Armut und soziale Ausgrenzung sind - wenn auch in verschiedenen Ausprägungen - in allen Ländern Europas ein Problem. Gerade durch die Auswirkungen der Wirtschaftskrise wird auch die große Bedeutung der sozialen Sicherungssysteme klar erkennbar. Die Zahlen sprechen für sich: 16,5 Prozent der Bevölkerung in den 27 Staaten der EU sind armutsgefährdet. Das entspricht ca. 80 Millionen Menschen. In Deutschland sind etwa 12 Millionen Menschen armutsgefährdet. Das bedeutet, sie haben ein Einkommen unterhalb von 60 Prozent des mittleren Einkommens. Für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren sind das nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes derzeit Netto 1848 € pro Monat [Beleg]. Obwohl nicht alle dieser 12 Millionen Menschen tatsächlich arm sind - zum Beispiel, weil sie nur kurzfristig ein niedriges Einkommen haben und die Armutsgefährdung wenig oder keine negativen Auswirkungen hat - müssen viele Menschen dauerhaft mit einem sehr niedrigen Einkommen auskommen.
Besonders stark von Armut betroffen sind Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende und Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss. Ein überdurchschnittliches Armutsrisiko haben auch Kinder, wenn sie viele Geschwister haben oder nur bei einem Elternteil aufwachsen.
Gesichter der Armut
Immer wieder erfahren die Dienste und Einrichtungen der Caritas in ihrer täglichen Arbeit, was Armut für die betroffenen Menschen bedeutet. Und sie stellen fest: Wege in die Armut gibt es viele. Armut kann durch den Verlust des Arbeitsplatzes ausgelöst werden, aber auch durch die Trennung vom Partner oder dessen Tod, durch eine Krankheit oder durch Flüchtlingsschicksale. Wenn Kinder im Haushalt leben, sind sie meistens mitbetroffen.
Armut hat viele Gesichter. Sie ist nicht nur fehlende materielle Absicherung. Oft ist sie verbunden mit gesundheitlichen Problemen - körperlichen und psychischen. Spätestens seit PISA ist klar, dass der Bildungserfolg stark vom sozialen Umfeld abhängt.
Armut wird sichtbar durch mangelnde Teilhabechancen.
Armut grenzt aus. Wenn Kinder nicht an Schulausflügen teilnehmen, weil ihre Eltern kein Geld dafür haben. Wenn der Erfolg in der Schule ausbleibt, vielleicht nur weil der Platz zum Hausaufgaben machen fehlt oder die Nachhilfe unerschwinglich ist. Wenn die soziale Herkunft mehr Einfluss auf die Zukunft hat als das individuelle Können. Aber auch dann, wenn Menschen nicht mehr miteinander reden, weil ihre Lebenswelten so unterschiedlich sind, dass sich keine Anknüpfungspunkte mehr ergeben.
Armut führt zu Abgrenzung. Sie spaltet unsere Gesellschaft. Ausdrücke wie „die da oben", „Unterschicht" oder „Prekariat" zeugen davon. Ein weiteres Zeichen: Bei der Bundestagswahl 2009 lag die Wahlbeteiligung in „armen" Stadtteilen deutlich niedriger als in „wohlhabenden". Ängste der Mittelschicht, abzusteigen, können die Solidarität in der Gesellschaft untergraben.
Europäisches Aktionsjahr
Die Europäische Union hat das Jahr 2010 zum Europäischen Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung ausgerufen. Einer der Gründe: Schon im Jahr 2000 hatte sich die EU im Rahmen des Lissabonvertrags Ziele zur Bekämpfung der Armut gesetzt, die bis heute nicht erreicht wurden. Auf diesen Umstand soll aufmerksam gemacht werden und die Gelegenheit ergriffen werden, Strategien der Armutsvermeidung und -beseitigung auf den Prüfstand zu stellen. Mit der Ausrufung des Europäischen Jahres verbindet die EU folgende Ziele:
Die Anerkennung von Rechten
Insbesondere das Grundrecht auf ein Leben in Würde und umfassender Teilhabe an der Gesellschaft der von Armut und sozialer Ausgrenzung Betroffenen soll anerkannt werden. Dazu dienen die Bewusstseinsschärfung der Öffentlichkeit, die Förderung des effektiven Zugangs zu Rechten sowie die Bekämpfung von Stereotypen und Stigmatisierung.
