Graues Gefieder an Kopf, Brust und Bauch, kastanienbraune und schwarze Federn an den Flügeln: Der Spatz ist ein eher unscheinbarer Vogel - und doch den meisten Menschen aus Stadt und Land vertraut. In Biergärten hüpft er zwischen den Tischen herum und sammelt die heruntergefallenen Brosamen ein. Gelegentlich wagt er sich ganz mutig nah an die Menschen heran und pickt Krümel von Tischen, an denen noch jemand sitzt.
Kaum jemand käme auf die Idee, diesen anspruchslosen und anpassungsfähigen Vogel als gefährdet einzustufen. Und doch registrieren Biologen seit einigen Jahren besorgt, dass die Bestandszahlen des Haussperlings, wie der Spatz korrekt bezeichnet wird, zurückgehen, weshalb ihn der Naturschutzbund Deutschland (NABU) vor einigen Jahren zum Vogel des Jahres wählte. Als Ursachen dafür nennt der NABU die industrialisierte Landwirtschaft, die dem Spatz immer weniger Getreidereste auf den Feldern übrig lässt, und die Unsitte, im Herbst in Parkanlagen und Hausgärten das Laub mit Laubsaugern zu entfernen. Mit dem Laub verschwinden auch Sämereien und Insekten, die der Haussperling für die Aufzucht seiner Jungen braucht. Auch der Rückgang von Nistmöglichkeiten macht dem Spatz das Leben schwer. Zum Nestbau benötigt er Nischen oder Mauerspalten, die bei Gebäudesanierungen oft verschlossen werden.
Noch ist der Spatz nicht so stark gefährdet wie Feldhamster, Sumpfschildkröte oder Korallenriffe. Doch die menschlichen Lebensgewohnheiten machen ihm das Leben schwer - und vielen Tieren und Pflanzen inzwischen unmöglich. Nach Daten der Weltnaturschutzorganisation IUCN sind heute weltweit mehr als 16 000 Arten vom Aussterben bedroht. Das ist einer der Gründe, warum die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) das Jahr 2010 zum Internationalen Jahr der biologischen Vielfalt erklärt hat. Aber nicht nur Tiere und Pflanzen, auch ganze Ökosysteme müssen geschützt werden. Jährlich werden 13 Millionen Hektar Wald abgeholzt, die Korallenriffe in der Karibik sind bereits zu 80 Prozent zerstört und allein in Deutschland, so berichtet das Bundesamt für Naturschutz, sind 72 Prozent aller Lebensräume gefährdet oder akut von der Vernichtung bedroht.
Mit dem Jahr der biologischen Vielfalt will die Generalversammlung vor allem den Verlust an biologischer Vielfalt stoppen. Weiterhin soll ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass das Wohl des Menschen von biologischer Vielfalt abhängt, und auch bereits erzielte Erfolge sollen verdeutlicht werden. Die UNESCO als Sonderorganisation der Vereinten Nationen fördert seit Jahrzehnten internationale Forschungsprogramme über biologische Vielfalt. Deshalb hat sie für das Jahr 2010 ein umfangreiches Programm zum Erhalt der genetischen Vielfalt, des Artenreichtums und für die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen erstellt.
Was ist biologische Vielfalt?
Biologische Vielfalt oder Biodiversität sind Begriffe, die uns in den letzten Jahren immer häufiger in Zeitungen und Nachrichten begegnen. Sie umfasst die gesamte Vielfalt des Lebens auf unserer Erde. Damit ist nicht nur die Vielfalt zwischen und innerhalb unterschiedlicher Arten gemeint, sondern auch die Vielfalt an Lebensräumen oder Ökosystemen. Die Artenvielfalt ist regional sehr unterschiedlich verteilt. Beispielsweise leben zwei Drittel der an Land lebenden Tier- und Pflanzenarten in den tropischen Regenwäldern. Die Artenvielfalt der Meere ist noch weitgehend unerforscht. Biodiversität ermöglicht erst die Weiterentwicklung unter sich verändernden Bedingungen auf der Erde, die in einem Gleichgewicht der Arten mündet. Es besteht Forschungsbedarf für die komplexen Wechselbeziehungen zwischen den Arten, jedoch weiß man, dass ein Eingreifen des Menschen schon zu einem Ungleichgewicht geführt hat, dessen Folgen unabsehbar sind.
