...gemeinsam Literatur erleben
Helmer van Wonderen, Mitte fünfzig, zieht Bilanz über sein bisheriges Leben. Er wurde 1947 geboren, einige Minuten vor seinem Zwillingsbruder Henk. Bauer zu werden war niemals sein Traum, er studierte im nahegelegenen Amsterdam Sprach- und Literaturwissenschaft. Henk war Vaters Liebling und er sollte einmal den Hof übernehmen. Aber durch einen tragischen Autounfall, von Henks damaliger Freundin Riet verursacht, starb der Zwillingsbruder und der Vater „bestimmte“, dass Helmer sein Studium abbricht und fortan an Henks Stelle den Hof weiterführt.
35 Jahre sind seitdem vergangen. Die Mutter ist seit nunmehr zehn Jahren tot und der Vater ein Pflegefall. Helmer verfrachtet seinen bettlägerigen Vater aus dem Elternschlafzimmer im Erdgeschoss, mit sämtlichen Möbel- und Erinnerungsstücken, nach oben in sein ehemaliges Kinderzimmer. Er kauft Möbel und streicht die Wände für sein neues Leben im Erdgeschoss. Den Vater versorgt er mal mehr, mal weniger.
„Vater hat die Mandarinen nicht gegessen. Eigentlich will ich von ihm nichts sehen und nichts hören. Ich habe ihn von unten nach oben gebracht, und jetzt könnte er sich von mir aus aufs Dach setzen und danach in die höchsten Wipfel der Pappeln am Rand des Hofs, um dann von einem Windstoß weggefegt zu werden, ab in die Luft. Das wäre am besten: wenn er einfach verschwinden würde.“ (S. 31)
Die Gefühle seinem Vater gegenüber pendeln zwischen Pflichtbewusstsein und Rache. Auf der einen Seite möchte er von seinem Vater geliebt werden, auf der anderen sich von ihm befreien. „Du bist mir zuwider, weil du mir mein Leben verdorben hast. Ich lasse keinen Arzt kommen, weil es meiner Ansicht nach höchste Zeit wird, dass du aufhörst, mir mein Leben zu verderben...“ (S. 215)
Seinen Zwillingsbruder vermisst er geradezu schmerzlich, so als wenn ihm eine Hälfte seines Körpers entrissen wurde. Wobei diese Innigkeit bereits zu Lebzeiten Henks einen Riss durch Riet erfuhr.
„Und Henk hatte Riet. Bis er ihr im Dezember 1965 in einer Kneipe in Monnickendam begegnet war, hatte Henk mir gehört, und ich Henk.“ (S. 69)
Und Riet ist es, die ihn nach über drei Jahrzehnten einfach anruft, ihn besucht und ihm ihren Sohn, der auch Henk heißt und sich in einer pubertären Phase befindet, zur Selbstfindung anvertraut.
Durch die Anwesenheit des jungen Henk werden seelisch nicht verarbeitete Erinnerungen gewaltig und machtvoll in die Gegenwart „katapultiert“. Das über 35 Jahre monotone, ruhig dahin plätschernde Leben von Helmer erfährt eine Wendung. Als auch noch der frühere, von ihm einst verehrte Knecht Jaap wieder in sein Leben tritt, muss er zu Entscheidungen kommen und endlich „erwachsen“ werden.
In kurzen, teilweise einfachen Sätzen vermag es dieser Roman, eine Landschaft und dessen Menschen und Tiere präzise, atmosphärisch und bildhaft zu skizzieren, die Einsamkeit und die langsam verrinnende Zeit spürbar werden zu lassen.
Es geht um Liebe, Trauer, Sehnsüchte und Hoffnungen.
Für Gesprächskreise eignet sich insbesondere
- auf das Vater/Sohn-Verhältnis zu schauen. Wie war es am Anfang? Wie entwickelte bzw. veränderte es sich im Laufe der Jahre?
- das Verhältnis zwischen Helmer und seinen Zwillingsbruder Henk näher zu betrachten. Wie erlebten beide ihre gemeinsame Kindheit und wie wären sie eventuell als Erwachsene miteinander im Leben umgegangen?
- Helmers Lebensweg nachzuspüren und sich mit folgender Frage zu beschäftigen: Blieb Helmer keine andere Wahl, als den Hof zu übernehmen?