Kennen Sie René Favaloro? Der renommierte Herzchirurg hat die erste Bypass-Operation der Welt durchgeführt – und ist Argentinier. Ebenso wie Evita Perón, Che Guevara, die Comicfigur Mafalda, der Journalist Rodolfo Walsh, typische Landschaften und argentinische Produkte steht sein Name auf der Website zur Feier des „Bicentenarios“. Anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Mai-Revolution – dem ersten Schritt auf dem Weg zur Unabhängigkeit von dem spanischen Vizekönigtum und hin zur Republik – sucht Argentinien nach Symbolen und Persönlichkeiten, welche die Nation verkörpern. Mit einer grandiosen Zeremonie beging das Land diesen wichtigen Jahrestag am 25. Mai 2010 und das Kulturzentrum „Casa Nacional del Bicentenario“ wurde eröffnet. Doch richtig euphorisch mögen die Argentinier nicht mitfeiern. Die Zeiten sind schwierig, wie so oft in den letzten 200 Jahren.
Krisenerprobt
Die Wirtschaft hat sich gerade von der letzten Staatspleite erholt, die 2001/2002 mit Menschenschlangen vor Banken begann und in einer Armutsquote von über 50 Prozent der Bevölkerung gipfelte, als die internationale Wirtschaftskrise auch über Argentinien hereinbrach. Die Exporte brachen ein, die Inflationsrate liegt wieder dauerhaft im zweistelligen Bereich. Dass die offiziellen Zahlen von staatlicher Stelle deutlich tiefer liegen, ändert nichts an der Tatsache, dass der Aufschwung der letzten Jahre – Argentinien profitiert als Exportland von hohen Preisen für Soja, Weizen und Rindfleisch – eingeknickt ist. Aber die Argentinier sind es gewohnt. „Wir wissen, was Krise wirklich bedeutet“, sagt Felipe Pigna, Historiker und erfolgreicher Buchautor.
Auch wenn sich die Armutsquote inzwischen wieder bei etwa 30 Prozent eingependelt hat (auch hier variieren die Zahlen je nach Quelle), klafft eine immer größere Lücke zwischen Reich und Arm. Argentinische Unternehmer beziehen Höchstgehälter im lateinamerikanischen Vergleich, in Buenos Aires’ Trendquartier Puerto Madero soll bis 2013 gar ein 6-Sterne-Luxushotel entstehen, das sich zu den bereits stehenden Schaustücken moderner Architekturgrößen gesellen wird. Die Oberschicht versucht, ihre Pfründe zu bewahren, wie der heftige Widerstand gegen das neue Mediengesetz zeigte, das die Konzessionen und das Medienschaffen im Allgemeinen regelt. Das Gesetz trat Ende Juni in Kraft und löste das alte, noch aus Diktaturzeiten (1976-1983) stammende ab, das die Verfestigung von Monopolen wie der Mediengruppe Clarín ermöglicht hatte. Deren Inhaberin, Ernestina Herrera de Noble, hat noch ganz andere Sorgen. Es besteht der dringende Verdacht, dass ihre Adoptivkinder Kinder von „Verschwundenen“ sind. Während der Militärdiktatur vor dreißig Jahren wurden rund 500 Kinder entführt oder ihren Müttern direkt nach der Geburt weggenommen und regimetreuen kinderlosen Paaren übergeben.
Jahr der Prozesse
2010 ist ein Jahr der Prozesse in Argentinien. Verfahren, die in den 1990er Jahren unter Präsident Carlos Menem und seinen Amnestiegesetzen eingestellt wurden, werden aktuell neu aufgerollt und verhandelt. Auch der Ex-Diktator Jorge Rafael Videla steht diesen Herbst wieder vor Gericht und muss sich für Entführungen und Morde verantworten. Möglich gemacht haben dies der jahrzehntelange Kampf von Opferorganisationen für Gerechtigkeit und gegen das Vergessen. 2003 hob der Kongress die Amnestiegesetze auf, welche die Militärs vor strafrechtlicher Verfolgung schützten. Zentrale Protagonisten in dieser Zeit des Widerstands waren und sind die Mütter der Plaza de Mayo, bekannt durch ihre Demonstrationen, die sie seit dem 30. April 1977 jeden Donnerstag vor dem Präsidentenpalast in Buenos Aires abhalten. Sie erinnern an die Gräuel der Diktatur und die geschätzten 30.000 desaparecidos (span. Verschwundenen), die vom Militär verschleppt, gefoltert und in vielen Fällen getötet wurden. Traurige Bekanntheit haben die „Todesflüge“ erhalten: Gefangene wurden betäubt, in Flugzeuge verfrachtet und über dem offenen Meer hinausgeworfen. Viele der grausamen Misshandlungen wurden in der Mechanikerschule der Marine in Buenos Aires, der ESMA, begangen. Im ehemaligen Geheimgefängnis ist heute eine Gedenkstätte eingerichtet und ein neu zu schaffendes Menschenrechtsinstitut soll dort ebenfalls seinen Sitz haben.