Rasant wie nie
Was ist aber an dieser Vielfalt so wichtig? Brauchen wir wirklich jeden Käfer, jedes Kraut oder Unkraut? Arten sind im erdgeschichtlichen Verlauf ständig neu aufgetaucht aber auch ausgestorben. Fast 99 Prozent aller Arten, die jemals auf der Erde gelebt haben, sollen bereits wieder ausgestorben sein. Sorge macht den Wissenschaftlern aber heute vor allem, dass die aktuelle Rate des globalen Artensterbens die angenommene natürliche Aussterberate um das 100- bis 1 000-fache übersteigt. Mit anderen Worten: Das Artensterben geht so rasant vonstatten wie nie. Experten schätzen, dass weltweit jeden Tag 150 Tier- und Pflanzenarten aussterben. Allerdings ist bis heute nicht genau zu ermitteln, wie hoch die tatsächliche Zahl der auf der Erde lebenden Pflanzen- und Tierarten ist. Schätzungen liegen zwischen 10 und 100 Millionen, wobei 15 Millionen die am weitesten verbreitete Annahme ist. Bis heute kennt man 1,7 bis 1,8 verschiedene Arten weltweit. Lebenswichtige Güter, die wir Menschen oft selbstverständlich und zum Teil kostenlos nutzen - wie Sauerstoff, Kohlenstoff, Wasser, Nahrungsmittel - können dauerhaft nur durch intakte Ökosysteme zur Verfügung gestellt werden. Voraussetzung dafür ist, das dafür nötige komplizierte Zusammenspiel unterschiedlicher Arten mit all ihren Wechselbeziehungen zu begreifen und vor allem zu erhalten. Denn der Mensch ist von funktionsfähigen Ökosystemen abhängig; sie bilden seine Lebensgrundlage.
Aber auch wirtschaftliche Aspekte spielen eine Rolle. Laut der Deutschen UNESCO-Kommission schätzen Wissenschaftlicher, dass uns die Natur jedes Jahr mit Dienstleistungen im Wert von 30 bis 60 Billionen US-Dollar versorgt, die aber volkswirtschaftlich nicht berücksichtigt werden. Jeder technische Ersatz, falls überhaupt möglich, wäre enorm kostspielig.
Außerdem haben Pflanzen und Tiere, die den Menschen schon über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende begleiten, einen hohen kulturellen und ethischen Wert, denn sie sind mit unserer Geschichte eng verbunden. Wir sind - nicht zuletzt aus der christlichen Schöpfungsverantwortung heraus - verpflichtet, die Natur für die nachfolgenden Generationen zu erhalten.
Abgesehen davon spielt die Natur in Ihrer ganzen Vielfalt eine wichtige Rolle als Rückzugs- und Erholungsraum für den Menschen.
Konzentration auf wenige Arten und Rassen
Fast der gesamte Bedarf an pflanzlichen Nahrungsmitteln der Weltbevölkerung wird heute mit nur 30 Pflanzenarten gedeckt. Nur drei Pflanzenarten - Mais, Reis und Weizen - decken dabei den Grundbedarf an Nahrungsenergie von gut der Hälfte aller Menschen. Auch bei den Nutztieren erfolgt eine immer stärkere Konzentration auf wenige Arten und innerhalb der Arten auf immer weniger Rassen: In den letzten sieben Jahren ist weltweit pro Monat eine Nutztierrasse ausgestorben. Dieser hohe Verlust der Biodiversität kann für die Menschen noch unübersehbare Folgen haben. Denn zur Versorgung der immer weiter steigenden Weltbevölkerung ist es nötig, den Artenreichtum zu erhalten. Allein 10 000 bis 20 000 Pflanzenarten werden laut dem Bundesumweltministerium weltweit für Arzneimittel benötigt. Nur ein breit angelegtes genetisches Potenzial ist in der Lage, sich veränderten Umweltbedingungen anzupassen. Sollten die heute wichtigen Nahrungspflanzen durch zum Beispiel den Klimawandel oder bestimmte Schadorganismen bedroht sein, ist es wichtig, auf Alternativen mit unterschiedlichem genetischen Code zurückgreifen zu können, die möglicherweise gegen diese Krankheiten oder Organismen resistent sind oder sich veränderten Bedingungen einfach besser anpassen können.