Gemeinsame Verantwortung und Teilhabe
Die Öffentlichkeit soll sich mit den Anliegen des Europäischen Jahres identifizieren und die Verantwortung der Allgemeinheit und des Einzelnen dafür erkennen. Dabei soll ehrenamtliche Tätigkeit und Sensibilisierung unterstützt und gefördert werden ebenso wie das Engagement dafür.
Zusammenhalt
Der soziale Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft soll gefördert werden.
Engagement und konkretes Handeln
Beides soll sowohl von der Politik als auch von den sonstigen gesellschaftlichen Akteuren sowie den ehrenamtlich Tätigen gefordert werden.
Die deutsche Bundesregierung hat für sich drei größere Themenschwerpunkte gewählt: Kinderarmut, Integration in den Arbeitsmarkt und die Förderung von selbstbestimmter Teilhabe. Auch die Caritas beteiligt sich am Europäischen Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung. Denn sie setzt sich für eine solidarische und gerechte Gesellschaft ein, in der arme und benachteiligte Menschen Perspektiven für ein gelingendes Leben entwickeln können. Das Ziel der Caritas-Arbeit: Menschen, und dabei insbesondere schwache und benachteiligte Menschen zu stärken, damit sie ihre Ziele selbständig erreichen können. So hat die europaweite Caritas das Europäische Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung zum Anlass genommen, die Kampagne „Zero Poverty - Gemeinsam gegen Armut" zu starten. Die Kampagne wird gemeinsam von 47 europäischen Caritasverbänden in 43 Ländern durchgeführt.
Caritas: Zero Poverty
Die Kampagne will Aufmerksamkeit erzeugen für die Menschen am Rande der Gesellschaft und Lösungsansätze liefern. Die europäischen Kampagnenziele sind die Bekämpfung der Kinderarmut, das Erreichen eines Mindestmaßes an sozialer Sicherung, die Verbesserung der Zugänge zu Gesundheits- und sozialen Dienstleistungen und die Sicherung guter Beschäftigungsverhältnisse in Europa. Für diese Ziele werden mittels einer Petition Stimmen gesammelt. Die Unterschriften sollen am Ende des Jahres Politikern der europäischen Institutionen übergeben werden.
Für Deutschland hat der Deutsche Caritasverband unter www.zeropoverty.de ein Weblog eingerichtet, auf dem Betroffene und Caritas-Experten schreiben, wie Armut erlebt wird und aktuelle sozialpolitische Entwicklungen kommentieren. In einem Veranstaltungskalender sind verschiedene Veranstaltungen der Caritas zum Europäischen Jahr aufgeführt. Für Deutschland gibt es darüber hinaus konkrete sozialpolitische Vorschläge für eine strukturelle Verbesserung der Situation benachteiligter Menschen in Deutschland. Drei Themen stehen dabei im Mittelpunkt: Armut vorbeugen, das Existenzminimum sichern, soziale Ausgrenzung vermeiden und selbstbestimmte Teilhabe fördern.
Weil Armut viele Gesichter hat, muss ihre Bekämpfung auf mehreren Ebenen ansetzen. Dazu gehört die materielle Absicherung des soziokulturellen Existenzminimums ebenso wie die Befähigung und Unterstützung benachteiligter Menschen. So kann Armut vorgebeugt oder der Ausstieg aus der Armut möglich werden. Dazu gehört aber auch eine Politik, die Teilhabe ermöglicht, indem sie allen Menschen erlaubt, selbstbestimmt an der Gesellschaft teilzunehmen und sie zu gestalten. Und eine Politik, die konsequent gegen Ausgrenzung vorgeht. Nur im Zusammenspiel dieser Elemente kann es gelingen, Armut und ihre Begleiterscheinungen nachhaltig zu bekämpfen. Jeder und jede kann und muss dazu einen Beitrag leisten. Das Positionspapier mit den konkreten Forderungen kann ebenso wie andere Positionen der Caritas zum Thema Armut und soziale Ausgrenzung unter www.zeropoverty.de abgerufen werden.