Die Madres de la Plaza de Mayo, die Mütter der verschwundenen Kinder, inzwischen abuelas (span. Großmütter), sind müde geworden. Ein Generationenwechsel findet statt, nun sind es die H.I.J.O.S., die „Nachkommen für die Identität und die Gerechtigkeit, gegen das Vergessen und Verschweigen“, die mit neuer Kraft vor Gerichtsgebäuden demonstrieren und über Probleme wie langwierige Verfahren und Bedrohungen von Zeugen und Nebenklägern informieren. Die Aufarbeitung der Diktatur findet nicht nur vor Gericht statt, auch in der Literatur ist das Thema allgegenwärtig (siehe Artikel in BiT 3/2010).
Bildung
Literatur, ja Kultur allgemein hat in Argentinien auch in schwierigen Zeiten einen hohen Stellenwert. Während der großen Krise 2001/2002 sei kein Theater geschlossen worden, sondern die Zahl der Literatur-, Tanz- und Theaterkurse sei im ganzen Land angestiegen, berichtete Magdalena Faillace, die Präsidentin des argentinischen Organisationskomitees letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse. Auch Geselligkeit wird groß geschrieben und für eine Runde Mate (mehr zu diesem Ritual im nebenstehenden Link) findet sich immer Zeit, auch wenn viele Argentinier neben ihrer Arbeit einer zusätzlichen Erwerbstätigkeit nachgehen, damit das Geld reicht. Studenten belegen Abendkurse, die die Universitäten bis 23 Uhr anbieten, damit sie tagsüber arbeiten können. Der Zugang zum Studium an Universität oder Fachhochschule steht allen offen, welche die obligatorische Schulzeit mit dem Bachillerato beenden. Obwohl es in Argentinien keine Aufteilung in verschiedene Schulstufen gibt, schaffen nicht alle Schüler/innen diesen Abschluss. Die Zahl der vorzeitigen Schulabgänger steigt erschreckend rasch an, weil die Kinder arbeiten gehen oder ganz aus dem System aussteigen. Bei den Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren liegt die Zahl der Erwerbstätigen bereits bei 20 Prozent; in ländlichen Regionen liegt der Anteil gar bei 30 Prozent. Aber auch wer studiert hat und verhältnismäßig gut verdient, kann wenig Geld zurücklegen. Sparen lohnt sich bei den hohen Inflationsraten kaum, Reisen nach Europa, von denen viele Junge träumen, werden bei den fliegenden Wechselkursen fast unbezahlbar teuer (1 Arg. Peso = 0,20 €, Stand: 1.9.2010).
Fleisch und Spiele
Für ein asado, Grillen unter Freunden oder mit der Familie, reicht es jedoch fast immer. Fleisch – sprich Rindfleisch – ist erschwinglich und wird in für uns Mitteleuropäer ungewohnt großen Mengen auf offenem Feuer oder in speziellen Grillstellen zusammen mit Würsten langsam gegart, während man sich bei einem Bier über die Arbeitswoche, Politik und natürlich Sport unterhält. Sport ist zuerst und vor allem Fußball in Argentinien. Über die Albiceleste, wie die Nationalmannschaft wegen ihrer hellblau-weiß gestreiften Trikots genannt wird, Maradona und jüngere Spieler wie aktuell Lionel Messi brauchen wir im Jahr der Fußball-WM keine weiteren Worte zu verlieren. Der offizielle Nationalsport des Landes ist jedoch ein ganz anderer: pato, ein Ballspiel, das mit Pferden ausgeübt wird. Ähnlich wie beim Polo sitzen die Spieler zweiter Mannschaften auf Pferden und versuchen, von Hand einen Ball mit Henkeln ins gegnerische Tor zu werfen, das wie ein überdimensionierter Käscher auf dem Feld steht. Das Spiel erfunden haben vor vielen hundert Jahren Gauchos in der Pampa. Sie traten in großen Gruppen gegeneinander an und verwendeten statt des Balls eine lebende Ente (pato auf Spanisch).