Der Mensch als Verursacher
Neben Naturereignissen und klimatischen Veränderungen, die im Verlauf der Erdgeschichte zum Aussterben von Tier- und Pflanzenarten geführt haben, hat der Mensch in alle Ökosysteme - mehr oder weniger, direkt oder indirekt, bewusst oder unbewusst - eingegriffen. In der jüngeren Vergangenheit ist die Menschheit aber mehr und mehr zum maßgeblichen Verursacher des Artenverlustes geworden.
- Intensive Land-, Forst- und Fischwirtschaft findet ohne Rücksicht auf die Natur statt: (Regen-)Wälder werden abgeholzt, eine immer ausgeklügeltere Fischereitechnik führt dazu, dass ganze Meeresregionen leergefischt werden. Monokulturen beschleunigen den Rückgang natürlicher Lebensräume.
- Der Klimawandel, ausgelöst durch den hohen Ausstoß von Kohlendioxid, führt zur Einschränkung und Veränderung von Lebensräumen.
- Ein hoher Energie- und Rohstoffverbrauch bedingt die Ausbeutung natürlicher Ressourcen: In Entwicklungsländern werden Monokulturen von zum Beispiel Sojabohnen oder Ölpalmen auf Kosten der natürlichen Lebensräume angelegt.
- Eingeschleppte Arten verdrängen die heimische Tier- und Pflanzenwelt und stören oder vernichten das ökologische Gleichgewicht.
- Der Handel mit geschützten Arten begünstigt deren Rückgang bzw. Verlust.
- Umweltverschmutzung zerstört Lebensräume.
Ziel nicht erreicht
Weltweit ist der Rückgang der Biodiversität als Problem erkannt und anerkannt worden. Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen und die London Konvention zum Schutz des Meeres, die Weltkonferenzen für Umwelt und Entwicklung, das Kyoto-Protokoll, die deutsche nationale Strategie zur biologischen Vielfalt beweisen dies. „Eigentlich war es so, dass das Jahr 2010 dafür stehen sollte, dass wir bis dahin eine deutliche Reduktion des Biodiversitätsverlustes erzielen. Dieses Ziel werden wir nicht erreichen", musste Bundeskanzlerin Angela Merkel in Ihrer Eröffnungsrede zum Auftakt des Jahres der Biodiversität einräumen. Als wichtigste Maßnahmen zum Erhalt der biologischen Vielfalt nannte sie die finanzielle Investition in den Schutz und die Erhaltung von Ökosystemen, ein weltweites Netz an Schutzgebieten zu Wasser und zu Land, eine Beteiligung der Herkunftsländer der genetischen Ressourcen an deren Vorteilen sowie die Bedeutung biologischer Vielfalt noch besser als bisher zu erklären und zu kommunizieren.
Aber nicht nur die Politik, auch jeder Einzelne kann zum Erhalt von Artenvielfalt und intakten Ökosystemen beitragen. Energiesparen hilft, den Kohlendioxidausstoß zu senken und trägt damit langfristig dazu bei, den Klimawandel abzubremsen. Speisefische sollte man nur mit MSC-Siegel kaufen. Der Marine Stewardship Council ist eine Organisation, die sich für eine nachhaltige und verantwortungsvolle Befischung der Meere einsetzt. Wildlebende Pflanzen gehören in die Natur, nicht in die Blumenvase, wildlebende Tiere fühlen sich in ihrem natürlichen Lebensraum am wohlsten.
Wer beim Lebensmitteleinkauf zu regionalen und saisonalen Produkten greift, trägt ebenfalls dazu bei, den Klimawandel langfristig abzumildern und dadurch auch einen Beitrag zur Artenvielfalt zu leisten. Erdbeeren mögen auch im Winter verlockend sein, aber sie haben einen langen und energieaufwändigen Transport aus fernen Ländern hinter sich.
Und der Haussperling? Ihm zu helfen, ist gar nicht schwer. Vor allem müssen Gärten und Grünanlagen wieder naturnäher werden, fordert der NABU. Mehr Platz für den Spatz kann man selbst in der Stadt schaffen, indem man Nischen und Mauerspalten erhält oder Nisthilfen anbringt. Informationen zu naturnahen Gärten und Nisthilfen finden Sie auf der Internetseite des NABU Deutschland und in unseren Medienempfehlungen.
Bleibt zu hoffen, dass das Jahr der biologischen Vielfalt eine Sensibilisierung in den Köpfen vieler Menschen bewirkt, damit wir diese, laut Bundesumweltminister Norbert Röttgen, dringlichsten globalen Herausforderungen unserer Zeit dauerhaft bewältigen können.
Antje Elfrich