Teilhabe fördern
Eng mit dem Europäischen Jahr und der Kampagne Zero Poverty verbunden ist auch die Teilhabeinitiative des Deutschen Caritasverbandes. Selbstbestimmte Teilhabe ist das zentrale Thema der Caritas von 2009 bis 2011. Eine der Grundfähigkeiten, die zu einem menschenwürdigen Leben gehören, ist die Fähigkeit, dieses zu gestalten und sich auf familiäre und gesellschaftliche Interaktion einzulassen. Das alles setzt Teilhabe voraus. Es geht um Teilhabe in verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens. Alle Bürger/innen haben ein Recht auf Teilhabe an politischen und wirtschaftlichen Prozessen. Sie haben auch ein Recht auf soziale und kulturelle Teilhabe. Menschsein findet in sozialen und politischen Kontexten statt, eine fehlende Teilhabe daran hat existenzielle Folgen. Teilhabe heißt gleiche Zugangsmöglichkeiten zu allen gesellschaftlichen Bereichen. Teilhabe bedeutet dazuzugehören, einen Platz in der Gesellschaft zu haben und gebraucht zu werden. Sie heißt auch, Handlungsspielräume zu haben und die eigene Lebenssituation verändern zu können. Menschen, die in verfestigter Armut leben und ausgegrenzt sind, haben diese Teilhabechancen nicht oder kaum. Sie fühlen sich oft abgehängt von den Prozessen und der Zukunft einer Gesellschaft. Mit seiner Teilhabeinitiative will der Deutsche Caritasverband dazu beizutragen, dass alle Menschen gleichberechtigt die Chance haben, ihr eigenes Leben und das einer offenen Bürgergesellschaft mit zu gestalten. Selbstbestimmte Teilhabe ist eine entscheidende Bedingung, um gesellschaftliche Ausgrenzung zu verhindern bzw. abzubauen. Der einzelne Mensch mit seinen Vorstellungen und Wünschen soll ernst genommen werden, gerade auch dann, wenn er oder sie arm, krank, betagt oder behindert ist. Im Kern geht es um Würde und Gerechtigkeit.
Selbstbestimmung und Bewusstseinsbildung
Die Initiative der Caritas wirkt vorrangig nach innen: In allen Arbeitsfeldern der Caritas soll die Perspektive der selbstbestimmten Teilhabe integriert und weiterentwickelt werden. Bereits funktionierende Modelle sollen zusammengestellt und intern besser bekannt gemacht werden. Fachliche Konzepte werden auf dieser Basis weiterentwickelt und verbandliche Aktivitäten vernetzt und ausgebaut. Die Dienste und Einrichtungen der Caritas stärken die Möglichkeiten zur selbstbestimmten Teilhabe innerhalb ihrer Angebote. Insbesondere sollen die Mitbestimmungsmöglichkeiten und Beteiligungsformen der Zielgruppen bei der Gestaltung von Angeboten der Caritas verbessert werden. So leistet die verbandliche Caritas einen aktiven Beitrag zur Verbesserung der selbstbestimmten Teilhabe und der dafür notwendigen Rahmenbedingungen.
Daneben soll die Initiative die gesellschaftliche Bewusstseinsbildung fördern und das ehrenamtliche / freiwillige Engagement stärken. Drei Zielgruppen werden in Jahreskampagnen besonders in den Blick genommen: Menschen am Rande, Menschen im Alter und Menschen mit Behinderung. Die Kampagne Zero Poverty ist ebenfalls mit der Teilhabeinitiative verbunden.
Mit Initiative und Kampagne will die Caritas dazu beitragen, die Armut und soziale Ausgrenzung in Deutschland und Europa nachhaltig zu lindern und Solidarität in der Gesellschaft zu fördern. Gerade in schwierigen ökonomischen Zeiten dürfen die Ränder der Gesellschaft nicht vergessen werden, sondern müssen aktiv in die Gestaltung der Zukunft einbezogen werden. Auch wenn gespart werden muss, darf Teilhabe und Armutsbekämpfung, insbesondere auch durch Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik nicht zu kurz kommen. Investieren wir heute nicht in unsere Zukunft durch eine geeignete Sozialpolitik, stehen wir morgen in einer Situation zwischen sozialer Spaltung, Massenarbeitslosigkeit und Fachkräftemangel.
Dr. Verena Liessem