Er sollte möglichst schnell ganz nah bei seinen Fischen sein. Am besten wäre es, ein Stück des Riffs zu reinigen.“ (S. 46)
Elis, eine Fotografin für Hochglanzmagazine, jettet ständig durch die Welt. Aus Asien, vor 17 Stunden gestartet, „strandet“ sie völlig müde, durstig und orientierungslos zum Zwischenstopp auf diesem Flughafen. Auf der Suche nach einem Getränk kommt sie auch an dem Meerwasserbecken vorbei.
„Ich beobachte die Flugzeuge, dachte sie, und ich schaue den Fischen zu, bis die Zeit vergeht. Und ich werde schlafen. Doch als sie um das Aquarium herumgegangen war, den Plastiksitzen entgegen, und im Weitergehen noch einmal zurückschaute, sah sie auch das: Eine Hand, ein starker nackter Arm kam aus dem Himmel des Aquariums und sendete eine blaumilchige Wolke hinunter in das tiefere Fluten.“ (S. 66)
Viele Erinnerungen ereilen Elis – der Flughafen in Kunming (China) ersteht vor ihren Augen, ihre damalige Hilflosigkeit beim Anblick der anderen Schriftzeichen, das Ausgeliefertsein und immer wieder schweifen die Gedanken zu ihrem verflossenen Freund, einem Piloten.
Elis und Tobias kommen miteinander ins Gespräch, sie hilft ihm sogar beim Positionieren des Putzmagneten.
Tobias verspricht sich nicht viel von dem Gespräch, aber er erklärt ihr „seine“ Welt, die der Korallen, Anemonen und Nesselzellen. Elis wiederum erzählt ihm von den Esserfahrungen während ihrer Reisen.
„Sie hatte es gern, wie er sprach. Sie hätte ihm über jedes Thema zugehört. Sie empfand es als eine Großzügigkeit, dass er ihr etwas erklärte, etwas, das ihm wichtig schien. Sie waren doch Fremde.“ (S. 121)
Sie reden und reden, teilweise aneinander vorbei und doch schafft es eine Gemeinsamkeit, eine Nähe.
Ein anderer Schauplatz in diesem Roman. In der Raucherlounge sitzt ein kurz vor der Emeritierung stehender bedeutender Professor der Biochemie. Per SMS erhielt er soeben von seiner Frau nach 30-jähriger Ehe das Ende ihrer Beziehung mitgeteilt. Völlig fassungslos wird der Nichtraucher zum Raucher, der Nichttrinker zum Trinker. Der ungewohnte Alkohol und das Nikotin bringen ihn zu pessimistischen Überlegungen, wie „Leben ist tödlich“ und Handlungen.
Angelika Overath schreibt in 18 Kapiteln über drei einsame Menschen, die sich nicht kennen. Zwei völlig Fremde nähern sich an, haben das Bedürfnis, ihr jeweils eigenes Leben ändern zu wollen und der Dritte, der sich seiner Beziehung sicher war, wird verlassen.
Es geht um die menschlichen Beziehungen von vielreisenden Geschäftsleuten. Die Business-Welt wird für sie immer „kleiner“, da Entfernungen in unserer hoch technisierten Welt keine Rolle mehr spielen. Für das Privatleben allerdings bleibt häufig keine Zeit mehr und Konflikte entstehen.
Das Aquarium ist der ruhende Pol in dieser Geschichte, eine in sich abgeschlossene, friedvolle Welt inmitten des Flughafens.
Auf den 173 Seiten des Romans ist kein Wort zu viel, knapp und doch poetisch, mit Wortschöpfungen wie „Augenarbeiterin“ trifft er genau den Ton, der uns für dieses Thema sensibilisiert.
Weitere Impulse für das gemeinsame Gespräch:
- Zwischen Tobias und Elis entsteht eine Vertrautheit, die für zwei Fremde ungewöhnlich ist. Oder vielleicht gerade deshalb doch nicht?
- Was bewirkt das Aquarium inmitten der „Rastlosigkeit“?
- Auf Seite 70 finden wir folgenden Satz: „Alt ist man, wenn einem einfällt, dass man jung war“. Wie sehen die einzelnen Teilnehmer der Gesprächsrunde das?
Ursula Bittel