Attraktives Einwanderungsland
Die Gauchos spielten im Befreiungskrieg und den anschließenden Machtkämpfen von 1810 bis 1825 eine wichtige Rolle, später entstand gar eine literarische Gattung um den Lebensstil der Gauchos. Das bekannteste Werk ist das Gedicht „Martín Fierro“ von José Hernández und prägt noch immer das Bild dieser nationalen Symbolfigur. Mit den heute auf dem Land lebenden Viehzüchtern hat das stark romantisierte Bild bis auf die Bezeichnung wenig gemein. Wie die restliche Landbevölkerung, Bauern und Indigene, sind sie aus dem Blickfeld des stark urbanisierten Argentiniens geraten. Leben heute 88 Prozent der rund 40 Millionen Einwohner in Städten, waren die Verhältnisse vor der Unabhängigkeit fast umgekehrt. Zwischen 1880 und 1912 wanderten viele Italiener und Spanier ein, ließen sich in Städten und sogenannten „Kolonien“ auf dem Land nieder. Im zweiten Weltkrieg suchten viele Juden Zuflucht in Südamerika und einige Jahre später mussten sie sich ihr Exilland mit Alt-Nazis teilen, da Juan Perón, der große Arbeiterführer der 1950er Jahre, das Land mit Hilfe deutscher Ingenieure zu einer Industrienation machen wollte. Die zahlreiche Einwanderung verstärkte die Dominanz der Küstenregion und der Hauptstadt Buenos Aires, in deren Metropolregion fast jeder dritte Argentinier lebt. Es verwundert unter diesen Umständen wenig, dass viele Argentinier glauben, es gäbe keine Indigenen mehr in ihrem Land. Derweil kämpfen diese für ihre Landrechte, gegen Umweltverschmutzung und die Gefährdung ihrer Lebensgrundlage und Gesundheit sowie gegen die immer noch reichlich vorhandenen und in der Alltagssprache verankerten Vorurteile gegen die indios, wie die Indigenen abschätzig genannt werden.
Unter rassistischen Vorurteilen haben auch viele der neuesten Zuwanderer zu leiden. Aus den ärmeren Nachbarländern Paraguay und Bolivien, aber auch von weiter nördlich bis aus Haiti suchen Menschen, meist mit dunkler Hautfarbe und indigenen Zügen, in Argentinien ihr Glück und vor allem bessere Lebensumstände. Sie treffen nicht das goldene Land an, sondern finden sich im schlimmsten Fall sogar unter sklavenähnlichen Bedingungen wieder. Wohlhabende Zuwanderer, insbesondere vom europäischen Typ, treffen auf offene und herzliche Argentinier, die sich selbst als „weiß“ sehen.
Faszinierende Vielfalt
Auch wer nicht gleich auswandern will: Eine Reise in das zweitgrößte Land Südamerikas lohnt sich auf jeden Fall. Neben der pulsierenden Hauptstadt Buenos Aires, in der es so viel zu entdecken gibt und die im August 2005 zur ersten „UNESCO City of Design“ gekürt wurde, sind sicher die Iguazú-Wasserfälle im (sub-)tropischen Nordostzipfel an der Grenze zu Brasilien ein Highlight. Auf der argentinischen Seite teilt sich der Fluss in viele kleine Fälle auf, die über kleine Stege und schmale Pfade aus nächster Nähe bestaunt werden können. Nicht weit entfernt stehen noch Überreste der Jesuitenreduktionen, die als Schutzgebiete für die Guaraní erbaut und zur Missionierung genutzt wurden und heute zum Weltkulturerbe der UNESCO gehören. Auf einer fast achtmal größeren Fläche als Deutschland bietet Argentinien klimatisch und landschaftlich viel Abwechslung: Die Anden, Nebelwald, Wüste, Savanne oder die mit Seen, Nadelwäldern und Bergen alpin anmutende Region um den beliebten Ferienort Bariloche. In vielen Städten stehen noch Gebäude aus der Kolonialzeit und strahlen einen ganz besonderen Charme aus. Die Gegend um Mendoza ist berühmt für ihren Wein. Die argentinische Weinproduktion liegt mit 12,1 Millionen Hektoliter etwas vor derjenigen Australiens und derjenigen Deutschlands (9,2 Mio. hl).
Platz für Sehnsucht und Träume bieten die Weiten der Pampa und Patagoniens, das etwa auf der Höhe von Viedma beginnt. Lassen Sie sich von den schier endlosen, menschenleeren Landstrichen nicht zu sehr täuschen. Der Süden des Landes erlebt in den letzten Jahren einen wahren Bevölkerungsboom. So leben in El Calafate, einst Versorgungspunkt für Wolltransporte mitten im Nichts, dank des vor zehn Jahren eröffneten internationalen Flughafens und der Nähe zum berühmten Perito-Moreno-Gletscher gut 22.000 Menschen. 1995 waren es erst 3.000 Einwohner, die den stetigen kräftigen Winden und der kargen Landschaft trotzten. Auch Ushuaia, die Stadt am Ende der Welt, wächst schnell an dank Hafen, Industrie und Touristen, die von hier in die Antarktis aufbrechen oder Patagonien erkunden. Als Verkehrsmittel bietet sich übrigens neben Auto und Bussen wegen der großen Distanzen auch das Flugzeug an, denn das Eisenbahnnetz in Argentinien ist dürftig und nicht auf den Personenverkehr ausgerichtet.
Lassen Sie sich von Argentinien bewegen, ob landschaftlich, literarisch oder menschlich. Die passende Lektüre finden Sie unseren Medienempfehlungen.
Barbara Sckell