24.02.2012

Spurensuche

Wer sind sie, die Helden der Nachhaltigkeit? Was müssen die Figuren in den Geschichten heute tun, um die Welt zu retten? Kann man angesichts der überall herrschenden Unübersichtlichkeit der Verhältnisse überhaupt noch handeln, literarisch oder real? Welche Impulse gibt ein christlicher Schöpfungsglaube? Und kann so ein sachliches und eher abstraktes Thema überhaupt spannend aufbereitet werden und literarisch ankommen? [mehr]

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Eine Frau und ein Mann begegnen sich in einem Wellnesshotel. Sie möchte ein neues Videoprojekt realisieren, er sucht nach einem Weg aus der Schreibblockade. Beide haben unruhige Zeiten und manches Unbearbeitete und Nichtverdaute im Lebensgepäck. Durch wechselseitiges Beäugen, Begleiten in Gedanken ... weiter

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Juli 2010 - Buch im Kreis

...gemeinsam Literatur erleben

Gesprächsimpulse für den Literaturgesprächskreis

Helmer van Wonderen, Mitte fünfzig, zieht Bilanz über sein bisheriges Leben. Er wurde 1947 geboren, einige Minuten vor seinem Zwillingsbruder Henk. Bauer zu werden war niemals sein Traum, er studierte im nahegelegenen Amsterdam Sprach- und Literaturwissenschaft. Henk war Vaters Liebling und er sollte einmal den Hof übernehmen. Aber durch einen tragischen Autounfall, von Henks damaliger Freundin Riet verursacht, starb der Zwillingsbruder und der Vater „bestimmte“, dass Helmer sein Studium abbricht und fortan an Henks Stelle den Hof weiterführt.

35 Jahre sind seitdem vergangen. Die Mutter ist seit nunmehr zehn Jahren tot und der Vater ein Pflegefall. Helmer verfrachtet seinen bettlägerigen Vater aus dem Elternschlafzimmer im Erdgeschoss, mit sämtlichen Möbel- und Erinnerungsstücken, nach oben in sein ehemaliges Kinderzimmer. Er kauft Möbel und streicht die Wände für sein neues Leben im Erdgeschoss. Den Vater versorgt er mal mehr, mal weniger.

„Vater hat die Mandarinen nicht gegessen. Eigentlich will ich von ihm nichts sehen und nichts hören. Ich habe ihn von unten nach oben gebracht, und jetzt könnte er sich von mir aus aufs Dach setzen und danach in die höchsten Wipfel der Pappeln am Rand des Hofs, um dann von einem Windstoß weggefegt zu werden, ab in die Luft. Das wäre am besten: wenn er einfach verschwinden würde.“ (S. 31)

Die Gefühle seinem Vater gegenüber pendeln zwischen Pflichtbewusstsein und Rache. Auf der einen Seite möchte er von seinem Vater geliebt werden, auf der anderen sich von ihm befreien. „Du bist mir zuwider, weil du mir mein Leben verdorben hast. Ich lasse keinen Arzt kommen, weil es meiner Ansicht nach höchste Zeit wird, dass du aufhörst, mir mein Leben zu verderben...“ (S. 215)

Seinen Zwillingsbruder vermisst er geradezu schmerzlich, so als wenn ihm eine Hälfte seines Körpers entrissen wurde. Wobei diese Innigkeit bereits zu Lebzeiten Henks einen Riss durch Riet erfuhr.
„Und Henk hatte Riet. Bis er ihr im Dezember 1965 in einer Kneipe in Monnickendam begegnet war, hatte Henk mir gehört, und ich Henk.“ (S. 69)

Und Riet ist es, die ihn nach über drei Jahrzehnten einfach anruft, ihn besucht und ihm ihren Sohn, der auch Henk heißt und sich in einer pubertären Phase befindet, zur Selbstfindung anvertraut.

Durch die Anwesenheit des jungen Henk werden seelisch nicht verarbeitete Erinnerungen gewaltig und machtvoll in die Gegenwart „katapultiert“. Das über 35 Jahre monotone, ruhig dahin plätschernde Leben von Helmer erfährt eine Wendung. Als auch noch der frühere, von ihm einst verehrte Knecht Jaap wieder in sein Leben tritt, muss er zu Entscheidungen kommen und endlich „erwachsen“ werden.

In kurzen, teilweise einfachen Sätzen vermag es dieser Roman, eine Landschaft und dessen Menschen und Tiere präzise, atmosphärisch und bildhaft zu skizzieren, die Einsamkeit und die langsam verrinnende Zeit spürbar werden zu lassen.

Es geht um Liebe, Trauer, Sehnsüchte und Hoffnungen.

Für Gesprächskreise eignet sich insbesondere

  • auf das Vater/Sohn-Verhältnis zu schauen. Wie war es am Anfang? Wie entwickelte bzw. veränderte es sich im Laufe der Jahre?
  • das Verhältnis zwischen Helmer und seinen Zwillingsbruder Henk näher zu betrachten. Wie erlebten beide ihre gemeinsame Kindheit und wie wären sie eventuell als Erwachsene miteinander im Leben umgegangen?
  • Helmers Lebensweg nachzuspüren und sich mit folgender Frage zu beschäftigen: Blieb Helmer keine andere Wahl, als den Hof zu übernehmen?

 

„Oben ist es still“ von Gerbrand Bakker

Ein Bauernhof in Holland, Hühner, Schafe, Kühe und zwei Esel. Mittendrin Helmer van Wonderen, seit 35 Jahren Bauer wider Willen, verrichtet er tagein, tagaus die gleichen Arbeiten. Eine nie zuvor gesehene Nebelkrähe lässt sich vor dem Haus auf einen Ast nieder und versetzt ihn in Unruhe….

Buch im Kreis ...gemeinsam Literatur erleben

Jeden Monat finden Sie an dieser Stelle einen Roman aus den Neuerscheinungen der Taschenbücher. Der Text von Ursula Bittel gibt Anregungen und Impulse für Gesprächskreise.

Archiv

Ursula Bittel

Ursula Bittel ist kirchliche Büchereiassistentin und Mitarbeiterin in der Fachstelle für katholische Büchereiarbeit in Mainz. Sie liest sehr gerne Romane und mag zeitgenössische Lyrik.
Seit 2005 leitet sie einen Lyrikkreis. Weitere Hobbys sind Musik, Kunst und Reisen nach Frankreich.

Buchempfehlung[mehr]

Oben ist es still

von Gerbrand Bakker
SUHRKAMP(2010)
Taschenbuch
Roman. Ausgezeichnet mit dem International IMPAC Dublin Literary Award 2010 ISBN-10: 3518461427 ISBN-13: 9783518461426 MedienNr.: 333372 9.90 €
Borro-Rezension

Authentische Geschichte eines zerbrochenen Lebenstraumes.

Helmer van Wonderen war im dritten Semester seines Studiums der Sprach- und Literaturwissenschaft, als sein Zwillingsbruder Henk auf tragische Weise ums Leben kam. Helmer und Henk verband eine innige Beziehung, die aber den ersten Einbruch erlitt, al [mehr]

Elfriede Bergold
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